Glosse

Tipps und Tricks für Judenhasser

Foto: Michael Thaidigsmann

Es gab Zeiten, da war es leicht, Antisemit zu sein. Man war ehrbares Mitglied der Gesellschaft, geachtet und geschätzt. Dumm nur, dass es die Nazis etwas übertrieben haben mit den Juden.

Anschließend musste man lange Zeit aufpassen, was man sagte. Hinter vorgehaltener Hand ging natürlich einiges. Aber öffentlich taten alle so, als seien die Juden plötzlich heilig.

Sogar die Kirche war umgekippt. Die Kirche! Dabei war sie jahrhundertelang der antijüdische Superspreader gewesen. Sicher, ganz blütenrein ist die Weste bis heute nicht, Gott sei Dank.

Aber Hetze à la Martin Luther ist mittlerweile Mangelware. Da hat die religiöse Konkurrenz schon mehr zu bieten. Predigen ordentlich gegen die Juden. Haben aber auch dazugelernt: Sie machen das nicht mehr ganz so offen und radikal, sondern verstecken sich hinter den Schutzbegriffen wie »Islamophobie« und »antimuslimischem Rassismus«.

Vielleicht sollte man ja zum Islam konvertieren? Nein, besser nicht. Bei denen gibt es zu viele Ausländer. Und Muslime sind im Grunde auch nicht besser als die Juden, nur unfähiger. Sie wollen ja auch die Welt beherrschen: Haus des Islam, Kalifat, Scharia und so weiter. Aber die Juden haben mehr Erfahrung, sind intelligenter und kompetenter. Leider. Außerdem haben sie einen ausgefeilten Plan: die Protokolle der Weisen von Zion.

Da steht ja alles drin.

Manche behaupten, die Protokolle seien eine Fälschung. Aber das ist Ablenkung. Wie heißt es so schön? Der größte Trick des Teufels ist es, die Welt glauben zu lassen, dass er gar nicht existiert. Auf so etwas fallen wir nicht herein. Wir doch nicht!

Es muss ja schließlich einen Grund geben, warum es die immer noch gibt. Sie sind offenbar nicht tot zu kriegen, obwohl man es ja oft genug versucht hat. Irgendwie unheimlich, das Ganze.

Sie behaupten, das auserwählte Volk zu sein. Das glaubt natürlich kein Mensch. Aber unheimlich ist es trotzdem. Egal. Die eigentliche Frage ist doch, was man heute als anständiger Bürger tun kann, um sich zu verteidigen. Was tun, wenn die jüdische Lobby ihre Marionetten tanzen lässt?

Im Grunde ist es ganz einfach: Man muss nur clever sein. Ein bisschen so wie die Juden. Und die Lösung heißt: Israel. Der Judenstaat. Sozusagen der kollektive Jude.

Es ist zwar schlimm, dass es dieses Gebilde überhaupt existiert. Aber andererseits ermöglicht es ungeahnte Möglichkeiten. So kann man nämlich elegant über Bande spielen. Man sagt Israel oder Zionismus oder Zionisten, obwohl jeder mit einem IQ über 20 weiß, wer wirklich gemeint ist.

Man wirft dem kollektiven Juden einfach all das vor, was man früher einzelnen Juden angehängt hat. Diese Taktik aus Sprachverwirrung, Verleumdung und Dämonisierung funktioniert übrigens seit langem ausgesprochen gut. Schon die Sowjets haben sie weidlich genutzt, »Zionologie« hieß es damals.

Das Rezept: Propaganda und Desinformation.

Das Objekt: Der Zionismus.

Das Ziel: Israel, die Juden und der Westen.

Das Erste ist Symbol des Dritten. Und das Zweite ist sein Fundament.

Wenn man den Westen militärisch schon nicht schlagen kann, dann eben mit anderen Mitteln. Und irgendwann merkt selbst der Dümmste, dass der Antizionismus einem den Laden von innen heraus kaputt macht. Doch dann ist es längst zu spät.

