Kommentar

Empathie für alle?

Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali hat kürzlich ein Video auf Instagram veröffentlicht, in dem sie dazu aufruft, empathisch zu sein – mit den Menschen, die Familie und Freunde in Kriegsgebieten haben. »Ob im Iran, im Libanon, in der Ukraine oder wo auch immer«. Ein wichtiger, ein richtiger Appell. Aber er zeigt unfreiwillig genau das Problem: In der deutschen Medienlandschaft gilt diese Empathie offenbar nicht für alle. Israel – ein Land, das seit Jahren unter permanentem Raketenbeschuss lebt – kommt darin kaum vor.

In deutschen Medien lese ich: Israel bombardiert den Libanon. Scharfe Kritik von der UN, von Macron. Was ich kaum lese: dass die Terrororganisation Hisbollah seit dem 8. Oktober 2023 tausende Raketen auf Israel geschossen hat, dass über 60.000 Israelis monatelang evakuiert waren, dass die Hisbollah seit März 2026 erneut Hunderte Raketen und Drohnen auf Israel feuerte, dass weder die UN noch UNIFIL noch die libanesische Armee es seit 2006 geschafft haben, die Hisbollah zu entwaffnen – wie es UN-Resolution 1701 vorsah.

In Deutschland vermisse ich die Kritik an den Angriffen der Hisbollah. Sie werden ignoriert – bis Israel zurückschlägt.

Im Gegenteil: Die Hisbollah hat sich unter den Augen von UN-Stützpunkten bewaffnet und Tunnel bis an die israelische Grenze und vermutlich sogar nach Israel hinein gegraben.

Meine Kindheitsfreundin lebt im Kibbutz Misgav Am direkt an der libanesischen Grenze. Seit Oktober 2023 wird er und andere Orte im Norden beschossen. Bei Raketenalarm hat sie maximal 15 Sekunden, um mit ihren Kindern in den Bunker zu rennen. Heute blieben ihr ganze zwei Sekunden, bis eine Rakete das Haus einer alten Frau im Kibbutz traf. Davor war sie monatelang evakuiert. Darüber lese ich in Deutschland so gut wie nichts. Keine Reportagen aus dem israelischen Norden. Keine Interviews mit Familien, die zwischen Bunker und Evakuierung leben.

In Deutschland vermisse ich die Kritik an den Angriffen der Hisbollah. Sie werden ignoriert – bis Israel zurückschlägt. Dann ist die Empörung groß. Und es fehlt Kontext: Die israelische Armee hat bestätigt, dass über 1.100 der Getöteten Hisbollah-Kämpfer waren – die absolute Mehrheit der Opfer. Aber in den Schlagzeilen steht nur die Gesamtzahl, ohne Einordnung. Die Hisbollah selbst veröffentlicht auf ihren Kanälen die Bilder der »Märtyrer«.

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Ich wünsche mir keine unkritische Berichterstattung zugunsten Israels. Ich wünsche mir Kontext, Vollständigkeit und Empathie. Auch für die Kinder, die nur 15 Sekunden für den Weg in den Bunker haben, oft zehnmal am Tag. Frau Hayali hat recht: Wir müssen empathisch sein. Aber dann bitte auch mit Israelis unter Beschuss.

Die Autorin ist Publizistin und Unternehmerin und lebt in Israel.

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