Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels, Hochseilartistin, Sintiza und Holocaust-Überlebende Foto: Stefanie Ball/KNA

Wenn der Krieg noch länger gedauert hätte, wäre sie »weg vom Fenster« gewesen. »Pfutsch«, sagt Frieda Daniels. Die 93-Jährige ist den weiten Weg von Kalifornien nach Heidelberg gekommen, um den Menschen im Großen Rathaussaal ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Organisiert wurde das Treffen vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma gemeinsam mit der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität sowie der Stadt Heidelberg.

Frida erlebte als Kind die Herrschaft der Nationalsozialisten. Sie ist Sintiza, Angehörige der Sinti, die im Zweiten Weltkrieg verfolgt wurden. Insgesamt fielen geschätzte 500.000 Sinti und Roma dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer. Die Familie Lemoine, Friedas Eltern und ihre zehn Geschwister, überleben.

»No pills!«

»Wir hatten ein Riesenglück«, sagt die zierliche Frau im schwarz-weiß-gestreiften Kleid und mit dem schwarzen Haarband. Sie lacht fortwährend und entschuldigt sich, dass sie die Fragen nicht gleich verstehe, das Gehör. Das sei aber auch das Einzige, was nicht mehr gut sei, und sie rät, als sie gefragt wird, wie sie so alt geworden sei: »No pills - never ever, keine Pillen!«

Immer wieder streut sie englische Wörter ein, denn ihr Leben hat sich ab Mitte der 1950er Jahre in den USA abgespielt. In Köln hatte sie einen Soldaten kennengelernt, den sie später wiedertrifft - in Hollywood. Dort lebte schon eine Schwester von Frieda. Zu der war sie gezogen - und diese hatte den Kontakt zu dem Mann, der dann Friedas Ehemann und Vater ihrer fünf gemeinsamen Kinder werden sollte. Drei Töchter sitzen an diesem Abend in Heidelberg im Publikum, zwei von ihnen leben in Deutschland.

Artistin schon als Kind

Hinter Frieda werden großformatig Schwarz-Weiß-Fotos an die Wand geworfen, sie zeigen eine junge Frau, die in schwindelerregender Höhe Akrobatik auf einem gespannten Seil vollführt. Frieda stammt aus einer Artistenfamilie, ihr Vater Johann hatte eine eigene Truppe, das waren ihre Geschwister. Auch Frieda sollte bald dazugehören. Mit fünf Jahren sei sie das erste Mal über ein Seil gelaufen. »Möchte mein kleines Mädchen auch mal aufs Seil?«, habe ihr Vater sie gefragt, als ihre älteren Brüder und Schwestern im Training gerade eine Pause einlegten.

Das letzte Mal habe sie vor zwei Jahren auf einem in ihrem Garten in Kalifornien gespannten Seil gestanden, sie müsse ja nun etwas aufpassen, sagt sie lachend.

Deutsche Bürokratie wusste Bescheid

Eigentlich war vieles in ihrem Leben nicht zum Lachen: Schon früh lernt Frieda, dass sie anders ist. »Zigeuner«, hätten ihr andere Kinder hinterhergerufen. Friedas Vater gehörte der Minderheit der Sinti an. Und er weiß schon vor der Machtergreifung durch die Nazis, dass das ein Problem sein kann. So sei Romanes, die Sprache der Sinti und Roma, nie zu Hause gesprochen worden. Doch auf dem Amt, sagt Frieda, da wussten sie es.

Als im Oktober 1939 der Festsetzungserlass ergeht, steht das Leben für die Lemoines still. Sie dürfen Hamburg fortan nicht mehr verlassen. Der Erlass schafft die Grundlage für eine spätere Deportation der Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich. Als unmittelbare Wirkung verschlechtert er die Lebensbedingungen der Menschen drastisch. Denn viele Sinti und Roma verdienten ihren Lebensunterhalt im Wandergewerbe, was jetzt unmöglich wurde. Gleichzeitig nahm die öffentliche Ausgrenzung zu.

Meldung bei der Gestapo

»Wenn Luftalarm war, wurden wir nicht in die Keller gelassen, sie haben gesagt: Es ist überfüllt!«, erzählt Frieda. Alle zwei Wochen habe sich der Vater mit einem der Kinder bei der Gestapo melden müssen. »Das war für meine Mutter das Allerschlimmste.« Sie fürchtete jedes Mal, der Vater kehre nicht zurück.

Schließlich flieht die Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Hamburg nach Thüringen, zur Großmutter mütterlicherseits, die keine Sintiza war. »Mein Vater hatte heimlich BBC-Radio gehört, so wusste er, dass Hamburg großflächig bombardiert werden sollte«, erzählt Frieda. Die Großmutter habe in einem kleinen Dorf gelebt, Großengottern, sie sei Schauspielerin an einer Volksbühne gewesen. »They loved my Oma, und sie haben uns willkommen geheißen«, erinnert sich Frieda.

Vater hisst weißes Bettlaken

Von ihrem Leben, ihrem Wohnwagen, den die Lemoine in Hamburg zurücklassen müssen, bleibt nichts übrig. »Nur Schutt und Asche«, sagt Frieda, die Eltern seien noch einmal zurückgekehrt in der Hoffnung, etwas retten zu können. Als sich US-amerikanische Soldaten mit ihren Panzern dem Dorf in Thüringen nähern, klettert ihr Vater auf den Kirchturm, um ein weißes Bettlaken zu hissen.

Die Amerikaner werden zu Freunden, ihr Vater habe Schallplatten von Louis Armstrong besessen, dem Jazzmusiker, die hätte er zusammen mit den jungen Soldaten gehört. »Sie sagten Mom and Dad zu meinen Eltern«, erzählt Frieda.

US-Soldaten als Freunde

Um den herannahenden russischen Truppen zu entgehen, leiht sich der Vater den Wohnwagen der Großmutter, und die amerikanischen Soldaten ziehen ihn mit einem Truck in den Westen, in die Nähe von Witzenhausen bei Kassel. Aus einem Depot, das ehemals den deutschen Soldaten gehörte, hatte sich der Vater bedienen dürfen. Er nimmt Mehl und Grieß und Säcke mit noch grünen Kaffeebohnen mit. Damit bezahlt er die Schreiner und Schmiede, die ihm helfen, eine neue Arena für Artistikvorführungen zu bauen.

Dann zieht die Familie wieder durch Deutschland, ein zerstörtes Deutschland jetzt, und zeigt ihr Hochseilprogramm. »Die Menschen sind gekommen wie wahnsinnig, sie wollten etwas Freudiges sehen«, erinnert sich Frieda. Auch heute applaudieren die Menschen im Heidelberger Großen Rathaussaal. Frieda steht auf, verbeugt sich: »Ich fühle mich wie früher«. (mit ja)

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