Monaco

Zweitjüdischste Nation der Welt

Zu den Statistiken, die man zweimal lesen muss, gehört vermutlich folgende: Außerhalb Israels hat Monaco den weltweit prozentual höchsten Anteil jüdischer Einwohner. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung sollen jüdisch sein – also rund 2000 Personen in einem Stadtstaat mit knapp 38.600 Einwohnern auf einem Gebiet, das kleiner ist als das Tempelhofer Feld in Berlin. Die Zahl stammt von den beiden Rabbinern der monegassischen Gemeinde und ist, wie alle Selbstauskünfte, mit Vorsicht zu genießen. Aber selbst bei konservativer Schätzung bleibt der Befund bemerkenswert.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten gerade einmal 300 Juden in Monaco. Als die Besatzung kam – im November 1942 durch die Italiener, ab September 1943 durch deutsche Truppen –, verhielt sich das Fürstentum so, wie sich kleine Staaten unter Druck meist verhalten: ambivalent.

Fürst Louis II. verweigerte die Entlassung jüdischer Beamter und stellte einzelnen Gefährdeten gefälschte Identitätsdokumente aus. Gleichzeitig erließ er bereits im Juli 1941 auf deutschen Druck ein Dekret zur Registrierung aller Juden im Fürstentum. Und in der Nacht vom 27. auf den 28. August 1942 verhaftete seine Polizei auf Druck der Vichy-Behörden mindestens 66 Juden. Insgesamt wurden etwa 90 Menschen aus Monaco und dem unmittelbar angrenzenden französischen Gebiet deportiert. Nur neun haben überlebt.

Monaco – Paris – Auschwitz

Zu den bekanntesten Opfern gehörte René Blum, künstlerischer Leiter des Théâtre de Monte-Carlo sowie Gründer der berühmten »Ballets Russes de Monte Carlo«. Er wurde allerdings nicht in Monaco verhaftet. Die Gestapo holte ihn im Dezember 1941 aus seiner Pariser Wohnung, internierte ihn in Drancy und deportierte ihn am 23. September 1942 nach Auschwitz, wo er kurz nach seiner Ankunft ermordet wurde.

Jahrzehntelang blieben diese Ereignis­se ein schlecht gehütetes Geheimnis. Es waren Serge und Beate Klarsfeld, die Fürst Rainier III. zur Aufarbeitung drängten. Am 27. August 2015 – 73 Jahre nach der Verhaftungsnacht – enthüllte dessen Sohn, Fürst Albert II., auf dem Friedhof von Monaco ein Denkmal mit den Namen der Deportierten und bat öffentlich um Vergebung.

»Wir haben etwas getan, das nicht wiedergutzumachen ist: Wir haben Frauen, Männer und Kinder, die bei uns Zuflucht suchten, um den Verfolgungen zu entkommen, denen sie in Frankreich ausgesetzt waren, den Nazi-Behörden übergeben. Wir haben sie nicht beschützt. Es war unsere Verantwortung.« Dies war das erste öffentliche Schuldbekenntnis Monacos. Albert schuf zudem eine Kommission zur Unterstützung von Opfern von Vermögensentziehungen; neun Entschädigungsanträge wurden damals genehmigt.

Die Aufarbeitung blieb unvollständig. Im Januar 2020 hatte Staatsminister Serge Telle dem Simon-Wiesenthal-Zentrum beim Gedenkakt zur Befreiung von Auschwitz in Jerusalem mündlich zugesichert, die staatlichen Archive aus den Jahren 1942 bis 1944 zu öffnen. Der erste Archivbesuch fand am 2. März 2020 statt. Laut dem Wiesenthal-Zentrum geben Dokumente der Holocaust-Gedenkstätten in Washington und in Paris Hinweise darauf, dass die tatsächliche Zahl der Opfer deutlich höher liegen könnte als die offiziell anerkannten 90.

Rund 2000 Juden kommen auf 38.600 Einwohner im Stadtstaat.

