Hamas

Missbrauch als Waffe

484 Tage war Keith Siegel Geisel der Hamas – und immer wieder sexueller Gewalt ausgeliefert. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Warnung: Dieser Text enthält verstörende Gewaltschilderungen. Bitte beachten Sie dies vor der Lektüre und gegenüber Minderjährigen.

Bald nach seiner Freilassung sitzt der 65-jährige Keith Siegel still vor einer Kamera. 484 Tage war er Geisel der Hamas. Die Hände liegen ruhig im Schoß, die Stimme bleibt kontrolliert. Doch immer wieder bricht etwas durch, wenn er über die Gefangenschaft in Gaza spricht – Momente der Erniedrigung, der Angst, des völligen Ausgeliefertseins, die sich nicht in einfache Sätze pressen lassen. Später wird er auch vom sexuellen Missbrauch durch die Terroristen berichten.

Diese Szenen sind in einem Trailer auf der Website der israelischen Zivilkommission (Civil Commission on October 7th Crimes by Hamas against Women and Children) zu sehen, die damit auf die Veröffentlichung des bisher umfassendsten Berichts über die systematische sexualisierte Gewalt bei den Hamas-Massakern am 7. Oktober 2023 hinweist.

»Silenced no more. Sexual Terror Unveiled« (Nicht länger zum Schweigen gebracht. Sexueller Terror offengelegt) heißt der Report, an dem mehr als zwei Jahre lang gearbeitet wurde. Er ist der Versuch nachzuweisen, dass sexualisierte Gewalt von der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober und in der Gefangenschaft der Geiseln als Kriegswaffe eingesetzt wurde, als Mittel zur Demütigung und als Instrument des Terrors.

10.000 Fotos und Videosequenzen

Für den Bericht der von der Juristin Cochav Elkayam-Levy gegründeten unabhängigen Kommission wurden mehr als 10.000 Fotos und Videosequenzen, rund 1800 Stunden Bildmaterial sowie mehr als 430 Zeugenaussagen, Interviews und forensische Analysen ausgewertet. Viele der Aufnahmen stammen von den Tätern selbst: Videos von Handykameras und Bodycams, Livestreams, Aufnahmen aus Telegram-Kanälen und sozialen Netzwerken.

Die Kommissions-Experten kommen zu einem klaren Schluss: Die Übergriffe seien weder zufällig noch vereinzelt gewesen. Vielmehr habe es wiederkehrende Muster gegeben, die auf einen organisierten und koordinierten Einsatz sexualisierter Gewalt als Waffe hindeuteten. Der Bericht identifiziert 13 Formen solcher Verbrechen – darunter Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, sexuelle Folter, Verstümmelungen, erzwungene Nacktheit sowie Misshandlungen vor Angehörigen.

In mindestens einem dokumentierten Fall seien Familienmitglieder gezwungen worden, sexuelle Gewalt gegeneinander auszuüben. Dafür prägte die Kommission einen neuen Begriff: »kinozidale sexuelle Gewalt«, also Gewalt, die gezielt familiäre Bindungen zerstören soll.

Sexualisierte Folter während der Gefangenschaft

Besonders eindringlich schildert der Bericht, wie die Gewalt nach dem 7. Oktober weiterging. Freigelassene Geiseln berichteten von sexuellen Übergriffen, Erniedrigung und sexualisierter Folter während der Gefangenschaft – teilweise über Monate hinweg. Davon betroffen waren sowohl Frauen als auch Männer.

Zu denen, die besonders offen über das gesprochen haben, was ihnen angetan wurde, gehört Keith Siegel. Der amerikanisch-israelische Staatsbürger wurde gemeinsam mit seiner Frau Aviva aus dem Kibbuz Kfar Aza verschleppt. Nach seiner Freilassung schilderte er wiederholt die psychischen, physischen und sexuellen Misshandlungen während seiner Gefangenschaft. Im Video für den Bericht sagt er: »Der Terrorist legte seine Faust auf meine Brust. Dann machte er ein Zeichen, dass ich still sein soll, und sagte: ›Zieh deine Unterhose aus.‹«

Der Bericht nennt seinen Fall beispielhaft für die systematische Entmenschlichung der Geiseln durch die Terroristen. Viele hätten in ständiger Angst, Isolation und mit sexueller Erniedrigung leben müssen. Zeugenaussagen zufolge wurden sie gezielt gedemütigt, bedroht und in die völlige Abhängigkeit gezwungen. Auch andere Geiseln haben mittlerweile ausführlich über sexuelle Gewalt in der Gefangenschaft in Gaza gesprochen, darunter Romi Gonen, Guy Gilboa Dalal und Alon Ohel.

