Hurra, ein Junge! Georg heißt er und ist das große Glück von Jens Spahn und seinem Ehemann Daniel Funke. Doch statt Glückwünschen und Gratulationen hagelte es Kritik. Der am häufigsten zu hörende Vorwurf lautete dabei wohl: Doppelmoral.
So habe Jens Spahn sich in der Vergangenheit mehrfach öffentlich gegen die Leihmutterschaft ausgesprochen und sogar kürzlich erst gegen eine Lockerung des entsprechenden Gesetzes gestimmt, das eine solche hierzulande unmöglich macht. Wenn es aber um die Erfüllung des privaten Glücks geht, scheinen ihm Regeln, an deren Aufrechterhaltung und Durchsetzung Spahn regen Anteil hatte, ziemlich wumpe. Sein Gatte und er können schließlich die Kosten – das Anmieten des Bauches einer fremden Frau schlägt in den USA mit mindestens 100.000 Dollar zu Buche – locker stemmen.
Uneinsichtig und ichbezogen
Doch der Vorwurf der Doppelmoral greift im Fall Spahn zu kurz. Es ist die Attitüde, die schließlich zu seinem Rücktritt führen musste, und zwar die Hybris zu glauben, dass kraft seines Amtes für ihn Gesetze nicht gelten, sondern maximal Handlungsempfehlungen sein können.
Ein weiteres Beispiel ist seine Teilnahme an einem ominösen Spendendinner in Zeiten von Corona, wo es die Anwesenden mit den Abstandsregeln und dem Maskentragen, beides hatte Spahn als Gesundheitsminister allen Bürgern im Lande kurz zuvor ebenso dringend ans Herz gelegt wie das Vermeiden von größeren Zusammenkünften, wohl nicht so genau nahmen.
Das kann man höflich als instinktlos bezeichnen, ist aber Ausdruck genau dieser Haltung, man würde irgendwie über den Gesetzen schweben. Entsprechend uneinsichtig und ichbezogen fiel auch sein Rücktrittschreiben aus, in dem Spahn über die »Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung« lamentierte und forderte, im Ton doch bitteschön »menschlich« zu bleiben. Danke für alles und Tschüssikowski!
Der politische Schaden aber, der durch Spahn und sein Verhalten entstand, ist immens. Denn der AfD und anderen Extremisten liefert er quasi das Futter für ihre Propagandamaschinerie frei Haus.
Sie können ihr Narrativ von den abgehobenen Eliten munter weiterspinnen, sich weiter als Anwalt des »kleinen Mannes« in Szene setzen, oder wie Martin Reichardt, Beisitzer im Bundesvorstand der AfD, angereichert mit homofeindlichen Anspielungen, gleich den »christdemokratischen Machtzynismus« anprangern – Hauptsache, es geht gegen die »Etablierten«.
Die »politische Klasse« ist das erklärte Feindbild der AfD, die sich als »Anti-Establishment« vermarktet.
Und während die Linke, Grüne und auch Sozialdemokraten in ihrem Widerstand gegen die Extremisten rund um Alice Weidel, Tino Chrupalla & Co. auf Protestformen der 1980er Jahre zurückgreifen, - weil sie das Phänomen AfD und die von ihr ausgehenden Gefahren für die Demokratie ausschließlich als eine Art Wiederkehr der Geister der Vergangenheit wahrnehmen -, liefern Liberale und Konservative derzeit ein mindestens ebenso erschütterndes Bild. Manche ihrer Protagonisten so wie Berlins Noch-Regierender Bürgermeister Kai Wegner werden entweder der Lüge überführt oder ihnen fliegt wie Jens Spahn die eigene Hybris um die Ohren.
Die »politische Klasse« ist das erklärte Feindbild der AfD, die sich als »Anti-Establishment« vermarktet. Dumm nur, wenn diese gerade wie ein verwirrtes Kaninchen auf der Landstraße wirkt, das in das Scheinwerferlicht eines heranrasenden Autos starrt.