Die Alt- und Neukommunisten freut es, die Linksradikalen auch, die Islamisten erst recht.

Und wir Ehrbaren? Wir machen Kompromisse. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Wenn der Westen erst fallen muss, um seinen jüdischen Kettenhund zu erledigen, dann ist es das wert. Opferbereitschaft haben wir schon immer großgeschrieben.

Ein paar rhetorische Kniffe braucht es allerdings: Man ist gegen Israel, aber nicht gegen Juden. Man ist gegen ethnoreligiösen Nationalismus, Imperialismus und Krieg. Man zieht die Lehren aus der Geschichte.

Und ganz zufällig ist Israel die Ausgeburt all dessen. Ausgerechnet! Deshalb gibt es auch viele Juden, die gegen Israel sind. Norman Finkelstein, Ilan Pappe, Peter Beinart und wie sie alle heißen. Die wollen den Zionismus und Israel auch abschaffen. Deswegen holt man sie sich als Kronzeugen an Bord. Die schießen die eigenen Leute dann sturmreif.

Schild Kindermörder Israel, pro-palästinensische Kundgebung zur Verurteilung der Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung in Gaza am 21. 10.2023 in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, EuropaFoto: picture alliance / imageBROKER

Es ist schon lustig, wie viele verdrehte Juden das Spiel mitmachen. Die hassen sich irgendwie selbst. Ihr Erbe, ihre Kultur, ihre Religion, ihr Heimatland. Sie halten sich für moralisch erhaben und hauen auf Israel drauf. Wollen gemocht werden und heulen mit den Wölfen. Verraten ihresgleichen, um sich anzubiedern. Wie erbärmlich!

Doch Mitleid ist fehl am Platz, denn das haben sie nicht verdient. Sie sind ja schließlich selbst dran schuld. Sind wohl doch nicht alle so intelligent, die Juden. Zum Glück!

Doch zurück zu der Trickkiste: Noch besser funktioniert das Ganze, wenn man sich schrecklich besorgt gibt und die Sprache der Menschenrechte bemüht. Man ist also gegen Kolonialismus, Imperialismus, Besatzung, Unterdrückung, Gewalt, Vertreibung, ethnische Säuberung, Apartheid und Genozid.

Und der einzige Staat, der all diese Schandtaten begeht, ist – Trommelwirbel – Israel. Zufälle gibt’s! Mit den Juden hat das notabene nichts zu tun. Also eigentlich schon. Denn sie sind ja schuld an dem ganzen Unglück. Aber das sagt man nicht offen. Man sagt nicht »Jude«. Man sagt Israel, Zionismus, Zionist. Es ist ein neues Design, aber derselbe Inhalt.

Doch zurück. Falls der Werkzeugkasten nicht reicht, holt man den sprachlichen Vorschlaghammer heraus: Israel ist die größte Gefahr für den Weltfrieden. Zugegeben, eines der kleinsten Länder der Welt, ein paar Millionen Juden, die Milliarden Nichtjuden in einen globalen Krieg zerren wollen. Das klingt schon sportlich. Aber Politiker und Schriftsteller haben es bereits so ähnlich gesag, und viele Deutsche und Europäer stimmen ihnen zu. Man befindet sich also in bester Gesellschaft.

Doch Vorsicht: Wer der Wahrheit zu nahe kommt, verbrennt sich schnell die Finger. Denn dann setzen die Juden die altbekannte Maschinerie in Gang und schmeißen mit Antisemitismusvorwürfen um sich wie mit Konfetti. Wahrscheinlich steckt auch der Mossad mit drin.

Deshalb braucht man Verbündete. Strategische Partner sozusagen. Und da viele ein Problem mit Juden haben, pardon: mit Zionisten, pardon: mit Israel, bietet sich eine braun-rot-grüne Allianz an. Eine Anti-Israel-Allianz.

