Lieber Javier,
wir haben uns vor einigen Jahren in Venedig während des Filmfestivals kennengelernt. Es war ein Fototermin in einem Garten. Du kamst gut gelaunt auf mich zu, sahst mich an und sagtest: »Wow, du erinnerst mich so an meine Schwester.«
Wir verstanden uns auf Anhieb. Du warst sympathisch, nahbar, warmherzig, interessiert – eher Kumpel als Weltstar. Mein Assistent rollte einen großen, knallroten Samtstoff aus, du legtest Dich ohne Zögern darauf, und die Fotosession begann mit viel Lachen. Es war unbeschwert, fast so, als würden wir einander schon lange kennen. Ich glaube, das sieht man den Bildern bis heute an.
Vielleicht schreibe ich dir gerade deshalb.
Ich war und bin ein großer Bewunderer deiner Schauspielkunst. Lange dachte ich, mein öffentlicher Brief an Tilda Swinton vor drei Jahren sei alles, was ich zu diesem Thema sagen wollte. Aber inzwischen gibt es viele berühmte Menschen, die ich fotografiert und als Menschen geschätzt habe und die mir heute fremd geworden sind. Wegen Israel. Du gehörst dazu.
Ich sehe dich in den sozialen Medien lachend am Arm deiner Frau. Und im nächsten Clip sehe ich ein anderes Gesicht, sobald du über Israel sprichst: hart, wütend, fanatisch. Ich frage mich: Was passiert da mit dir?
Jetzt ist es die Geschichte von Shalev Biton, die mich dazu bringt, dir zu schreiben.
Biton ist ein israelischer Soldat, der im Jahr 2021 durch den Treffer einer aus Gaza abgefeuerten Panzerabwehrrakete an den Händen schwer verwundet wurde und ein Bein verlor. Während seiner Rehabilitation stieß er auf ein Problem, das Millionen Menschen mit Amputationen kennen: Wer nur einen Schuh benötigt, muss trotzdem ein Paar kaufen. Also wandte er sich mit einer einfachen Idee an Adidas.
Das Unternehmen hörte ihm zu. Adidas ermöglicht nun erstmals, einzelne Schuhe zu kaufen. Eine kleine Veränderung für einen Weltkonzern, eine große Erleichterung für Menschen mit Amputationen – unabhängig davon, ob sie Israelis, Palästinenser, Muslime, Christen oder Juden sind. Adidas könnte damit zugleich ein Vorbild dafür sein, wie man Brücken baut.
Und ausgerechnet dagegen rufst du zum Boykott von Adidas auf.
Das verstehe ich nicht.
Du hast kürzlich gesagt: »Love is always, always, always stronger than hate.« Genau deshalb müsste diese Geschichte doch auch Deine sein. Ein verwundeter Israeli nutzt sein eigenes Schicksal, um anderen Menschen das Leben ein wenig leichter zu machen. Er fragt nicht nach Nationalität oder Religion. Er baut eine kleine Brücke. Warum möchtest Du ausgerechnet diese Brücke einreißen?
Das ist für mich das grundsätzliche Problem deiner öffentlichen Haltung. Du sagst, du wolltest den Palästinensern helfen. Aber deine Wut richtet sich nahezu ausschließlich gegen Israel. Wo ist dieselbe Leidenschaft, wenn es um die Hamas geht? Wo ist sie, wenn Palästinenser selbst gegen deren Herrschaft protestieren? Wo ist sie, wenn Menschen in Gaza ein Leben ohne religiösen Fanatismus, Terror und Unterdrückung fordern?
2019 und 2023 protestierten Palästinenser unter dem Motto »We want to live« gegen die Hamas. Auch später gab es immer wieder Menschen in Gaza, die trotz enormer persönlicher Gefahr gegen die Islamisten aufstanden. Viele von ihnen wurden verfolgt und ermordet von der Hamas. Auch 2025 und 2026 gab es Proteste und öffentliche Hinrichtungen. Gerade die 10 bis 20 Prozent der Zivilisten in Gaza, die offen dem Terror entgegentreten, wären auf die Solidarität prominenter Stimmen gerade jetzt angewiesen.
Von dir höre ich dazu bisher nichts. Auch von vielen deiner prominenten Mitstreiter wie Mark Ruffalo oder Susan Saradon ist dazu nichts zu hören. Und genau dieses Missverhältnis verstört mich.
