Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Daniel Libeskind Foto: picture alliance / Maurizio D Avanzo

Verschachtelte Baukörper, schräge Fensterschlitze, spitze Winkel, Stahlelemente, die wie Speere in den Himmel ragen: Daniel Libeskinds Architektur bricht mit traditionellen Bauformen. Sie visualisiert Gewalt und Terror, will zugleich Zeichen für Aufbruch und Hoffnung setzen. Bauen ist für ihn Teil der Erinnerungskultur: »Warum wurden Tempel gebaut, warum entstanden die großen antiken Monumente? Sie sind Teil des visuellen Gedächtnisses der Menschheit«, sagte er kurz vor seinem 80. Geburtstag am 12. Mai. Der polnisch-amerikanische Architekt hat in Deutschland unter anderem das Jüdische Museum in Berlin entworfen, sein 2001 eröffnetes Erstlingswerk in Form eines zerbrochenen Davidsterns.

Jüdisches Museum, Lindenstraße, Kreuzberg, Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin, DeutschlandFoto: picture alliance / Joko

»Ich habe Projekte realisiert, die Orte und Räume der Erinnerung schaffen und Menschen emotional ansprechen wollen«, sagte Libeskind, der mit seiner Frau Nina Lewis-Libeskind hauptsächlich in New York lebt. Als seine persönlichen Favoriten nennt er neben dem Berliner Jüdischen Museum seinen Masterplan für »Ground Zero« in New York, dem Ort der Terroranschläge vom 11. September 2001. Der 2014 fertiggestellte 541 Meter hohe Turm des One World Trade Center (WTC), in den Plänen Libeskinds als »Freedom Tower« benannt, wurde zwar vom Büro Skidmore, Owings and Merrill (SOM) entworfen, jedoch in der von Libeskind festgelegten Höhe von 1776 amerikanischen Fuß realisiert - als Erinnerung an die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776.

»Wunderkind« als Musiker

Zur Architektur fand Daniel Libeskind über den Umweg der Musik. Geboren 1946 als Kind polnischer Juden in Lodz in einem Flüchtlingslager, wuchs er in einem kriegszerstörten Land auf. 1957 emigrierte die Familie nach Israel, 1960 in die USA nach New York. Er galt als »Wunderkind« auf dem Akkordeon, bereits mit 13 trat er in der Carnegie Hall auf, studierte zunächst Musik und erst später Architektur. Er habe die Musik nicht aufgegeben, sondern nur das Instrument gewechselt, erklärte Libeskind: »In der Architektur kommt es wie in der Musik darauf an, präzise zu arbeiten, keine falsche Note zu erzeugen, um die emotionale Verbindung zur Welt herzustellen.«

Zunächst macht er sich als Architekturtheoretiker einen Namen. Bis heute ist Architektur für ihn ein kultureller Diskurs, der von anderen Künsten wie Philosophie und Literatur beeinflusst wird. 1986 gründete er das private Architekturinstitut »Intermundium« in Mailand, das er bis 1989 leitete.

Architektur für unsagbare Erfahrung der Schoa

Zum Architekten wurde Libeskind erst in Berlin, wo er 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, ein Büro gründete und den Wettbewerb für das Jüdische Museum im damaligen West-Berlin gewann. Das zwischen 1993 und 1999 realisierte Haus ist für ihn bis heute sein wichtigster Bau.

»Er berührt mein Herz und meine Seele«, bekennt Daniel Libeskind, »damit begann meine Karriere als Architekt«.

Das mit glänzendem Titanzink verkleidete Gebäude erinnert an einen Blitz, mit dem sich das Museum zeichenhaft in der Stadt positioniert.

Der unsagbaren Erfahrung der Schoa gibt die Architektur räumliche Gestalt in den sogenannten »Voids«, leeren Betonschluchten, die den Bau im Inneren vertikal zerteilen. Der hohe, nur durch einen schmalen Schlitz belichtete Holocaust-Turm ist ein beklemmender Ort.

Felix-Nussbaum-Haus, Kunstmuseum, Architekt Daniel Libeskind, Osnabrück, Niedersachsen, Deutschland, EuropaFoto: picture alliance / imageBROKER

Eröffnet wurde die Dauerausstellung des Museums 2001. Museumsmanagerin Hetty Berg, seit 2018 Direktorin des Hauses, ist seit ihrem ersten Besuch 2003 von der emotionalen Wirkung des Libeskind-Baus beeindruckt, wie sie sagt. Es stellt die Kuratoren und Gestalter jedoch immer wieder vor Herausforderungen.

Zeichen der Hoffnung im »Herz der Finsternis«

Zu Libeskinds weiteren Museumsbauten gehören das bereits 1998 fertiggestellte Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, das Imperial War Museum in Manchester mit seinen ineinandergeschichteten Dächern, das Contemporary Jewish Museum in San Francisco/USA sowie der Umbau des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Für Lüneburg entwarf er das 2017 eröffnete Zentralgebäude mit Audimax der Leuphana Universität, 2024 entstand sein Entwurf für das Albert Einstein Discovery Center in Ulm, dem Geburtsort des Physikers. Daneben realisierte er Wohnhäuser, entwarf Bühnenbilder und schuf Installationen wie das 2021 eingeweihte »Holocaust Namenmonument« in Amsterdam, das zentrale Holocaust-Mahnmal der Niederlande.

Das Contemporary Jewish Museum in San FranciscoFoto: picture-alliance/ dpa

Eines seiner jüngsten Projekte widmet sich erneut dem Thema des Holocaust: die Ergänzung der Dienstvilla des Auschwitzkommandanten Rudolf Höß in Oswiecim/Auschwitz bei Krakau in Polen durch ein Studienzentrum. An dem Ort des Grauens, den er als »Herz der Finsternis« bezeichnet, will Libeskind bewusst ein Zeichen der Hoffnung gegen die Hilflosigkeit setzen, wie er dem epd sagte: »Man muss etwas schaffen, das dazu ermutigt, Extremismus und Terror heute zu bekämpfen, damit ‚Nie wieder‘ nicht ein Slogan bleibt.« Er hoffe, dass das Projekt, das sich noch in der ersten Abstimmung befindet, auch umgesetzt werde.

Das Anwachsen von Gewalt und Antisemitismus ist für Daniel Libeskind kein Anlass zu Pessimismus - das sei eine Zeitverschwendung: »Ich werde nie den Glauben aufgeben, dass die Menschheit zu Besserem fähig ist«, sagte der Vater von drei Kindern: »Wir tragen die Verantwortung dafür, die Welt zu verbessern, jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten.«

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