Sicher: Man muss kreativ werden. Man muss die Form ändern, das Auftreten variieren, die Rhetorik etwas zügeln und, ganz wichtig, alles in die Sprache der Besorgnis, der Menschenrechte und des Völkerrechts kleiden.

Aber dann läuft es wie geschmiert. Es fällt eben auf fruchtbaren Boden. Kleiner Tipp: Wer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen will, bringt die Palästinenser ins Spiel. Die mag zwar auch keiner. Aber als Opfer aller Opfer funktionieren sie. Und darauf fahren die Leute heute ab. Je unterdrückter, desto edler. Je mehr Opfer, desto heiliger. Ja, die Palästinenser kommen gerade recht.

Sie haben sich ihre Misere eigentlich selbst zuzuschreiben, aber solange sie uns von Nutzen sind, soll es uns recht sein. Außerdem zieht »Palästina« als Buzzword.

Hier kommt ein weiterer strategischer Kniff aus der guten alten sowjetischen Propagandakiste (die Sowjets sind halt doch noch für etwas gut), und der ist genial: Man nutzt Begriffe wie Gerechtigkeit, Fairness, Menschenwürde, Freiheit und Frieden im Zusammenhang mit Palästinensern und »Palästina«. Und Wörter wie Kindermörder, Apartheid, Kolonialismus, Rassismus und Genozid im Zusammenhang mit Israel. Anschließend wiederholt man diese Signalworte in Wort und Schrift immer und immer wieder, online und offline, in Artikeln, Podcasts und Videos, bei Demonstrationen, Talkshows und Interviews.

Am besten zitiert man dann noch jüdische Kronzeugen oder internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen. Denn die zeugen von Glaubwürdigkeit. Natürlich sind die Vereinten Nationen nur ein Feigenblatt. In Wahrheit werden sie von Autokratien, Diktaturen, Theokratien und Failed States dominiert. Aber entweder wissen die Lemminge da draußen das nicht. Oder sie wollen es nicht wissen. In jedem Fall sind sie das internationale Ass im Ärmel, wenn es darum geht, Israel an den Pranger zu stellen.

Das Ganze ist wirklich genial und funktioniert inzwischen weit über Deutschland und Europa hinaus. Palästina wird zu dem Thema überhaupt, das alle Aufrechten dieser Welt vereint. Und der Judenstaat kann sein Testament schreiben.

Auf der Seite der Palästinenser heißt also automatisch auch auf die Seite der Guten, der Besorgten, der Heiligen. Man kämpft zugleich gegen Israel, die Ausgeburt von Kolonialismus, Rassismus, Apartheid und Völkermord. Das übelste Gebilde, das je das Licht der Welt erblickt hat. Es ist eine Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse. Der ultimative Kampf für eine bessere Welt. Das moralische Endgame!

Applaus gibt es dafür von Intellektuellen, Universitäten, Social-Media-Influencern, dem Kulturbetrieb, vielen Medien und der Friedensbewegung. Von Islamisten, Rechts- und Linksextremisten sowieso. Inzwischen singen sogar manche Parteien die neuen alten Lieder. Es ist diesselbe Melodie, nur der Text ist neu.

Daniel Neumann ist Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.Foto: Gregor Matthias Zielke

Zugegeben, das gewünschte Ergebnis stellt sich nicht immer sofort ein. Aber gut Ding will Weile haben. Langfristig funktioniert es.

Denn überall, wo der Antizionismus gesellschaftlicher Konsens wurde, sind die Juden verschwunden. Nicht schlagartig, sondern schleichend. Aber am Ende zählt bekanntlich das Ergebnis und der Weg ist das Ziel.

Und glauben Sie mir, wir sind auf gutem Weg! Deshalb: Wenn man sich all das durch den Kopf gehen lässt, sind die Zeiten für Antisemiten – pardon: Antizionisten – doch gar nicht so schlecht. Im Gegenteil.

Eine neue alte Welt wartet auf uns. Eine goldene Zukunft.

Viva Palästina! Und adios Israel!

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