Kommentar

Die Welt atmet auf, viele Juden tun es nicht

Guy Katz Foto: privat

Die Bilder des Wochenendes werden in Erinnerung bleiben.

Donald Trump verkündet einen diplomatischen Durchbruch, an seinem 80. Geburtstag. Die Märkte reagieren erleichtert. Der Ölpreis fällt. Kommentatoren sprechen von Deeskalation, von Vernunft, von einem möglichen Ende der gefährlichsten Eskalation im Nahen Osten seit Jahren.

Die Welt atmet auf.

Viele Juden tun es nicht.

Nicht weil sie sich Frieden nicht wünschen würden. Sondern weil sie gelernt haben, zwischen einem Friedensschluss und einer Feuerpause zu unterscheiden. Und weil sie genau hingesehen haben, was an diesem Wochenende tatsächlich passiert ist.

Angriff mit Sprengstoffdrohnen

Stunden vor der geplanten Unterzeichnung hatte die Hisbollah den Norden Israels mit Sprengstoffdrohnen angegriffen. Israels Armee reagierte mit Angriffen auf Ziele in den Vororten Beiruts. Eine Reaktion auf einen Angriff, nichts anderes.

Der amerikanische Präsident wiederum machte daraus, öffentlich und für die Weltpresse autorisiert, eine Frage an seinen wichtigsten Verbündeten in der Region: Israels Premier Netanjahu habe »ein beschissenes Urteilsvermögen« gezeigt, und warum, bitte, habe Bibi »einen verdammten Angriff durchführen« müssen.

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Man kann zu Netanjahu stehen, wie man will. Aber die Szene zeigt etwas, das über eine Person hinausgeht: Israels Recht, sich gegen einen Drohnenangriff zu verteidigen, wurde an diesem Tag zur Verhandlungsmasse, zur Störung eines Programmpunkts.

Ich schreibe diese Zeilen in München. Tausende Kilometer von Jerusalem, Beirut oder Teheran entfernt. Und doch spüren wir auch hier jede politische Entscheidung im Nahen Osten. Nicht nur emotional. Ganz praktisch.

Folgen eines Krieges

Denn die Folgen eines Krieges zwischen Israel und seinen Feinden enden längst nicht mehr an Israels Grenzen.

Sie landen auf europäischen Straßen.

In Universitäten.

In sozialen Netzwerken.

In jüdischen Schulen.

In den Köpfen unserer Kinder.

Wer regelmäßig online über diese Themen schreibt, kennt das Muster: Jede Schlagzeile über Israel löst eine Welle von Kommentaren aus, oft unter Beiträgen, die mit dem Thema gar nichts zu tun haben, von Konten, die plötzlich sehr viel Energie für genau ein Thema haben. Manche davon sind ernst zu nehmen. Ich selbst habe in der Vergangenheit Morddrohungen erhalten, die Behörden konnten einen Teil davon bis nach Deutschland zurückverfolgen. Das ist kein abstraktes Phänomen, über das man in Talkshows diskutiert. Es ist ein Teil unseres Alltags.

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Deshalb blicken viele Juden auf die jüngsten Entwicklungen mit einer anderen Frage als die meisten internationalen Kommentatoren.

Nicht: Ist der Krieg vorbei?

Sondern: Sind wir jetzt sicherer?

Die Antwort darauf fällt deutlich weniger optimistisch aus.

Denn weder Hamas noch Hisbollah sind verschwunden. Das iranische Regime sitzt weiterhin in Teheran, mit denselben Revolutionsgarden, derselben Infrastruktur, derselben Ideologie, die den 7. Oktober hervorgebracht hat. Und Teheran selbst hat noch am Abend der Verkündung neue Bedingungen formuliert. So klingt mitnichten ein Regime, das seine strategischen Ziele aufgegeben hat.