Die jüdische Gemeinde der Gegenwart hat mit dieser Geschichte wenig unmittelbare Verbindung. Sie ist jung, im Sinne von neu zusammengesetzt. Die meisten Mitglieder sind keine Monegassen – Monaco verleiht seine Staatsbürgerschaft äußerst selten –, sondern Ausländer, die ihren Wohnort hierhin verlegt haben. Laut einem Bericht der »Jewish Telegraphic Agency« (JTA) besteht sie vor allem aus sefardischen Juden über 60. Viele sind aus Frankreich und Großbritannien zugewandert, dazu kommen nordafrikanische und türkische Juden, die nach der Unabhängigkeit der Maghreb-Staaten nicht nach Israel, sondern an die Côte d’Azur zogen. Auch gibt es russischsprachige Auswanderer und israelische Unternehmer.

Was sie anzieht: Monaco erhebt weder Einkommens- noch Erbschaftssteuern. Viele sind Millionäre, andere jedoch auch einfache Angestellte in den Bereichen Tourismus, Finanzen oder Glücksspiel. Die Struktur der Gemeinde spiegelt letztlich die Struktur des Landes: Sie ist eher wohlhabend, kosmopolitisch und ohne tiefe lokale Wurzeln.

Synagoge Edmond Safra

Das sichtbarste Symbol dieser Gemeinde ist die Synagoge Edmond Safra. 2017 nach aufwendiger Renovierung wiedereröffnet, ermöglicht durch eine Spende von mehr als zehn Millionen Dollar der gleichnamigen Bankiersfamilie, ist das Gebäude in Form einer Torarolle gestaltet, die Fassade mit Jerusalemer Kalkstein verkleidet und das Innere mit Orchideen geschmückt. Der Mann, dessen Name es trägt, steht nicht nur für das, was die Gemeinde ausmacht, er gelangte außerdem zu trauriger Berühmtheit.

Edmond Safra, geboren in Beirut in eine syrisch-jüdische Bankiersfamilie aus Aleppo, war einer der bedeutendsten jüdischen Philanthropen des 20. Jahrhunderts: Synagogen, Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser auf mehreren Kontinenten tragen seinen Namen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in dem Zwergstaat an der Côte d’Azur. Er starb 1999 in seinem Penthouse bei einem Brand, den sein Pfleger gelegt hatte, um sich als Retter in Szene zu setzen. Der Pfleger wurde verurteilt.

Die Verschwörungstheorien verstummten jedoch nicht. Ende 2025 präsentierte Netflix eine Dokumentation, die weltweit Beachtung fand und den Namen Safra ein Vierteljahrhundert nach dessen Tod wieder in die öffentliche Aufmerksamkeit rückte. Für die Gemeinde in Monaco hat das eine eigentümliche Doppelbedeutung: Der Mann, der das schönste jüdische Gebäude des Fürstentums finanziert hat, ist auch das Gesicht einer erfolgreichen True-Crime-Produktion.

»Ein Motor für das Wachstum der Gemeinde«

Daniel Torgmant, seit 2010 Gemeinderabbiner, sagte der JTA, das neue Gebäude sei »ein Motor für das Wachstum der Gemeinde« geworden. Die Gottesdienstbesuche hätten sich vervierfacht, die Zahl der Bar- und Batmizwa-Feiern und Beschneidungen sei auf rund 50 pro Jahr gestiegen. Die zweite Synagoge ist das Chabad-Zentrum im Erdgeschoss eines Wohnhauses mit rund 200 regelmäßigen Besuchern. Gottesdienste werden für Mitglieder, die das Französische nicht beherrschen, auf Englisch abgehalten. Eine jüdische Schule gibt es in Monaco nicht. Religiöse Familien schicken ihre Kinder ins rund 16 Kilometer entfernte Nizza.

Die französische Küstenstadt hat eine bedeutende jüdische Gemeinde – und eine erschütternde Bilanz antisemitischer Übergriffe. Anders als dort, wo sich viele Juden nicht sicher fühlen, sei das Tragen einer Kippa in Monaco kein Problem, berichtete JTA: Antisemitische Vorfälle seien äußerst selten, die Polizei habe eine starke Präsenz – ein Beamter auf 70 Einwohner, mehr als das Vierfache des EU-Durchschnitts.