Du sprichst vom Genozid in Gaza. Das ist der schwerstmögliche Vorwurf, den man gegen einen Staat erheben kann. Gerade deshalb sollte man mit diesem Begriff nicht wie mit einem politischen Schlagwort umgehen. Ein Krieg kann entsetzlich, grausam und voller ziviler Opfer sein, ohne dass damit automatisch die juristischen Voraussetzungen eines Genozids erfüllt sind. Über diese Frage muss man anhand von Fakten, Absichten und Handlungen sprechen – nicht anhand von Parolen.
Natürlich ist das Leid der Menschen in Gaza real. Jeder tote Zivilist, jedes getötete Kind, jede zerstörte Familie ist eine Tragödie. Darüber sollte niemand hinwegreden. In Israel sind ebenso Familien zerstört, Menschen verletzt und traumatisiert. Und ebenso real ist, dass die Hamas ihre militärische Infrastruktur in ein dicht besiedeltes ziviles Umfeld eingebettet, Tunnel gebaut, zivile Einrichtungen genutzt und ihren Krieg mitten aus der Bevölkerung heraus geführt hat. Damit wurde die eigene Bevölkerung als Schutzschilde missbraucht. Die Tunnel dienen dabei nicht dem Schutz der Zivilbevölkerung.
Auch darüber muss man sprechen dürfen.
Und man muss über den 7. Oktober sprechen.
Du trittst öffentlich als jemand auf, der sich gegen Gewalt an Frauen und gegen toxische Männlichkeit wendet. Das ist richtig. Aber wo war deine Stimme, als israelische Frauen und Mädchen am 7. Oktober misshandelt, verschleppt und auf grausamste Weise ermordet wurden? Wo ist deine Empathie mit den Geiseln und ihren Familien?
Gilt dein Satz, dass man angesichts von Gewalt nicht schweigen und wegschauen darf, nicht auch für israelische Frauen?
Mich beschäftigt diese Frage, weil ich dir die Empathie durchaus abnehme. Ich habe dich selbst als warmherzigen, aufmerksamen Menschen erlebt. Gerade deshalb begreife ich diese Einseitigkeit nicht.
Du vergleichst Israel und seine Armee mit den dunkelsten Verbrechen der Geschichte, ziehst Parallelen zwischen der IDF und den Nazis. Für mich ist das eine unerträgliche Täter-Opfer-Umkehr. Du unterstützt »Free Marwan« und damit die Freilassung Marwan Barghoutis, der wegen seiner Verantwortung für tödliche Terroranschläge verurteilt wurde. Selbst die Hamas setzte sich für seine Freilassung ein, obwohl Barghouti zur mit ihr verfeindeten Fatah gehört.
Du trägst oft eine Kefiah, obwohl es bekannt ist, dass dieses Tuch seit Generationen auch für Gewalt gegen Juden steht.
Auch andere Äußerungen irritieren mich. Nach dem massiven Grenzübertritt aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta machtest du Israel dafür verantwortlich und unterstelltest, dahinter stecke eine Reaktion auf die israelkritische Politik Spaniens. Solche Behauptungen sind keine Kritik an einer israelischen Regierung mehr. Sie bedienen ein Weltbild, in dem Israel für Ereignisse verantwortlich gemacht wird, die Tausende Kilometer entfernt stattfinden.
Du trägst oft eine Kefiah, obwohl es bekannt ist, dass dieses Tuch seit Generationen auch für Gewalt gegen Juden steht. Es war ein blutiges Symbol bei Arafat damals und ist es bei der Hamas heute. Auch deine Boykottaufrufe gegen jüdische Akteure in der amerikanischen Filmindustrie werfen für mich eine bedrückende Frage auf: Wo endet Kritik an Israel – und wo beginnt die Ausgrenzung von Juden oder Hetze gegen Juden? Wäre es tatsächlich dein Wunsch Hollywood »judenfrei« zu sehen?
Gleichzeitig höre ich von dir nichts über jene Palästinenser in Gaza, die sich gegen Terror, Islamismus und die Herrschaft der Hamas stellen. Dabei gibt es sie.
Menschen wie Ahmed Fouad Alkhatib, der aus Gaza stammt, heute in den USA lebt und trotz eigener familiärer Verluste versucht, eine politische Perspektive jenseits von Hamas und endlosem Krieg zu entwickeln. Menschen, die fragen, wie ein künftiges Palästina aussehen müsste, damit seine Bewohner tatsächliche Chancen bekommen: Koexistenz mit den Nachbarn, Arbeit, Bildung, Freiheit, Demokratie – und ein Leben, das nicht von Hilfslieferungen, bewaffnetem Terror und einem immer neuen Krieg gegen Israel bestimmt wird.
Ich wünsche Israelis wie Palästinensern ein selbstbestimmtes und friedliches Leben.
