Frankreich

Das Glück, wenn ich es will

Betonte Lässigkeit gehörte zum Programm: Die »Club Med«-Feriendörfer erinnerten aus gutem Grund an eine Mischung aus Kibbuz und polynesischem Inselparadies. Foto: picture alliance / © Bruce Coleman/Photoshot.

Wer, wie der Autor, in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren in einem frankofonen Land lebte und den Fernseher einschaltete oder ins Kino ging, kam an dieser Werbekampagne nicht vorbei: Ein Mann in gelben Shorts liegt am Strand, strahlende Sonne am knallblauen Himmel und im Hintergrund Meer. Nacheinander defilieren Menschen an ihm vorbei, Tennis oder Golf spielend, mit Taucherflossen, in Ballettschuhen oder auf dem Mountainbike. Doch er winkt ab und blättert lieber weiter in seiner Strandlektüre. Dann erscheint der berühmte Werbespruch: »Le bonheur, si je veux.« Das Glück, wenn ich es will.

Als die Kampagne anlief, war Club Méditerranée, den alle nur »Club Med« nennen, längst ein international tätiger Konzern, der Millionen von Urlaubern in die All-inclusive-Ferien schickte. Dabei hätten die Anfänge nicht bescheidener sein können. Was sich heute als erfolgreiches Paket aus zweckmäßiger Unterkunft, Rundumverpflegung und einem vielfältigen Programm an animierten Aktivitäten präsentiert, nahm im Jahr 1950 unter widrigen Umständen als einfachstes Sommerlager auf Mallorca seinen Anfang. Die Köpfe dahinter waren ein belgischer und ein französischer Jude, beide Widerstandskämpfer und unternehmerische Visionäre – jeder auf seine Art.

Karriere als Wassersportler

Gérard Blitz kam 1912 in Antwerpen zur Welt. Als Kind einer jüdischen Familie, die im internationalen Diamantenhandel tätig war, wuchs er in einem klassisch bürgerlichen Milieu auf. Mit 16 verließ er die Schule, versuchte sich kurz im Diamantenhandel und schlug schließlich, wie zahlreiche seiner Verwandten, eine Karriere als Wassersportler ein. Sein Vater Maurice hatte Belgien bei den Olympischen Spielen 1920 und 1924 im Wasserball vertreten; ein Onkel gewann 1936 in Berlin als einer der wenigen jüdischen Athleten eine Medaille. Blitz trat der Kommunistischen Partei bei, verließ sie aber bald wieder – die Organisation war ihm zu starr und zu hierarchisch.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zerstörte diese selbstbestimmte Welt abrupt. Blitz diente zunächst in einem Sportlerregiment der belgischen Armee. Nach der Kapitulation wurde er denunziert und von der Gestapo verhaftet, kam aber kurz darauf aufgrund der Fürsprache des Antwerpener Bürgermeisters wieder frei – was einiges über die Verbindungen seiner Familie besagt. Daraufhin setzte er sich nach Paris ab, wo er sich der Résistance anschloss und schließlich als Agent der britischen Special Operations Executive (SOE) rekrutiert wurde.
Die im Volksmund auch »Ministry of Ungentlemanly Warfare« (etwa: Ministerium für unfeine Kriegsführung) genannte Truppe war von Premierminister Winston Churchill für besonders riskante Attentate, Sabotageaktionen und Waffenschmuggel gegründet worden.

Nach dem Krieg verlieh Belgien Gérard Blitz für seine Verdienste in der Résistance mehrere Auszeichnungen. Während sich die Europäer nach 1945 an den Wiederaufbau machten, übertrug die belgische Regierung eine wichtige Aufgabe an den Kriegshelden Blitz: die Betreuung flämischer und wallonischer KZ-Überlebender. Blitz mietete ein Hotel in der Nähe von Chamonix und stellte die medizinische Versorgung und soziale Wiedereingliederung der Teilnehmer sicher.

