Sabine Brandes schreibt aus Tel Aviv
TLV
Maffay rockt Jerusalem
Dort, wo sonst nur dröge Politik gemacht wird, war diesen Abend Gänsehaut garantiert. Mitten in Jerusalem, auf dem Safra-Platz vor der Stadtverwaltung, rollte Deutschrocker Peter Maffay am Dienstag sein charakteristisches »R« und sang vom Frieden zwischen den Menschen. Für sein Projekt »Begegnungen« zwischen deutschen, jüdischen und arabischen Kindern war der engagierte Musiker mit seiner Band nach Israel gekommen und heizte den Zuschauern unterm Sternenhimmel der Hauptstadt richtig ein.
Bei dem von Air Berlin gesponserten Konzert waren auch die wundervollen Sängerinnen Noa und Mira Awad mit von der Partie, die im Doppel noch besser rüberkommen als allein. Die jüdische und arabische Künstlerin haben zusammen eine Ausstrahlung, die Frieden in Nahost eigentlich per Turbo heransausen lassen müsste. So meinte Noa, die sich unermüdlich für mehr Brüderlichkeit einsetzt, passend, dass man Künstlern oft nachsage, sie trällern ein Liedchen für Schalom oder Salam, »und das war es auch schon«. Sie aber glaube, es sei mehr. »Denn das ist nur der erste Schritt. Gemeinsam mit Politikern und jedem einzelnen Menschen kann es geschafft werden.« Schöne Worte, die hoffentlich mehr sind als nur ein Hoffnungsschimmer.
Für die meisten Kreischer unter den Girlies sorgte Til Schweiger, der samt sehr blonder Begleitung laut Bild-Zeitung zum ersten Mal in Israel war. »Ich war ganz überrascht, dass es so friedlich ist«, soll er gesagt haben. Ach wirklich? Kurze Zeit später stahl dem Schauspiel-Schönling ein beeindruckender Mann von fast 87 Jahren die Show: Wie immer stand Staatspräsident Schimon Peres kerzengerade auf der Bühne, als er über die besondere Wirkung von Musik sprach: »Sie haben so einen schönen Platz in Jerusalem, Herr Bürgermeister. Füllen Sie ihn mit Musik und lassen Sie die Menschen gemeinsam zuhören, damit sie nicht mehr streiten«, riet er. Dafür erntete er ein extra Ständchen des italienischen Sopran-Trios Appassionante, das in charmant gebrochenem Englisch hauchte: »This one is for you, Schimon!«
Als Maffay bei »Über sieben Brücken musst du gehen« sämtliche Kinder seines Projekts auf die Bühne rief und gemeinsam mit ihnen sang, lief wohl jedem ein wohliger Schauer über den Rücken. Den hundert Jugendlichen aus Deutschland gab er mit auf dem Weg, Botschafter für Frieden zu werden und diesen Gedanken weiter in die Welt zu tragen. Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich stehe auf seine Musik. Hier in Jerusalem aber sprang der Funke über. Wohl auch wegen der unheimlich sympathischen Ausstrahlung des kleinen großen Rockers von immerhin 60 Jahren. Nach diversen Jahrzehnten auf der Bühne sind die Gürtelschnallen etwas kleiner geworden, doch er steht wie eh und je in Cowboystiefeln und Harley-T-Shirt da. Macht nichts, Maffay ist ein beeindruckender Mann, der sich seit langer Zeit mit großem Engagement für Kinder auf der ganzen Welt einsetzt. Seinen Wunsch nach mehr Verständnis trägt er bescheiden in hervorragendem Englisch vor. Die mitgereisten Kinder brachten es auf den Punkt: Ihre selbst gemalten »Danke Peter!«-Plakate wehten noch lange im Jerusalemer Abendwind. Hut ab vor so viel Idealismus!
Die Wirren des Herrn Mankell
Ich lese viel. Ein Buch von Henning Mankell aber war noch nie dabei. Und wenn ich nicht mit Gewalt dazu gezwungen werde, wird sich daran auch nichts ändern. Nicht, dass ich etwas gegen Krimis hätte. Mitnichten. Generell aber bevorzuge ich Bücher von Schriftstellern, die ihre Aufgabe ernst nehmen, den Leser zu einem klügeren und besseren Menschen zu machen. Zu allererst tun sie das durch ihre Werke. Doch auch im sonstigen Leben haben sie Vorbildfunktion, man hört ihnen zu, will wissen, was sie denken. Bei Mankell hätte ich lieber nicht erfahren, was in seinem Hirn vor sich geht. Nach der Fahrt auf dem von den Israelis gestürmten Schiff »Mavi Marmara« schrieb er seine Erfahrungen in einem Blog nieder. Trotz des sicher verstörenden Erlebnisses, bei dem neun Menschen ihr Leben verloren und viele verletzt wurden, ist das Ergebnis für einen Schriftsteller von Weltruf gänzlich inakzeptabel: kein Papier voller Wut oder sonstigen Gefühlen, nicht einmal eine politische Schrift. Henning Mankells Worte ergeben ein diffamierendes Pamphlet, das jeglicher Differenziertheit entbehrt.