Es gibt auch arabische Stimmen, die gerade deshalb eine radikale Selbstreflexion der palästinensischen Gesellschaft fordern und vor den zerstörerischen Folgen von Antisemitismus und radikalem Antizionismus warnen.
Das wäre eine Debatte, in der deine Stimme Gewicht hätte.
Denn wenn »Free Palestine« mehr sein soll als eine Parole, muss die Frage beantwortet werden: frei wovon – und frei wozu? Frei von Hamas? Frei von religiösem Fanatismus und Terror? Frei von Antisemitismus? Frei von einer politischen Kultur, in der der nächste Krieg wichtiger ist als das Leben der eigenen Kinder?
Ich wünsche den Palästinensern ein selbstbestimmtes und friedliches Leben. Und ich wünsche ebenso ein Israel, dessen Menschen nicht ständig um die Existenz ihres Landes fürchten müssen.
Das eine darf nicht die Voraussetzung für die Abschaffung des anderen sein.
Deshalb würde ich dich gerne auch etwas fragen: Warst du eigentlich in Israel? Hast du mit Überlebenden des Nova-Festivals gesprochen? Mit Angehörigen der Geiseln? Mit Menschen aus den Kibbuzim am Gazastreifen? Mit Bauern? Mit Soldaten? Mit arabischen Israelis? Mit Schoa-Überlebenden, für die der 7. Oktober alte Ängste mit ungeheurer Gewalt zurückgebracht hat? Mit Kindern im Norden des Landes, die viele Monate in Schutzräumen verbringen mussten? Mit Verwundeten?
Nicht mit Funktionären, nicht mit Aktivisten – mit Menschen. Ich würde dir Israel gerne zeigen.
Nicht das Israel aus Instagram-Clips, Propagandavideos und politischen BDS-Kampagnen. Sondern ein widersprüchliches, lautes, manchmal anstrengendes Land. Ein Land, in dem Juden und Muslime leben, in dem Araber Richter, Ärzte, Abgeordnete und Soldaten sind. Ein Land mit einer lebendigen Opposition, mit lautem Streit über Netanjahu und seine Regierung, mit vielen Friedensinitiativen und Menschen, die seit Jahrzehnten versuchen, irgendeinen Weg aus diesem Konflikt zu finden.
Du könntest Menschen treffen, die sich mit den politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für Frieden beschäftigen. Du könntest das Peres-Peace-Center kennenlernen und vieles mehr.
Und du könntest Palästinenser und arabische Israelis treffen, deren Geschichten nicht in das einfache Schema von Täter und Opfer passen. Menschen, die Israel trotz aller Probleme als ihre Heimat betrachten und nirgendwo anders leben wollen. Dass Israel eine lebendige Demokratie ist, zeigt sich gerade auch an den heftigen Debatten in der Knesset und den Demonstrationen auf den Straßen.
Vielleicht würden wir uns dabei heftig streiten. Wahrscheinlich sogar.
Dein Temperament gegen meines. Aber vielleicht wäre genau das besser als der nächste Boykottaufruf, die nächste Parole, der nächste Post, in dem schon vorher feststeht, wer gut und wer böse ist.
Ich erinnere mich noch immer an den Javier aus diesem Garten in Venedig: neugierig, warmherzig, offen für den Menschen vor ihm.
Diesen Javier würde ich gerne fragen: Willst du wirklich etwas für die Palästinenser verändern? Dann hilf denen, die Frieden, Freiheit und ein Leben ohne Hamas wollen. Und wenn du Israel kritisierst – selbstverständlich darfst und sollst du das –, dann unterscheide zwischen Kritik einerseits und Delegitimierung und Dämonisierung andererseits. Und sieh dir dieses Land an. Höre auch den Menschen dort zu. Nicht, um Deine Meinung aufzugeben, sondern um sie an der Wirklichkeit zu prüfen. Vielleicht beginnt Brückenbauen genau dort: beim Zuhören, gerade wenn man glaubt, längst alles zu wissen.
Shalev Biton hat nach dem Verlust seines Beines etwas sehr Einfaches getan. Er hat aus seinem persönlichen Unglück eine Idee gemacht, die anderen Menschen hilft. Allen Menschen.
Vielleicht ist das im Moment die bessere Antwort auf Hass gegen Juden und Israel. Und vielleicht wäre es ein Anfang, den Mut aufzubringen, Israel selbst zu erleben – und Israel leben zu lassen.
Auf bessere Tage.
Ciao, Gabriella
Die Autorin ist Fotografin und Vorsitzende des Vereins Respect & Remember Europe.