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Dieser Kontrast ist seit dem 7. Oktober 2023 noch schärfer geworden. In ganz Frankreich – der drittgrößten jüdischen Diaspora der Welt – haben antisemitische Übergriffe ein Niveau erreicht, das es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hat. Laut dem »Conseil Représentatif des Institutions Juives de France« (CRIF) wurden 2023 insgesamt 1676 antisemitische Vorfälle registriert – fast viermal so viele wie im Vorjahr mit 436. Drei Viertel dieser Taten ereigneten sich in den Monaten Oktober, November und Dezember 2023. 2024 blieben die Zahlen auf ähnlich hohem Niveau: rund 1570 Vorfälle. Für 2025 meldet das CRIF noch immer mehr als 3,5 Vorfälle pro Tag. Der Anteil physischer Gewalt stieg erstmals auf mehr als 14 Prozent.

Die Jewish Agency verzeichnete für 2024 mehr als 7000 Alija-Anträge aus Frankreich – ein dramatischer Anstieg, auch wenn 2024 geschätzt tatsächlich »nur« 2200 bis 3300 Personen ausgewandert sind. Nicht alle, die Frankreich verlassen wollen, wählen Israel. Monaco liegt 20 Autominuten von Nizza entfernt, ist sprachlich und kulturell vertraut, bietet steuerliche Vorteile – und eine Sicherheit, die in Frankreich der Vergangenheit angehört.

Monaco bietet eine Sicherheit, die in Frankreich der Vergangenheit angehört.

Die politischen Signale aus Monacos Palais Princier verstärken diesen Eindruck. Albert II. erhielt 2016 vom damaligen israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres den »Friends of Zion«-Preis, der an Staatsoberhäupter vergeben wird, die sich öffentlich für Israel eingesetzt haben. Nach dem 7. Oktober richtete Albert umgehend eine persönliche Botschaft an Israels Präsidenten Isaac Herzog. Im September 2025 erkannte er vor der UN-Vollversammlung in New York die Staatlichkeit Palästinas an, betonte in derselben Rede aber Monacos »unerschütterliche Unterstützung für Israels Existenzrecht«.

Volle diplomatische Beziehungen zu Israel seit 1964, gleichzeitig Anerkennung der PLO und nun eines palästinensischen Staates

Diese Formel entspricht dem Kurs, den Monaco seit Jahren verfolgt: volle diplomatische Beziehungen zu Israel seit 1964, gleichzeitig Anerkennung der PLO und nun eines palästinensischen Staates. Getragen wird dieser Kurs auch durch zivilgesellschaftliche Strukturen: Die Vereinigung »Monaco Friends of Israel« pflegt kulturelle, diplomatische und wirtschaftliche Verbindungen zwischen dem Fürstentum und Israel.

Diese institutionelle Dichte deutet auf eine Gemeinschaft hin, die sich nicht als Provisorium versteht. Im Januar besuchte der israelische aschkenasische Oberrabbiner Kalman Ber die Gemeinde – der erste Besuch dieser Art –, traf den Stabschef von Fürst Albert II. und legte den Grundstein für ein neues jüdisches Zentrum. Eduard Shyfrin, Vizepräsident der Gemeinde und Organisator des Besuchs, fasste die Stimmung so zusammen: »Jüdische Menschen in Europa fühlen sich wie in einer belagerten Festung.«

Das geplante Zentrum soll mehr sein als eine weitere Synagoge: ein Ort für Bildung, Kultur und Begegnung, der die Gemeinde aus ihrer Unsichtbarkeit herausführt. Ob das gelingt, hängt auch davon ab, wie viele der rund 2000 Mitglieder dauerhaft bleiben – und wie viele Monaco nur als Durchgangsstation auf dem Weg nach Israel oder anderswohin nutzen. Genaue Zuwanderungszahlen veröffentlicht Monaco nicht. Was sich feststellen lässt: Die Synagogen wachsen, und die Gemeinde wird jünger.

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