Fünfzig Jahre lang hat Abraham Foxman, den alle nur »Abe« nannten, für die Anti-Defamation League (ADL) gearbeitet, die amerikanische Organisation, die sich seit 1913 gegen die Diskriminierung und Diffamierung von Juden starkmacht.
Der 1940 in Baranawitschy im heutigen Belarus geborene Foxman hatte als Kind den Holocaust überlebt, weil seine Eltern während der deutschen Besatzung im damaligen Polen ihren Sohn dem katholischen Kindermädchen anvertrauten. Die junge Frau gab den Jungen als Henryk Stanisław Kurpi aus und ließ ihn taufen.
Emigration in die USA
Nach dem Krieg, den die Eltern im Ghetto Vilnius überlebten, kam die Familie wieder zusammen und emigrierte in die USA. In New York studierte der junge Foxman Politik-, Rechts- sowie Wirtschaftswissenschaften und Judaistik. Danach verbrachte er praktisch sein gesamtes Berufsleben bei der ADL. Er führte die als Ableger von B’nai B’rith gegründete jüdische Menschenrechtsorganisation von 1987 bis zu seinem Ruhestand 2015 als Vorsitzender an und hat ihr Image nachhaltig geprägt.
»Abe war immer jemand, auf den man sich verlassen konnte.«
Dinat Porat, einstige Chefhistorikerin der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, nannte Foxman »einen großartigen Menschen« und »eine Persönlichkeit, die stets Spuren hinterließ«.
Er sei nicht nur eine wichtige Führungskraft gewesen, sondern ein »Mann mit Prinzipien«. So habe sich Foxman nie ausschließlich für das Wohlbefinden von Juden oder des Staates Israel eingesetzt, sondern immer auch für das von Nichtjuden – zum Beispiel der »Gerechten unter den Völkern«, die während des Holocaust Juden versteckt und damit gerettet hatten.
Für Menachem Rosensaft, ehemaliger Justiziar des Jüdischen Weltkongresses und Sohn von zwei Auschwitz-Überlebenden, war Foxman »einer jener Menschen, für die die eigenen Erfahrungen im Holocaust nicht zu einer erdrückenden Last wurden, sondern zur Motivation, sich für das jüdische Volk und die Menschheit insgesamt einzusetzen«. Foxman habe verhindern wollen, »dass das, was ihm selbst widerfuhr, anderen widerfahren würde«. Er habe immer deutliche Worte gefunden und dabei keine politischen Rücksichten genommen, betonen sowohl Porat als auch Rosensaft.
Porat erinnert sich an eine von ihr organisierte Konferenz zum Thema »Katholische Kirche und Holocaust«, an der auch der ADL-Chef teilnahm. »Ein Geistlicher bezeichnete die Vorwürfe gegen Papst Pius XII. als moderne Ritualmordlegende. Foxman stand auf und sagte dem Mann so deutlich seine Meinung, dass sich alle Anwesenden noch heute daran erinnern. Abe war immer jemand, auf den man sich verlassen konnte.«
»Er hatte moralische Autorität«
Auch Rosensaft sieht das so. »Abe war immer bereit, jeden zu kritisieren, von dem er glaubte, dass er den Interessen der jüdischen Gemeinschaft zuwiderhandelte. Er war mehr als nur das Megafon für seine Organisation, die ADL. Er hatte moralische Autorität.« Das zeige sich auch daran, dass Foxman von vier verschiedenen Präsidenten – zwei Republikanern und zwei Demokraten – in den Beirat des Washingtoner Holocaust-Museums berufen wurde. »Abe sprach zwar als Holocaust-Überlebender, aber er instrumentalisierte dies nie für seine Zwecke«, so Rosensaft.
Foxman habe die anti-israelische Rhetorik von links ebenso scharf kritisiert wie den Antisemitismus der extremen Rechten. »Er gab sich nie als Intellektueller oder Elitist, sondern sah sich stets als verantwortlich gegenüber der Gemeinschaft. Mir fällt niemand ein, dessen Stimme größeres Gewicht gehabt hätte als die seine.« Politisch stand Foxman anfangs eher den Republikanern nahe. Aber, und auch das hebt Rosensaft hervor: »Das waren damals andere Republikaner. Es war eine Partei, in der es noch viele gemäßigte Leute gab. Und in diese Kategorie fiel auch Abe.«
Viele Jahre sollte er einer der meistgefragten Vertreter des amerikanischen Judentums sein – auch wenn er nie eine Sprecherrolle für sich selbst beanspruchte. »Er benutzte das Wort ›wir‹ nur mit Bedacht, das Wort ›ich‹ dagegen sehr großzügig. Die meisten jüdischen Führungspersönlichkeiten, über die ich berichtet habe, reden anders«, formuliert es Zvika Klein, Chefredakteur der »Jerusalem Post«, der den ADL-Chef gut kannte.
An Foxmans Vorrangstellung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wurde zuweilen auch Kritik laut. So schrieb die »New York Times« 2007, die ADL sei unter ihrem Vorsitzenden zu einer Art »Ein-Mann-Sanhedrin geworden, der Tadel oder Absolution erteilt«. Zugleich wurde er für sein Engagement gegen Judenhass und Rassismus in der Gesellschaft immer wieder geehrt. Frankreich ernannte ihn sogar zum Ritter der Ehrenlegion.
Mit den politischen Entwicklungen in Israel hat der alte Mann zuletzt zunehmend gehadert – und Foxman scheute sich nicht, das auch offen auszusprechen. Er könne Israel nicht mehr unterstützen, wenn es aufhöre, eine »offene Demokratie« zu sein, sagte er 2022 in aller Deutlichkeit.
Doch es waren nicht nur der Rechtsruck, die Erosion des Rechtsstaats und die Politik der Regierung Netanjahu, die Foxman missfielen. Auch die Bestrebungen des israelischen Oberrabbinats, nur noch orthodoxe Konversionen zum Judentum anzuerkennen, stießen bei ihm auf Widerspruch. »Wenn der Staat Israel definiert, wer ein orthodoxer Rabbiner ist, würde er mich und meine Kinder wahrscheinlich nicht als Juden anerkennen.«
»Die Liebe der jüdischen Diaspora für Israel muss aufrichtig und ehrlich sein.«
Abe Foxman
Immer wieder, so sagt Zvika Klein, habe Foxman betont, dass der jüdische Staat es sich nicht leisten könne, »den Großteil des jüdischen Volkes auszuschließen«. Und die Liebe der jüdischen Diaspora für Israel müsse aufrichtig und ehrlich sein. »Er hat Israel nicht gedroht. Er hat Israel nicht boykottiert«, bringt Klein es auf den Punkt. Aber Foxman habe seine Unterstützung für den jüdischen Staat »von der einen Sache abhängig gemacht, von der er meinte, dass Israel es sich nicht leisten könne, sie aufzugeben, und zwar die Demokratie. Gleiches galt auch für den Pluralismus«. Beides hielt er für essenziell.
Am vergangenen Sonntag ist Abraham Foxman im Alter von 86 Jahren in New York gestorben.