Tel Aviv

»Und dann musste ich mein eigenes Grab schaufeln«

Evyatar David während seiner Gefangenschaft in Gaza Foto: Screenshot

Ein Jahr nach seiner Freilassung aus der Geiselhaft der Hamas hat Evyatar David erstmals ausführlich über die seelischen Folgen seiner Gefangenschaft gesprochen. In der Sendung »Uvda« des Senders Kanal 12 berichtete der 25-Jährige gemeinsam mit seinem engen Freund und Mitgefangenen Guy Gilboa-Dalal von posttraumatischen Belastungen, die ihn bis heute in die Tunnel von Gaza zurückversetzen.

David war mehr als zwei Jahre lang in der Gewalt der palästinensischen Terrororganisation, die ihn im Oktober 2023 vom Nova-Festival entführt hatte. International bekannt wurde er durch ein Propagandavideo der Hamas, in dem er – ausgezehrt und geschwächt – sein eigenes Grab ausheben musste.

Bereits vor Ausstrahlung der Sendung hatte sich David in den sozialen Medien geäußert. Er habe geglaubt, nach allem Erlebten könne ihn nichts mehr erschüttern, schrieb er. Sein Weg zum Nova-Festival, so David, habe sein Leben binnen eines Augenblicks aus den Fugen gebracht: »Ich wurde entführt und in einen dunklen Tunnel gebracht, und alles, woran ich dachte, war, einen weiteren Tag zu überleben, und noch einen, bis ich nach Hause zurückkehrte.«

Rehabilitation als »andere Schlacht«

Halt in den dunkelsten Momenten hätten ihm die Gedanken an seine Familie und Freunde sowie die Hoffnung gegeben, nicht aufgegeben zu werden, schrieb er weiter. Nach seiner Rückkehr habe er Zuwendung erfahren, die er sich nicht hätte vorstellen können – auch von Menschen, die ihm völlig fremd gewesen seien: »Sie erzählten mir, dass sie dafür gebetet hatten, dass ich zurückkomme.«

Mit der Zeit habe David jedoch begriffen, dass mit der Heimkehr nicht alles gelöst werden würde. Er leide unter posttraumatischen Belastungen und Flashbacks, schrieb er: »Es gibt Momente, in denen ich mich an einem sicheren Ort befinde, umgeben von Menschen, die ich liebe, aber mein Kopf kehrt trotzdem dorthin zurück.« Die Gefangenschaft zu überleben sei das eine, die vollständige Genesung jedoch »eine andere Schlacht«.

Er wolle mit seinen Worten kein Mitleid wecken, betonte David in dem TV-Interview, sondern deutlich machen, dass er auch diesen Kampf gewinnen wolle. Sein Ziel sei ein normales Leben, eine Familie, eine Heirat. Der Weg dorthin sei jedoch lang. Freunde und Angehörige hätten deshalb eine Spendenaktion gestartet, damit er sich ganz auf seine Genesung konzentrieren könne.

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Video aus dem Tunnel

Im Gespräch mit Channel 12 schilderten David und Gilboa-Dalal auch die Umstände ihrer Entführung vom Nova-Festival sowie die Bedingungen ihrer Gefangenschaft. David ging dabei detailliert auf die Entstehung jenes Videos ein, das im August vergangenen Jahres veröffentlicht wurde und in dem er eine für ihn selbst bestimmte Grube aushebt.

Die Geiselnehmer hätten die Gefangenen während der gesamten Zeit ausgehungert, berichtete David. Etwa drei Monate vor der Aufnahme habe sich die Lage noch einmal drastisch verschärft: »Wir haben schon nicht mehr gesprochen, um Energie zu sparen.«

Besonders eindrücklich schilderte er den Weg zum Drehort. Auf dem Weg dorthin seien er und seine Bewacher an einem Raum vorbeigekommen, in dem die Männer offenbar gerade aßen: »Ich war mit verbundenen Augen unterwegs, und ich erinnere mich an den Geruch von Tee, den sie zubereiteten, und an Kuchen, und ich konnte hören, wie sie kauten. Und ein Skelett läuft an ihnen vorbei, während sie sich an Kuchen und Tee erfreuen.«

Erschütterndste Bilder

Am Ziel angekommen, hätten ihm die Männer eine bereits halb ausgehobene Grube gezeigt und ihm eine Schaufel in die Hand gedrückt, so David: »Sie sagten: Hier, nimm das, hier ist eine Schaufel, geh rein, das wird dein Grab.« Er habe die Grube ausgehoben, obwohl es ihm körperlich kaum möglich gewesen sei. In Gedanken habe er sich gesagt, dass er sich, sollte er tatsächlich sterben, in genau diese Grube legen könnte. Immer wieder sei ihm in diesem Moment die Frage durch den Kopf gegangen, ob er am Ende verhungern würde.

Im damaligen Video selbst hatte David erklärt, dies sei vermutlich das Grab, in dem er beerdigt werde, und die Weltöffentlichkeit aufgefordert, ihn zu befreien. Die Aufnahmen zählten zu den erschütterndsten Bildern, die im Zusammenhang mit dem Schicksal der von der Hamas verschleppten Geiseln bekannt wurden.

David kehrte im Oktober 2025 gemeinsam mit den übrigen überlebenden Geiseln im Zuge eines Abkommens zur Waffenruhe in Gaza nach Hause zurück. Das Erlebte lasse ihn jedoch bis heute nicht los, sagte er in der Sendung: »Ich wurde aus der Gefangenschaft befreit, aber das, was ich dort durchgemacht habe, begleitet mich weiter.« Das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm habe, unterscheide sich stark davon, wie er heute aussehe – doch im Grunde sei »der hagere Mann mit dem Löffel, der ein Grab aushebt, noch immer bei mir.« im

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