Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Befürwortet die Pläne: Zentralrats-Präsident Josef Schuster Foto: picture alliance / HMB Media

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Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026 15:55 Uhr

Das Dorf Sinntal-Sterbfritz im osthessischen Main-Kinzig-Kreis will eine Geschichtslücke schließen: Bisher erinnert kein Denkmal an die Bewohner, die in der NS-Zeit gewaltsam ums Leben kamen. »Wir Sterbfritzer haben einen erheblichen Nachholbedarf im Gedenken an unsere 90 im Zweiten Weltkrieg Gefallenen und die 32 im Holocaust ermordeten Mitbürger«, sagt der Ortsvorsteher und Vorsitzende des Dorfvereins, Willi Merx. Das Chronikteam des Dorfvereins habe im Auftrag des Ortsbeirats einen beispiellosen Entwurf geschaffen: Eine gemeinsame Erinnerungsstätte für die gefallenen Soldaten und die ermordeten Jüdinnen und Juden.

Das Chronikteam habe in vielen Archiven, auch im Ausland, Lebensläufe recherchiert und mit Angehörigen gesprochen, erklärt Merx. »Wir wollen darstellen, dass über Jahrhunderte eine friedliche Gemeinschaft von jüdischen und christlichen Bürgerinnen und Bürgern das Leben im Dorf gemeinsam gestaltet haben.« Mehrere frühere jüdische Mitbürger hätten in ihren Lebenserinnerungen von einem guten nachbarschaftlichen Miteinander berichtet. »Die NS-Zeit hat durch Ausgrenzung, Hass und Hetze zu Vernichtung und Leid geführt und die Gemeinschaft zerstört.«

Künftiges Gedenken an alle Opfer des Krieges

Auch die gefallenen Soldaten des Ortes mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren seien Opfer der Hitler-Diktatur gewesen, sagt Merx. Manche von ihnen hätten den Krieg abgelehnt. Er zitiert aus einem Feldpostbrief des 19-jährigen Heinrich Euler an seine Eltern im Dezember 1942 aus Stalingrad: »Ich bekenne mich nun heute auch zu den größten Gegnern des Krieges.« Über die Teilnahme von Sterbfritzer Soldaten an Erschießungen von Zivilisten sei nichts bekannt, sagt Merx. »Der künftige Gedenkort soll allen Opfern gerecht werden.«

Die Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Hessen äußert hingegen Bedenken. Ein gemeinsames Gedenken an gefallene Soldaten und an Opfer des Holocausts »birgt die Gefahr, an Menschen, die von Verfolgung betroffen waren, an einem Ort mit denjenigen zu gedenken, die an der Verfolgung beteiligt waren«, schreibt der Sprecherinnen- und Sprecherrat auf Anfrage. Wünschenswert wäre »die Verwendung eines differenzierten Opferbegriffs«. Das Konzept sollte »klar herausstellen, dass die Wehrmachtssoldaten an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg teilgenommen haben« und an der Schoa beteiligt waren. Wünschenswert wäre auch, dass der Gedenkort die Frage aufwerfe, wie die Mehrheitsgesellschaft mit dem Besitz der jüdischen Mitbürger nach ihrer Auswanderung oder Deportation umgegangen sei.

Zentralrat der Juden: ein Lernort der Geschichte

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hingegen begrüßt das Vorhaben eines gemeinsamen Denkmals für die jüdischen und christlichen Opfer des Nationalsozialismus. Präsident Josef Schuster schrieb dem Dorfverein Ende 2024: »Die Darstellung und Erklärung, dass diese Opfer über Jahrhunderte friedlich zusammenlebten, bis nationalsozialistische Ideologie, Hetze und Rassenhass zu Krieg und Vernichtung führten, erfüllt die Bedeutung eines Lernortes der Geschichte«, schrieb Schuster. »Das Konzept sowie die geplante Durchführung erscheinen mir wohl durchdacht und ausgesprochen gelungen.«

Den gestalterischen Entwurf hat der ortsansässige Architekt Carsten Kirst ausgearbeitet. »Man kann an der lokalen Geschichte die große Geschichte lernen«, sagt er. Der Entwurf sieht drei runde Plätze vor, die die Dorfgemeinschaft symbolisieren. Zunächst soll ein »Platz der Gemeinschaft« um das bestehende steinerne Mahnmal des Ersten Weltkriegs an die ehemalige christlich-jüdische Dorfgemeinschaft erinnern, aus der 49 Männer als Soldaten gefallen sind.

Der folgende »Platz der Zerstörung« soll der Zerstörung dieser Gemeinschaft gedenken und dem gewaltsamen Tod von 32 Jüdinnen und Juden und von 90 Soldaten. Ein Kreis aus 122 rostbraunen Cortenstahltafeln nennt nach dem Entwurf die Namen und die Todesjahre. Dabei stehen sich die Gefallenen und die Holocaustopfer in zwei Halbkreisen gegenüber, geteilt durch einen Weg aus eichenen Eisenbahnschwellen.

Einladung zum Gedankenaustausch

Ein »Platz der Annäherung« schließlich gruppiert steinerne Sitzwürfel um ein Beet, er soll zum Gedankenaustausch einladen. An einzelnen Stellen der Erinnerungsstätte sollen QR-Codes für weiterführende Informationen angebracht werden. Schüler und Konfirmanden könnten sich dort mit der Dorfgeschichte auseinandersetzen und lernen, zu welchen Folgen Hass, Hetze und Ausgrenzung führen, sagt Merx. »Das ist beispielhaft für unsere Zeit. Das Zusammenleben ist wieder gefährdet.«

Die Verwirklichung des Denkmals hängt an der Finanzierung. Da die Kommune sich außerstande sehe, die vorgesehenen 135.000 Euro zu finanzieren, müsse der Dorfverein die Summe aus Spenden aufbringen, erklärt Merx. 14.000 Euro an Privatspenden seien bisher zusammengekommen.

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