»Fortgesetztes Verbrechen«

Zudem wird in der intensiven Untersuchung eine weitere Dimension der Gewalt beleuchtet: deren digitale Verbreitung. Täter hätten ihre Übergriffe bewusst gefilmt, weitergeleitet und veröffentlicht, um Terror, Angst und Demütigung zu maximieren. Bilder von Opfern seien an Angehörige verschickt oder massenhaft online verbreitet worden.

Die Sichtbarkeit selbst sei Teil der Waffe geworden. Die Mitarbeiter des Berichts sprechen deshalb von einem »fortgesetzten Verbrechen«: Die Gewalt ende nicht mit dem eigentlichen Übergriff, sondern werde durch die ständige Verbreitung der Bilder verlängert. Für Überlebende und Angehörige bedeute dies eine immer neue Konfrontation mit dem Trauma.

Geiseln haben in ständiger Angst, Isolation und mit sexueller Erniedrigung leben müssen.

Dass der Bericht nun erscheint, hat auch mit den Debatten und Erfahrungen der vergangenen Jahre zu tun. Direkt nach den Hamas-Massakern waren Berichte über sexualisierte Gewalt international immer wieder angezweifelt oder relativiert worden. In der Folge warfen Aktivistinnen und israelische Organisationen internationalen Institutionen vor, zu lange geschwiegen zu haben, vor allem solchen, deren Zweck der Kampf gegen sexualisierte Gewalt ist. Erst Monate später reagierten Vertreter der Vereinten Nationen deutlicher auf Hinweise auf sexuelle Gewalt während des Angriffs und in der Gefangenschaft der Geiseln.

Zahlreiche Aufnahmen wurden gelöscht oder waren nicht mehr auffindbar

Die Zivilkommission beschreibt zudem, dass sie bereits unmittelbar nach dem Angriff angefangen habe, Beweise zu sammeln, zu einem Zeitpunkt also, als die meisten Videos noch online verfügbar waren. Zahlreiche Aufnahmen seien später gelöscht worden oder nicht mehr auffindbar gewesen. Deshalb sei ein unabhängiges Archiv entstanden, das Material gesichert habe, das sonst verloren gegangen wäre.

Der Bericht erhebt schließlich schwere juristische Vorwürfe. Die dokumentierten Taten erfüllten nach Einschätzung der Kommission die Kriterien für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und teilweise auch genozidale Handlungen nach internationalem Recht. So versteht sich das Dokument auch als Grundlage für mögliche künftige Strafverfahren gegen Täter, Planer und Unterstützer der terroristischen Verbrechen.

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»Wir haben zwei Jahre lang Überlebenden und Zeugen zugehört und Material untersucht, das oft kaum zu ertragen ist«, sagte Elkayam-Levy anlässlich der Veröffentlichung. »Der Bericht zeigt, dass sexuelle Gewalt bewusst als Strategie eingesetzt wurde – mit außergewöhnlicher Grausamkeit.« Dies zu verschweigen, zu leugnen oder zu relativieren, verhindere nicht nur die Aufarbeitung, sondern auch die Prävention zukünftiger Verbrechen.

Verschärfung der Debatten über die Aufarbeitung des 7. Oktober

Die Veröffentlichung dürfte die Debatten über die Aufarbeitung des 7. Oktober erneut verschärfen. Denn der Bericht ist nicht nur eine Sammlung von Zeugenaussagen, er ist auch ein politisches Dokument gegen das Vergessen und damit gegen jene, die Berichte über sexualisierte Gewalt bis heute als Lügen und Propaganda abtun.

Für viele Israelis ist dies ein zentraler Punkt. Die Bilder des 7. Oktober haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: die verkohlten Häuser in den Kibbuzim, die Aufnahmen vom Nova-Festival, die verzweifelten Nachrichten der Verschleppten. Der neue Bericht fügt diesen Bildern eine weitere, besonders verstörende Ebene hinzu, zeigt er doch, dass sexualisierte Gewalt nicht Begleiterscheinung der Massaker war, sondern Teil ihrer Methode.

Der Trailer auf der Website der Zivilkommission endet mit einem Schwarzbild und dem Satz: »The truth must be told« – Die Wahrheit muss erzählt werden.

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