Natürlich kann Diplomatie notwendig sein. Natürlich kann und sollte Krieg nur Ultima Ratio sein, und natürlich müssen Kriege irgendwann enden. Niemand wünscht sich eine permanente militärische Eskalation. Am wenigsten jene Israelis, die seit Monaten Reservistendienst leisten oder deren Familien aus dem Norden des Landes evakuiert wurden.

Berechtigter Zweifel

Doch die eigentliche Frage lautet: Was wurde gelöst?

Die derzeitigen Vereinbarungen schaffen vor allem eines: Zeit. Zeit für Verhandlungen, für internationale Diplomatie, für politische Erfolge, vielleicht sogar für wirtschaftliche Erholung.

Aber schaffen sie auch Sicherheit?

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Gerade im Norden Israels bleiben Zweifel berechtigt. Seit Monaten versucht Israel zu verhindern, dass sich die Hisbollah erneut unmittelbar an der Grenze festsetzt. Tausende Israelis konnten deshalb nicht in ihre Häuser zurückkehren. Sollte das Abkommen, wie es in ersten Entwürfen heißt, tatsächlich einen israelischen Truppenabzug aus dem Südlibanon vorsehen, ohne dass gleichzeitig eine dauerhafte Entmilitarisierung der Region durchgesetzt wird, dann bleibt die zentrale Sorge bestehen: Was verhindert, dass sich die Geschichte wiederholt? Israel hat den Süden Libanons schon einmal verlassen, im Jahr 2000. Was danach kam, ist bekannt.

Missverstandene Perspektive

Auch beim iranischen Atomprogramm bleiben Fragen offen. Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben gezeigt, wie schwierig es ist, die strategischen Ambitionen der Islamischen Republik durch Vereinbarungen allein dauerhaft einzuschränken. Fast jedes Abkommen begann mit der Hoffnung auf eine langfristige Lösung. Keine dieser Hoffnungen hat bislang zu einem grundlegenden Wandel des Regimes geführt.  

Und für die iranische Bevölkerung selbst, für die vielen Exiliraner, die in den vergangenen Monaten auf einen echten Wandel gehofft hatten, ist ein Rahmenabkommen, das die Mullahs an der Macht lässt, ebenfalls keine gute Nachricht. Und eine iranische Bombe wäre, sollte sie eines Tages doch kommen, nicht nur ein israelisches Problem, sondern der Startschuss für ein Wettrüsten, das von Riad bis Ankara reichen würde.

Vielleicht erklärt genau das die Skepsis vieler Juden weltweit.

Denn während internationale Beobachter vor allem über Ölpreise, Märkte und geopolitische Stabilität sprechen, betrachten Juden die Lage häufig durch eine andere Brille. Sie fragen nicht, ob die Schlagzeilen morgen freundlicher aussehen. Sie fragen, ob ihre Kinder in fünf Jahren sicherer leben werden.

Diese Perspektive wird oft missverstanden. Wer Zweifel an einem Abkommen äußert, gilt schnell als Gegner des Friedens. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Gerade wer Frieden will, muss fragen dürfen, ob die Voraussetzungen dafür tatsächlich geschaffen wurden.

Nächste Eskalation

Die Geschichte Israels ist voll von Waffenstillständen, die als Durchbruch gefeiert wurden und sich später lediglich als Pause bis zur nächsten Eskalation erwiesen. Deshalb fällt es vielen schwer, sich der allgemeinen Erleichterung anzuschließen, gerade dann, wenn sich diese Erleichterung vor allem an einem Ölpreis und an einem Geburtstagsfoto aus dem Weißen Haus festmacht.

Vielleicht wird dieses Abkommen funktionieren. Vielleicht wird es tatsächlich eine neue politische Realität schaffen. Man kann es nur hoffen.

Doch Hoffnung allein war im Nahen Osten noch nie eine Sicherheitsstrategie.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob wir gerade den Beginn einer stabileren Ordnung erleben. Oder lediglich den Beginn des nächsten Countdowns.

Die Welt atmet auf.

Viele Juden tun es nicht.

Der Autor ist Hochschulprofessor und Mitbegründer der Münchner Initiative »Run for their Lives«.

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