Der eigentliche Ursprung

Der Soziologe Alain Ehrenberg sieht darin den eigentlichen Ursprung des Club Med. Indem Blitz den Befreiten wieder beibrachte zu leben, habe er das zentrale Prinzip des Clubs entdeckt: den sicheren Raum, die gemeinsamen Routinen und die bewusste Nutzung gemeinschaftlicher Aktivität, um die Fähigkeit zu einem möglichst normalen Leben wiederherzustellen. Blitz selbst bezeichnete die Chamonix-Zeit später als »Vorgeschichte des Clubs«.

Die eigentliche Idee für den Club Med entwickelte Blitz 1949 auf Korsika, als er seine Schwester Judith, genannt Didy, in Calvi besuchte. Didy arbeitete damals in einem Ferienlager namens Club Olympique, das der russische Emigrant Dimitri Philippoff 1935 gegründet hatte – eine frühe Form des All-inclusive-Urlaubs. Blitz erkannte sofort das Potenzial dieser neuen Art des Tourismus und beschloss, die Freizeit der kriegsgebeutelten Europäer zu seinem Beruf zu machen.

An Ideen und Erfahrung mangelte es ihm nicht, wohl aber an Geld. Doch wie es das Schicksal wollte, lernte er nur wenige Monate später Gilbert Trigano kennen, dessen Familienunternehmen Zelte und Campingausrüstung herstellte.

Indem Blitz den Befreiten beibrachte, wieder zu leben, entdeckte er das zentrale Prinzip des Clubs.

Triganos Biografie war nicht minder beeindruckend als die von Blitz: Er wurde 1920 in Paris in eine sefardisch-jüdische Familie mit Wurzeln in Algerien geboren. Sein Vater hatte sich vom ruinierten Kaffeehändler zum Zeltproduzenten vorgearbeitet und in den 30er-Jahren die gerade entstehende Campingkultur als wachsenden Markt entdeckt. Sohn Gilbert wollte zunächst Schauspieler werden, doch die deutsche Okkupation setzte seiner Karriere ein Ende.

Die Familie floh in den Süden. Nach der Befreiung arbeitete Trigano als Journalist für die linken Publikationen »L’Humanité« und »Avant-Garde«. 1953 machte ihn Gérard Blitz zum Finanzdirektor des Club Med. Das erste Ferienlager in der Nähe des mallorquinischen Alcúdia zählte im Sommer 1950 rund 200 Zelte und 2300 Anmeldungen. Zehntausend weitere Anfragen mussten abgelehnt werden.

Die Unterbringung war anfänglich so mangelhaft, dass Blitz einen Teil der Gäste entschädigen musste. Eine Windhose riss Stromkabel und ein Dutzend Zelte weg, der Reisebus für Ausflüge fiel regelmäßig aus, und die Urlauber mussten sich gerade einmal zwölf Paar Taucherflossen teilen. Das von Blitz ausgegebene Motto des Clubs: »Das Ziel des Lebens ist es, glücklich zu sein. Der Ort, um glücklich zu sein, ist hier. Der Moment, um glücklich zu sein, ist jetzt.«

Das Duzen war von Beginn an für alle verbindlich

Die Anfänge waren finanziell schwierig, doch das neuartige Konzept sprach die Menschen an: gemeinsame Mahlzeiten zu acht an langen Tischen, Sport und Tanz als Tagesstruktur, Perlen als Zahlmittel. Das Duzen war von Beginn an für alle verbindlich, für Gäste wie für Mitarbeiter – in der französischen Gesellschaft der frühen 50er-Jahre eine echte Provokation. Angestellte trugen den Titel »gentils organisateurs«, Besucher hießen »gentils membres«. Das Wort »gentil« – freundlich, sanft, nett – trug entscheidend dazu bei, das Unternehmen als egalitär und offen darzustellen. Zeitgenössische Beobachter beschrieben das Resultat als eine Art Pfadfindercamp mit dem kollektivistischen Flair eines Kibbuz.

