Die Geschäftsführerin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Elke Gryglewski, fordert eine stärkere Öffnung historischer Lernorte. Mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sagte die Politikwissenschaftlerin dem Evangelischen Pressedienst (epd), die Gedenkstätten trügen keine Verantwortung für die Wahlentscheidungen von Menschen. Aber die Einrichtungen könnten sich auch zukünftig immer wieder selbstkritisch fragen, ob ihre Angebote wirklich ein breites Publikum erreichen. Bislang würden damit eher akademisch vorgebildete Menschen angesprochen.
Ausstellungen und Vermittlungsformate müssten vermehrt sprachlich so gestaltet werden, dass sie verständlicher seien, ohne die wissenschaftliche Korrektheit aufzugeben, forderte Gryglewski, die auch die Gedenkstätte im ehemaligen NS-Konzentrationslager Bergen-Belsen leitet. Zudem sollten Gedenkstätten verstärkt Angebote außerhalb der eigenen Liegenschaften in die Stadtgesellschaften hineintragen.
Sorge um Gedenkstättenarbeit in Sachsen-Anhalt
Mit großer Sorge blicke sie auf Bestrebungen der AfD in Sachsen-Anhalt, die Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit politisch zu beschneiden. Die Arbeit müsse geschützt werden.
»Gedenkstätten stehen in der Verantwortung, gemeinsam mit Bündnissen breite gesellschaftliche Gruppen für die Verteidigung der Demokratie zu gewinnen«, sagte Gryglewski.
Sie wandte sich gegen den Eindruck, Gedenkstätten blieben rein in der Vergangenheit verhaftet: »Ziel der Bildungsarbeit ist vielmehr, Besucherinnen und Besucher dazu zu befähigen, eigene Schlüsse für das heutige Zusammenleben und die Demokratie zu ziehen.« Dabei gehe es um grundlegende Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und um Kontinuität von NS-Ideologie.
Angebote über Jahre ausgebucht
Trotz des Reformbedarfs sei das Interesse von Bildungseinrichtungen ungebrochen hoch. Bei Schulklassen gebe es Klagen von Lehrkräften über lange Wartezeiten, da manche Angebote bereits über Jahre hinweg fast ausgebucht seien, erläuterte Gryglewski. Zudem gebe es feste Kooperationen und Seminare mit Gruppen wie der Polizei und der Bundeswehr zur Rolle staatlicher Organe im Nationalsozialismus.
Mit Blick auf das Sterben von Überlebenden des Holocausts betonte die Stiftungsleiterin, die Gedenkstätten hätten bereits seit vielen Jahren tragfähige Konzepte erarbeitet. »Die meisten Jugendlichen und vermutlich auch Erwachsenen in Deutschland haben wahrscheinlich nie mit jemandem sprechen können, der die Zeit überlebt hat«, sagte sie.
Deshalb setze die Pädagogik verstärkt auf Video-Interviews, historische Dokumente sowie den Austausch mit Nachkommen der Verfolgten.