Sport

Teamgeist und Trikottausch

Tanya tauscht mit Sarah, Vladi zieht das von Fabio über. Grün gegen Blau, Gelb gegen Weiß. Das brasilianische Trikot geht in die USA, das ukrainische nach Argentinien und umgekehrt. Kunterbunt sind sie und heiß begehrt: die Jerseys der Teams aus aller Welt. Die internationalen jüdischen Delegationen sind nach Israel gekommen, um sich zwei Wochen lang sportlich zu messen. Doch vor allem, um zusammenzustehen – »mehr denn je«. Genauso lautet das Motto der 22. Maccabiah.

Tanya, Fabio, Vladi und Sarah gehören wie rund 8000 weitere Sportlerinnen und Sportler zu den Delegationen, die aus mehr als 50 Ländern angereist sind, obwohl bis vor wenigen Wochen noch gar nicht klar war, ob die Spiele überhaupt stattfinden würden. Nachdem das Event 2025 wegen des Krieges zwischen Israel und dem Iran verschoben worden war, hatte der Auftakt des zweiwöchigen Wettbewerbs am 1. Juli im Jerusalemer Teddy-Stadion besondere Symbolkraft. Die Athleten feiern nicht nur den Beginn der Makkabiade, sondern auch sich selbst – und das Gefühl, Teil einer weltweit verbundenen jüdischen Gemeinschaft zu sein.

Die zwölfköpfige Delegation aus Australien kommt unter riesigem Jubel des Publikums auf die Bühne

»Bis vor fünf Tagen wussten sie nicht, ob es überhaupt auf die Reise geht«, ruft Moderator Assi Azar bei der Eröffnungszeremonie ins Mikrofon. »Doch hier sind sie, die Aussis!« In dunkelgrünen Shorts und Windbreakern mit Baseballkappen auf dem Kopf kommt die zwölfköpfige Delegation aus Australien unter riesigem Jubel des Publikums auf die Bühne.

Aus den USA laufen, tanzen und hüpfen 903 ausgelassene Frauen und Männer in dunkelblauen Outfits ein. Einer von ihnen ist Dan Kurtz, Leiter der Delegation. Er ist stolz, dass fast alle, die sich im vergangenen Jahr angemeldet hatten, jetzt dabei sind. »Wir wären in jedem Fall gekommen, egal, was geschieht«, ist für ihn ganz klar. Die Makkabiade sei die Essenz jüdischen Lebens. »Wir wollen Juden aus aller Welt kennenlernen und uns gemeinsam freuen, dass wir in Israel sind.« 8000 jüdische Sportlerinnen und Sportler aus allen möglichen Ländern, »das ist ein wunderschöner Anblick«.

Auch aus Mexiko, Argentinien, Brasilien, Deutschland und Frankreich sind große Delegationen angereist, die ihre Farben präsentieren.

Auch aus Mexiko, Argentinien, Brasilien, Deutschland und Frankreich sind große Delegationen angereist, die ihre Farben präsentieren. Israel stellt mit rund 2200 Athleten und Athletinnen die größte Gruppe. Aus Indien sind zehn Sportler da, die eine jüdische Gemeinschaft von rund 4000 Menschen in einem Land mit mehr als 1,4 Milliarden repräsentieren. Zu ihnen gehört der 90-jährige Sam Marshall, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der weltweiten Makkabi-Bewegung. Die Schweizer ganz in Rot sind mit 16 Leuten dabei. Darunter Sep Holz, der im Tischtennis antritt, während sein Sohn Tilon Delegationsleiter ist. Bei der Familie Holz ist Sport Familiensache.

»Die ganze Familie ist mit dabei«

Für Andrea Gartner ist das selbstverständlich: »Die ganze Familie ist mit dabei«, sagt sie stolz und strahlt. Sie gehört mit ihrem Mann und den beiden Kindern zu der rund 600-köpfigen Delegation aus Brasilien. »Wir sind einfach nur glücklich. Seit über einem Jahr haben wir über kaum etwas anderes gesprochen und dafür gebetet, dass die Makkabiade stattfindet.« In ihrem blau-grünen T-Shirt mit dem »Brasil«-Logo hüpft sie in die Luft und klatscht in die Hände. »Und nun sind wir wirklich hier.«

Die Freude ist vielen Menschen an diesem Abend förmlich ins Gesicht geschrieben – oder gemalt. Auf Wangen, Armen und Händen kleben Davidsterne, manche mit Glitzer verziert, auf anderen prangen die Nationalfarben ihrer Heimatländer. Menschen, die nicht dieselbe Sprache sprechen, liegen sich in den Armen, lachen einander an, klatschen High Five. Fremde werden zu Freunden.