Der Vergleich mit dem Kibbuz war nicht zufällig. Die frühen Jahre des Club Med waren stark jüdisch geprägt – Schätzungen zufolge waren bis in die 80er-Jahre rund 80 Prozent der Angestellten jüdischer Herkunft. Auch die Verbindung des Unternehmens zu Israel beruhte auf mehr als abstrakter Sympathie. 1961 reiste Trigano nach Israel, um das erste dortige Feriendorf zu gründen. Premier David Ben Gurion war sofort vom Potenzial des Konzepts überzeugt, lud den Franzosen zu einem Hubschrauberflug über die mediterranen Strände des Landes ein und überließ ihm ein Gelände in Achziv, an der Nordspitze des Landes nahe der Grenze zum Libanon, zur freien Verfügung. Der Jüdische Nationalfonds gewährte einen 50-jährigen Pachtvertrag.

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Das Dorf, das dort entstand, unterschied sich architektonisch von allen anderen Anlagen: Die israelischen Architekten Eldar Sharon, Alfred Neumann und Zvi Hecker entwarfen avantgardistische Polyederstrukturen aus gepresstem Schilf mit sechseckigen Grundrissen und dreieckigen Dachpaneelen, die zur Belüftung geöffnet werden konnten. Noch im selben Jahr stattete Edmond de Rothschild der Anlage einen längeren Besuch ab. Er übernachtete wie alle anderen in einer einfachen Hütte und bot Blitz und Trigano danach an, als Kapitalgeber einzusteigen.

Dieses Angebot rettete das chronisch defizitäre Unternehmen vor der Insolvenz und ermöglichte seine globale Expansion. Die betonte Lässigkeit, die in den Feriendörfern herrschte, hatte auch mit Blitz’ zweiter Frau Claudine Coin­deau zu tun, einer aus Tahiti stammenden Krankenschwester, die ihn früh mit polynesischen Ritualen und östlicher Philosophie bekannt machte. Die Einführung des Pareos, jenes polynesischen Wickeltuchs, als Uniform der gentils organisateurs, das Überreichen von Blumenkränzen bei der Ankunft und die Unterbringung in Bungalows nach polynesischem Vorbild zeugen von ihrem großen Einfluss.

Die öffentliche Wahrnehmung des Club Med wurde in besonderem Maße von seinem langjährigen Werbetexter geprägt: Jacques Séguéla, Kommunikationsstratege der Sozialistischen Partei und Erfinder des Mitterrand-Wahlslogans »La Force tranquille« (Die stille Kraft). 1976 kommunizierte das Unternehmen noch in Infinitiven: »Lachen. Spielen. Atmen. Aufbrechen.« Die Grammatik ist aufschlussreich: Befehle an eine Gemeinschaft, ein kollektives Du. 1986 folgte »Die schönste Idee seit Erfindung des Glücks« – grandios, selbstgefällig, aber noch nach etwas Universellem greifend.

»Der Ort, um glücklich zu sein, ist hier. Der Moment, um glücklich zu sein, ist jetzt.«

1989 kam die Kampagne, die das Glück vom Kollektiv löste und zum individuellen Akt erklärte: »Le bonheur, si je veux.« Glück als Angebot, das man annehmen kann oder auch nicht, je nach Stimmung. Blitz’ Motto von 1950 hatte dergleichen nicht geduldet. 2013 wurde das Glück zur bloßen Auslegungssache des Konsumenten: »Und Sie – wie stellen Sie sich das Glück vor?« 2023 gab man das Wort ganz auf. Von nun an hieß es schlicht: »Der freie Geist, der ist hier.« Das hatte mit den ursprünglichen Vorstellungen von Blitz nicht mehr viel zu tun.

