Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Eine Informationstafel der Outdoor-Ausstellung »Fußball und das KZ Buchenwald« in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar. Foto: picture alliance/dpa

Der Jubel war echt. Als die jüdische Mannschaft am Ostersonntag 1939 in Buchenwald gegen die arische Häftlingsmannschaft in Führung ging, skandierten die rund 2.000 zuschauenden Buchenwald-Häftlinge spöttisch jenen Satz, der auf den Straßen des nationalsozialistischen Deutschlands allgegenwärtig war: »Die Juden sind unser Unglück.«

Was wie eine bizarre Episode klingt, gehört zur Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald, überliefert in den Erinnerungen des jüdischen Arztes und Häftlings Edgar Rhoden aus Wien. Wenige Wochen zuvor hatte die SS die Baracken des sogenannten Pogromsonderlagers auf dem Appellplatz abreißen lassen. Dort hatten nach dem 9. November 1938 Tausende jüdische Männer gelitten, rund 250 waren gestorben.

Ausgerechnet an diesem Ort entstand nun ein improvisierter Fußballplatz. Die jüdischen Spieler gewannen das Spiel mit 3:1.

Erinnerung an Spieler und Spiele

Die SS-Lagerführung ließ das Spiel organisieren. Ein Schiedsrichter wurde bestimmt, ein Sprecher kommentierte die Partie über Lautsprecher für die Häftlinge in den Baracken. Für die SS waren solche Veranstaltungen Teil einer Inszenierung. Fußball sollte Normalität vortäuschen und den verbrecherischen Charakter des Lagers verdecken. Nicht zufällig gehörte der Sportplatz später zu den Orten, die Besuchern vorgeführt wurden. Bis 1942 sollen Funktionshäftlinge im Lager gespielt haben. »Zu Hochzeiten existierten bis zu zwölf Häftlings-Fußballmannschaften«, sagte eine Sprecherin der Gedenkstätte.

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald mit einer Internet-Ausstellung an Fußballer, Funktionäre und Spiele in dem ehemaligen Konzentrationslager. Zu den porträtierten Häftlingen gehört etwa der Italiener Icilio Zuliani.

Der Stürmer hatte Ende der 1920er Jahre in der höchsten italienischen Liga für die US Fiumana gespielt. Nach der deutschen Besatzung Italiens unterstützte er Partisanen. Die Gestapo verhaftete ihn 1944 und deportierte ihn über Dachau nach Buchenwald.

»Jule war ein dufter Typ«

»Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 und der sogenannte Anschluss Österreichs 1938 bedeuteten vor allem für jüdische Fußballer und Vereinsfunktionäre das Ende ihrer Karrieren und den Beginn der Verfolgung«, sagte die Sprecherin. Später seien Fußballer und Fußballenthusiasten aus ganz Europa nach Buchenwald gekommen, etwa weil sie im deutsch besetzten Europa Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisteten. Oder weil sie, wie der ehemalige französische Nationalspieler Eugène Maës, einen Witz über deutsche Besatzungssoldaten gemacht hatten.

Eines der Häftlingsschicksale steht für die Verfolgung deutscher Juden. Julius Lehmann spielte als Verteidiger für die zweite und dritte Mannschaft von Eintracht Frankfurt. Der im Frühjahr 2013 verstorbene Karl »Micki« Kraus erinnerte sich noch an den Verteidiger, den alle nur Jule nannten: »Jule war ein dufter Typ.« Bis Juni 1937 spielte er in der Eintracht, seine Mannschaftskameraden sollen ihm geholfen haben, wo sie nur konnten. Nach den Novemberpogromen wurde er mit seinem Bruder Max nach Buchenwald deportiert und nach drei Monaten zunächst entlassen.

Mit der »SS-Sportgemeinschaft Buchenwald« in Ligabetrieb

Während Häftlinge um ihr Überleben kämpften, spielte die SS selbst Fußball. Mit der »SS-Sportgemeinschaft Buchenwald« nahm sie ab 1939 am regulären Spielbetrieb in Thüringen teil. Zeitweise wurde die Elf vom früheren Nationalspieler Fritz Förderer trainiert. Der deutsche Meister von 1910 arbeitete seit 1939 als Sportlehrer in Weimar. Für die SS waren die Fußballspiele Teil des Selbstbildes der SS als angebliche Eliteorganisation.

Zuliani kam von Weimar in das Außenlager Ohrdruf. Im Frühjahr 1945 wurde er krank nach Bergen-Belsen gebracht. Dort verliert sich seine Spur. Er wurde nur 35 Jahre alt. Maës starb vermutlich im März 1945.

Lehmann blieb nach seiner Haftentlassung bei seiner kranken Mutter in Frankfurt. 1942 wurde er in den Osten deportiert. Dort verliert sich seine Spur. Seit 2012 erinnert »seine« Eintracht mit einem Stolperstein vor dem Vereinsleistungszentrum Riederwald an den ehemaligen Spieler.

SS-Trainer Fritz Förderer dagegen konnte nach dem Krieg problemlos in seinen Beruf zurückkehren. Bis zu seinem Tod 1952 blieb er städtischer Angestellter und trainierte die SG Weimar-Ost.

Großbritannien

Zwischen Skepsis und Hoffnung

Die jüdische Gemeinschaft sieht den neuen Premier Andy Burnham kritisch – er will die Nahostpolitik des Landes ändern

von Rudolf Hönnige  23.07.2026

Meinung

Ist der neue jüdische Außenminister nur ein Feigenblatt?

Großbritanniens neuer Premier Andy Burnham hat Ed Miliband zum Außenminister ernannt. Dass nun ein jüdischer Politiker für die Nahostpolitik zuständig ist, könnte auch ein Feigenblatt sein

von Michael Thaidigsmann  21.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Herkunft und Sympathien der Spielerikone kursieren, erzählen die Söhne eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine andere, besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  19.07.2026 Aktualisiert

USA

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Howard Rossbach ist eine feste Größe im Weinhandel, liebt Anekdoten und prophezeit seiner schwächelnden Branche trotz allem eine gute Zukunft

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Justiz

Schweizer Comedian Hamza Raya wegen Rassismus angezeigt

Ein muslimischer Comedian und ein jüdischer Gastronom loten die Grenzen der Satire aus. Nun droht dem einen von beiden eine juristische Auseinandersetzung

von Nicole Dreyfus  15.07.2026

Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels ist Hochseilartistin. Sie floh als Sintiza vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als 93-jährige Zeitzeugin war sie nun in Heidelberg zu Gast. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

von Stefanie Ball  15.07.2026

Verschwörungsmythen

Messi: Im Visier von Antisemiten

Eine NGO, die in den sozialen Medien antisemitische Inhalte aufspürt, berichtet, dass Argentiniens Starspieler immer wieder Ziel von judenfeindlichen Verschwörungsmythen wird

 15.07.2026

New York

Ronald Lauder sucht Nachfolger

Der WJC-Präsident, Unternehmer und Philanthrop wirbt außerdem dafür, dass sich eine neue Generation wohlhabender Juden stärker für jüdisches Leben engagiert – durch Investitionen in Bildung

 15.07.2026

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  15.07.2026