Eine der 45 Sportarten, in denen angetreten wird, ist Futsal, die internationale Version des Hallenfußballs. Adans Zabicki Duardo ist wie 2022 auch dieses Mal mit dabei. Vor vier Jahren kam er aus seiner Heimat zum ersten Mal nach Israel – und blieb. »Ich habe Alija gemacht, aber viele meiner Freunde sind noch in Kuba«, erzählt er, als er mit einer Gruppe junger Leute in blau-rot-weißen Shirts zusammensteht. »Und sie alle wiederzusehen, ist wahnsinnig aufregend.« Ob auch diesmal wieder kubanische Juden bleiben werden? Der junge hochgewachsene Mann mit dem Lockenschopf lacht. »Werden wir sehen …«

Zabicki Duardo lebt heute in Tel Aviv. Die Metropole am Mittelmeer ist zum ersten Mal Austragungsort. Jerusalem konzentriert sich auf die offene Kategorie, Haifa auf die Junioren- und Herzliya auf die Masters-Kategorie. Außerdem wird es in Hadera und Ra’anana sportlich.

Trainingsanzüge mit Ländernamen sind Badehosen und Bikinis gewichen

Am Strand von Tel Aviv haben sich am nächsten Tag junge Leute aus Mexiko versammelt. Die weißen Trainingsanzüge mit den Ländernamen sind Badehosen und Bikinis gewichen. Sie prosten sich mit israelischem Goldstar-Bier zu. »Le’Chaim!« Auf das Leben. Ein paar Meter weiter packt eine Gruppe von US-Amerikanerinnen die Badetücher ein, zieht sich ihre dunkelblauen T-Shirts über und macht sich auf den Weg ins Hotel. »Morgen haben wir frei, also werden wir heute noch das Nachtleben erkunden«, verrät Stacey Fridman unter dem Jubel ihrer Teamkolleginnen und zwinkert. »Wir wollen hier schließlich israelische Bräutigame finden.«

Für Hotel- und Restaurantbetreiber sind die sportlichen Touristen ein Segen. »Endlich ist hier wieder was los«, finden die Israelis, die die Gäste mit offenen Armen empfangen.

Die Athleten feiern auch das Gefühl, Teil einer weltweit verbundenen Gemeinschaft zu sein.

In diesem Jahr gibt es erstmals neben den offiziellen Wettkämpfen ein öffentliches Sportfestival für jedermann: die Maccabiah City in der Expo Tel Aviv. Es soll die Atmosphäre eines Olympischen Dorfes vermitteln, mit jeder Menge Sport, interaktiven Fan-Zonen, einer historischen Ausstellung und der Möglichkeit, jüdische Athleten kennenzulernen. Zwei von ihnen waren bei der Eröffnung dabei: der Judoka und EM-Goldmedaillengewinner Peter Paltchik sowie Moran Samuel, paralympische Basketballspielerin und Weltmeisterin im Rudern. Paltchik lobte die Einbindung der Bevölkerung: »Es ist großartig, Kinder und Jugendliche zu sehen, die so viel Freude an Sport und Bewegung haben.«

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Adi Cohen ist Jugendleiterin und mit einer Gruppe aus Hod Hascharon hier, die in neonorangenen T-Shirts auf dem Rasen frühstückt. Die Kinder sind schon am Morgen angereist und freuen sich aufs Toben. »Ich finde es toll, dass die Maccabiah in diesem Jahr nicht nur für die Delegationen reserviert ist, sondern dass es auch für alle anderen etwas zu erleben gibt«, so die Madricha.

Von etwas anderem gibt es mehr als je zuvor: Teamgeist

In diesem Jahr zählen zu den größten Partnern der Veranstaltung das israelische Ministerium für Kultur und Sport sowie der Jüdische Nationalfonds (KKL), der unter anderem mit Kletterwänden in der Maccabiah City vertreten ist. Seit fast einem Jahrhundert ist es das größte jüdische Sportfest der Welt. Zahlenmäßig erreicht die Veranstaltung zwar nicht die Vorjahre, doch von etwas anderem gibt es mehr als je zuvor: Teamgeist. Die Makkabiade ist Wiedersehen, Hoffnung und das Versprechen, dass Juden aus aller Welt trotz Krieg, wachsendem Antisemitismus und großer Unsicherheit zusammenstehen.

Wahrscheinlich sind die getauschten Trikots auch deshalb so begehrt. Denn sie sind mehr als ein Souvenir. Sie erzählen von Freundschaften über Kontinente hinweg, von jüdischer Verbundenheit und erinnern an die Menschen, die sie getragen haben: verschieden und doch ähnlich, farbenfroh, voller Lebensfreude und richtig schön anzusehen.

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