Die rasche Expansion des Club Med in den 60er-Jahren erfolgte entlang der Küsten des Mittelmeers. Nach dem Verlust der spanischen Konzession – die katholische Kirche hatte sich an der großen Freizügigkeit gestört – entstanden Anlagen in Italien, Griechenland, Tunesien und der Schweiz. Bereits 1955 öffnete ein erstes Feriendorf in Tahiti. Blitz war jedoch kein besonders erfolgreicher Geschäftsmann. Die Verluste wuchsen mit den Mitgliederzahlen.

Trigano übernahm die operative Führung und wurde 1963, als der Club seinen Vereinsstatus aufgab und zur Aktiengesellschaft wurde, Geschäftsführer. Er beschrieb die damalige Beziehung zu Blitz als Partnerschaft zweier gegensätzlicher und sich dennoch ergänzender Menschen. Sich selbst sah er vor allem als Geschäftsmann; in Blitz erkannte er einen »Guru«.

Zen-Buddhismus und Yoga

Mit der Zeit distanzierte sich Blitz zunehmend von seinem Unternehmen. Er übernahm die Entwicklung des Pazifikraums und lebte ansonsten vor allem auf Tahiti, wo er ein kleines Faré, ein Haus nach polynesischem Stil, besaß. Zen-Buddhismus und Yoga spielten eine immer größere Rolle in seinem Leben. 1967 schloss er sich dem Umfeld des japanischen Zen-Meisters Taisen Deshimaru an und wurde 1973 von ihm als Mönch ordiniert.

Trigano schrieb über diese Phase: »Ich steige allmählich zum Direktor auf, während Gérard sich mehr und mehr seinen Zen-Weisheiten, seinem Buddhismus und seinem Wunsch nach tahitianischer Lebensart widmet.« Blitz starb 1990, da lief der Clip vom »Glück, wenn ich es will« noch in Fernsehen und Kino.

Nachdem Trigano 1997 von seinen Aktionären aus dem Unternehmen gedrängt worden war, verbrachte er seine letzten Jahre damit, Berufsausbildungen in der Tourismusbranche für junge Menschen der gegenüberliegenden Küsten des Mittelmeers zu ermöglichen – Juden und Araber gemeinsam. Im festen Glauben daran, dass Menschen verschiedener Herkunft durch das gemeinsame Geschäft des Reisens zusammengebracht werden können.

Kostenloser verlängerter Aufenthalt für Israelis

2015 ging der Club Med, der längst Luxusresorts für zahlungskräftige Kunden auf der ganzen Welt im Angebot hatte, in den Besitz der chinesischen Fosun-Gruppe über. Die Ursprungsgeschichte ist im aktuellen Unternehmen kaum mehr sichtbar, doch sie existiert als Mythos, präsent genug, um Legitimität zu verleihen, und weit genug entrückt, um keine Verpflichtungen zu begründen. Außer im März 2026.

Als alle internationalen Airlines ihre Verbindungen zum Flughafen Ben Gurion aussetzten und Tausende israelische Urlauber weltweit gestrandet waren, kündigte Club Med an, betroffenen Gästen einen kostenlosen verlängerten Aufenthalt zu ermöglichen, bis sie eine alternative Verbindung nach Hause finden würden. Betroffen waren Anlagen in Thailand, auf den Seychellen und Mauritius. Es war eine kleine Geste, und sie mag auch gutes Markenmanagement gewesen sein. Ob die neuen Eigentümer wussten, in wessen Geist sie handelten, ist eine andere Frage.

Zwei jüdische Männer, die den Zweiten Weltkrieg im aktiven Widerstand überlebt hatten, setzten in den Trümmern Europas eine Idee in die Tat um: dass Freizeit kein Privileg, sondern ein Recht und Erholung keine Standesfrage ist. Dass Menschen verschiedener Herkunft gemeinsam am Tisch sitzen, war es wert, organisiert zu werden. Frankreich hatte seinen Arbeitern im Jahr 1936 den bezahlten Urlaub gegeben. Club Med gab ihm die Form: einen Strand, ein Paar Flossen und ein Abendessen in großer Runde. Da scheint das Glück tatsächlich grenzenlos.

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