Schon zu Beginn des Blogs http://www.thedailybeast.com/blogs-and-stories/2010-06-04/henning-mankell-diary-of-the-gaza-flotilla-israel erschleicht mich ein mulmiges Gefühl, als er romantisch beschreibt, wie ruhig die See sei, der Mond voll, der humpelnde Koch tolles Essen zaubert. Aber okay, er will seine Leser locken, denke ich und lese weiter. Als sich die »Gaza-Flotte« Israel nähert, erklärt er, dass »Gewalt nicht mit Gewalt von unserer Seite begegnet werden wird. Nur elementare Selbstverteidigung«. Entschuldigung, Herr Mankell, wollen Sie Ihre Leser schon jetzt für dumm verkaufen? Sie erzählen dies, als alles schon geschehen ist, die Bilder sind um die Welt. Es ist unumstritten, dass die israelischen Soldaten mit extremer Gewalt auf ihrem ach so friedlichen Dampfer empfangen wurden, dass auf sie von Anfang an mit Eisenstangen eingeprügelt und versucht wurde, sie von Bord zu werfen.
Mankell berichtet weiter, dass die Einsatzkräfte ungeduldig seien, die Menschen wegen Langsamkeit bestrafen und wie Tiere behandeln. Nun gut, Dramatik ist wichtig ... Dann lässt er uns wissen, dass sie Zwieback, Kekse und Äpfel verteilen, aber nicht anbieten, dass die Aktivisten kochen. »Wir treffen eine kollektive Entscheidung. Nicht zu fragen, ob wir Essen kochen dürfen. Dann würden sie uns filmen und es sähe so aus, als hätten die Soldaten uns großzügig behandelt.« Ich kann kaum glauben, was ich da lese. Handelt es sich hier um abgrundtiefe Boshaftigkeit oder die totale Beschränktheit? Lassen Sie sich in Ihren Büchern auch so leicht in die Karten schauen? Dann wird mein Kollege Hannes Stein wohl recht haben, dass Sie »die wahrscheinlich langweiligsten Krimis der Welt« schreiben.
Der schwedische Autor kommt nicht umhin zu erwähnen, dass jemand von den israelischen Offiziellen seine Bücher schätzt und auch nicht, dass er ihm wie ein Kindergartenkind sagt, er solle abhauen. Das ist peinlich, doch Mankell kann auch oberflächlich, gänzlich undifferenziert und gemein: Erst sinniert er darüber, ob die Soldatinnen, die bei der Stürmung des Schiffes aussähen, als schämten sie sich, im Anschluss an ihren Militärdienst »nach Goa flüchten und drogenabhängig werden, das passiert ja ständig«. Dann beschreibt er das Bild der »mutigen und absolut unfehlbaren israelischen Soldaten als zerstört, denn sie seien nichts anderes als gewöhnliche Diebe und lügende Piraten«. Nicht die Mädchen sollten sich schämen, Herr Mankell, sondern Sie! Dafür, dass Sie sich Schriftsteller nennen, derartig niveauloses Geplärre und unerträgliche Verallgemeinerungen der Weltöffentlichkeit präsentieren und dafür wahrscheinlich jede Menge Kohle einstreichen.
Als Mankell mit seinen Kumpanen von Bord geführt wird und entlang einer Reihe von unbeteiligten Soldaten läuft, ist der Höhepunkt an Unbedarftheit seiner Ergüsse erreicht: »Auf einmal wird mir klar, dass ich ihnen das nie vergeben werde. In diesem Moment sind sie in meinem Kopf nicht mehr als Schweine und Bastarde.« Dass er seine Bücher vielleicht nicht mehr ins Hebräische übersetzen lassen will, überlegt er. Aha, Sippenhaft also. Abstrafung eines gesamten Volkes, weil Ihnen nicht gefällt, was die Regierung tut. Allerdings fügt Mankell schnell hinzu, dass er darüber noch etwas mehr nachdenken müsse. Klar, das Geld von den »israelischen Schweinen« kann man ja trotzdem einsacken, oder?!
Schreiben Sie ruhig noch ein paar mehr von diesen Blogs, Herr Mankell. Dann müssen Sie nicht mehr grübeln, ob Sie Ihre Bücher in Israel anbieten lassen wollen oder nicht. Die Entscheidung wird Ihnen sicher ganz schnell abgenommen – weil niemand sie mehr kauft.
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