Iran

Im Visier

Sollten im Auftrag des Iran getötet werden: Zentralratspräsident Josef Schuster (l.) und Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Foto: picture alliance, imago images, Montage

Die Mordpläne gegen den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und den Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, waren nicht die Fantasien eines Einzelnen. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft hatte der Verdächtige, ein Däne afghanischer Herkunft, einen konkreten Auftrag: Er sollte die Zielpersonen ausspionieren, ihre Aufenthaltsorte und Routinen auskundschaften, mögliche Tatorte identifizieren, eine Waffe beschaffen und schließlich einen Dritten für die Durchführung der Morde rekrutieren.

Weil die Pläne erst jetzt öffentlich wurden, entstand vielerorts der Eindruck, die geplanten Attentate stünden im Zusammenhang mit dem aktuellen Iran-Krieg. Doch das ist falsch. Die Festnahme und Auslieferung des Verdächtigen erfolgten bereits im Mai 2025 – lange vor dem jetzigen Konflikt und sogar noch vor dem Zwölf-Tage-Krieg im Juni vergangenen Jahres. Die Mordpläne waren also keine »Vergeltung« für israelische Angriffe. Im Gegenteil: Sie sind Teil einer seit Jahren andauernden Terrorkampagne der iranischen Revolutionsgarden in Europa.

Mindestens elf solcher Anschlagspläne in Europa

Diese Kampagne richtet sich gegen Gegner des Regimes, gegen iranische Dissidenten – vor allem aber gegen jüdische und israelische Ziele. In meinem Buch Die Rückkehr des Terrors habe ich diesem Thema ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin zeige ich, dass sich für die Jahre 2018 bis 2024 mindestens elf solcher Anschlagspläne in Europa dokumentieren lassen.

Bereits im April 2021 etwa deckten die Behörden einen nahezu identischen Mordplan gegen zwei führende Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Schweden auf. Ein Jahr später dann die Anschläge auf die Synagogen in Essen, Bochum und Dortmund. Das Oberlandesgericht Düsseldorf stellte dazu im Dezember 2023 fest, dass die Taten »von staatlicher Stelle im Iran« in Auftrag gegeben wurden. Auch damals gehörte Josef Schuster bereits zu den Zielpersonen.

Trotz des leicht erkennbaren Musters hat das Thema in Europa lange erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhalten. Und das, obwohl die Aktivitäten des iranischen Regimes in den vergangenen Jahren eher noch zugenommen haben. 2024 kam es zu Anschlägen auf die israelischen Botschaften in Brüssel und Stockholm. Und seit Beginn des aktuellen Iran-Krieges verübte die bislang kaum bekannte, aber mutmaßlich vom Iran unterstützte Gruppe HAYI (»Bewegung der Gefährten der Gerechten«) innerhalb weniger Monate 17 Anschläge – darunter auf eine Synagoge in Belgien, eine jüdische Schule in den Niederlanden, den jüdischen Rettungsdienst in London und ein israelisches Restaurant in München.

Die Bundesregierung muss endlich handeln – bevor aus Mordplänen Morde werden.

Bemerkenswert ist bei alledem nicht nur die Auswahl der Ziele, sondern auch die Methode. Die Revolutionsgarden agieren in Europa ähnlich wie im Nahen Osten: Sie bedienen sich sogenannter Proxys. Die Täter sind meist keine iranischen Offiziere, sondern Personen, die eigens für einzelne Operationen angeworben – und bezahlt – werden.

So rekrutierte man für die Anschläge in Nordrhein-Westfalen ein Mitglied der Rockerbande Hells Angels. Bei den Operationen gegen die israelischen Botschaften waren es lokale Jugendbanden. Und HAYI findet seine Attentäter bevorzugt in den sozialen Medien oder via Snapchat.

Die eigene Verantwortung lässt sich verschleiern

Für Teheran hat diese Strategie einen entscheidenden Vorteil: Die eigene Verantwortung lässt sich verschleiern. Zugleich nimmt das Regime in Kauf, dass viele der angeworbenen Täter »Amateure« sind und ihre Missionen häufig scheitern. Denn das eigentliche Ziel besteht nicht zwangsläufig darin, Menschen zu töten. Es geht vor allem darum, Angst zu verbreiten. Juden und andere Gegner des Regimes sollen sich nirgendwo sicher fühlen. Terror im eigentlichen Sinne des Wortes.

Gerade deshalb muss Deutschland die Bedrohung endlich als das behandeln, was sie ist: staatlich gesteuerter Terrorismus. Iranische Netzwerke müssen viel intensiver überwacht, zerschlagen und strafrechtlich verfolgt werden. Vermögenswerte von Angehörigen des Regimes sollten konsequenter eingezogen werden; die Terror­listung der Revolutionsgarden schafft dafür bessere Voraussetzungen als je zuvor.

Nicht zuletzt: Die Politik muss klarmachen, dass Terror auf deutschem Boden einen Preis hat. Nach den Anschlägen auf die Synagogen in Nordrhein-Westfalen blieb eine sichtbare Reaktion der Bundesregierung aus. Von der damaligen Außenministerin Annalena Baerbock war praktisch nichts zu hören – ein Signal der Schwäche, das sich nicht wiederholen darf. In Zukunft sollten auch Ausweisungen von Diplomaten, des iranischen Botschafters und weitere Sanktionen zum Instrumentarium deutscher Politik gehören.

Nichts spricht dafür, dass die iranische Terrorkampagne in Europa, die bereits vor vielen Jahren begonnen hat, mit einem möglichen Waffenstillstand im Iran-Krieg plötzlich endet. Die Mordpläne gegen Schuster und Beck sollten deshalb eine Zäsur sein – bevor aus Mordplänen tatsächlich Morde werden.

Der Autor ist Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King’s College. Zuletzt erschien von ihm »Das Sterben der Demokratie« (Rowohlt Berlin).

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