Hunderte Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold flattern im Rhythmus zur Musik. Als Makkabi Deutschland am Mittwoch vergangener Woche bei der Eröffnung ins Jerusalemer Teddy-Stadion einläuft, ist die Stimmung bereits am Kochen. Vorweg schreitet der Golfer Leo Friedman und trägt die deutsche Flagge bei seiner neunten Maccabiah voller Stolz. Plötzlich aber entfaltet sich eine überdimensionale israelische Flagge inmitten der Delegation, die eine Botschaft mitgebracht hat: Die deutsche und die israelische Identität existieren Seite an Seite.
»Der Einzug unserer Delegation war ein Moment, den viele von uns wohl nie vergessen werden«, sagt Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland, anschließend. »Gerade in der heutigen Zeit ist die Makkabiade ein sichtbares Zeichen der Solidarität, Hoffnung und Stärke der weltweiten jüdischen Gemeinschaft.« Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stehen große Gefühle im Vordergrund. »Nach allem, was in den vergangenen Monaten geschehen ist, war dieser Marsch ein unglaublich emotionaler und verbindender Moment für unsere Delegation«, freut sich Alfi Goldenberg.
170 Makkabäerinnen und Makkabäer aus ganz Deutschland sind in diesem Jahr in Israel dabei.
170 Makkabäerinnen und Makkabäer aus ganz Deutschland sind in diesem Jahr bei der jüdischen Olympiade in Israel dabei. Einer von ihnen ist Aaron Morali, 28 Jahre alt. Er spielt Futsal und nimmt zum dritten Mal teil. Für den in Karlsruhe aufgewachsenen Spieler ist es mehr als nur ein sportlicher Wettkampf. »Weil die jüdische Gemeinde meiner Heimatstadt recht klein war, habe ich als Kind nur wenige Juden kennengelernt.« Umso mehr bedeute es ihm, dass Tausende jüdische Sportlerinnen und Sportler zusammenkämen. »Freundschaften entstehen über Ländergrenzen hinweg, man spürt sofort ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.«
Heute lebt Morali in Israel – doch die alte Heimat bleibe ein wichtiger Teil seiner Identität. »Das deutsche Trikot zu tragen, erfüllt mich mit Stolz und ist ein Zeichen dafür, dass jüdisches Leben in Deutschland Zukunft hat.«
Viel Leidenschaft für das Team und für Deutschland
Im Turnier laufe es »einigermaßen gut«. Nach einer knappen Auftaktniederlage von 5:6 gegen Frankreich, einen Dämpfer gegen Israel mit 1:14, hat das Team 3:2 gegen Brasilien gewonnen. »Und darauf sind wir mächtig stolz! Denn wir kommen aus allen Teilen Deutschlands und sehen uns im Alltag selten. Trotzdem schaffen wir es, innerhalb kurzer Zeit als Mannschaft zusammenzuwachsen und auf sehr hohem Niveau mit großer Intensität zu spielen.« Für Morali ist es ein klares Zeichen, »wie viel Leidenschaft jeder Einzelne für das Team und für Deutschland mitbringt«.
Leo Friedman ist ein echter »alter Makkabiade-Hase«. Er kennt die Abläufe, die Traditionen und das besondere Gefühl dieser jüdischen Olympiade seit vielen Jahren. Er ist nicht nur als Fahnenträger dabei, sondern tritt auch selbst als Golfer an. Früher war Friedman Tennisprofi, heute ist er ausgebildeter Golflehrer und dem Makkabi-Sport eng verbunden. »Ich bin Makkabi durch und durch«, lautet seine Einstellung. Golf habe er bei Makkabi Deutschland praktisch von Grund auf aufgebaut. Inzwischen sei daraus eine starke Mannschaft geworden. »Wir haben Top-Spieler.«
Die Maccabiah ist auch für Friedman weit mehr als nur Wettbewerb. »Man fühlt sich frei und nicht belastet, denn Israel ist für viele Teilnehmer natürlich die zweite Heimat.« Außerdem sei das Turnier für ihn ein Ort, an dem alte Freundschaften gepflegt und neue geknüpft werden. »Ich kenne fast jeden bei Makkabi.« Auch persönlich hat die Makkabiade sein Leben geprägt: Dort lernte Friedman seine Ehefrau Debbi kennen, die mit dabei ist. Trotz aller Herausforderungen blickt er optimistisch auf die Spiele und hat eine »Extraportion Dafke« im Gepäck. Die Teilnahme sei auch ein Zeichen der Verbundenheit: »Wir wollen hier Flagge zeigen.«
»Man spürt sofort ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.«
Aaron Morali
Diana Roif Sofrin nimmt in diesem Jahr zum sechsten Mal in Folge teil. Dabei entdeckte die ebenfalls in Karlsruhe aufgewachsene Juristin das Turnier durch einen Zufall: Ihr Vater sah in der jüdischen Gemeinde ein Plakat und meldete sie einfach an. »Und dann war es Liebe auf den ersten Blick«, weiß sie noch wie heute. Seit ihrem siebten Lebensjahr spielt sie Tischtennis, erst als Leistungssportlerin, heute als Hobby. Während ihres Jurastudiums in Heidelberg war sie zudem Madricha im Jugendzentrum.
Verbindung von Sport, Freundschaft und jüdischem Leben
Die Makkabiade verbindet für die 39-Jährige Sport, Freundschaft und jüdisches Leben auf einzigartige Weise. »So einige Makkabi-Freunde von damals gehören immer noch zum Kreis meiner liebsten Menschen. Wir ticken einfach ähnlich.« Das Sportfest habe ihr Leben sogar nachhaltig verändert. Vor einigen Jahren zog sie nach Tel Aviv, fand die große Liebe, gründete eine Familie und spielt heute Tischtennis bei Makkabi Tel Aviv. Das deutsche Team bei der Maccabiah zu vertreten, sei etwas ganz Besonderes: »Es macht mich unglaublich glücklich.«
Monika Feygin aus Bochum macht seit ihrem sechsten Lebensjahr Karate und trägt den Schwarzgurt. Sie tritt im Kumite, einer Wettkampf- und Trainingsform in japanischen Kampfkünsten, an. Die 27-Jährige gehörte zum Landeskader Nordrhein-Westfalen und sagt: »Ich habe da einiges gerissen.« Es ist ihre allererste Makkabiade in Israel – und sie ist von der Atmosphäre begeistert. »Alle sind total gechillt und genießen die Zeit.« Morgens steht Training auf dem Programm, danach ist Freizeit. »Man geht an den Pool oder an den Strand und abends zusammen aus.« Während der Spiele wohnt sie in einem Hotel in Herzliya, von dort fahren Shuttlebusse nach Tel Aviv. »Gestern Abend waren wir auf einer Party am Strand und haben im Sand getanzt. Es war mega!«
Neben den Wettkämpfen werden von Makkabi Ausflüge angeboten, etwa nach Jerusalem, ans Tote Meer oder in Museen. Außerdem gibt es eine Bar-Tour und Ice-Baden. »Darauf habe ich total Lust, ich bin schon angemeldet.« An der Bar-Tour will Feygin allerdings erst nach ihren Wettkämpfen teilnehmen. »Vorher keinen Alkohol. Aber wenn die Wettkämpfe vorbei sind, dann werde ich darauf anstoßen.« Auf der Matte wird sie voraussichtlich gegen israelische Gegnerinnen antreten. Ihr Ziel ist klar: »Ich hoffe, auf dem Treppchen zu stehen. Am besten natürlich ganz oben.«
Das wollen auch die Basketballspieler. In einem Post bei Instagram machen sie klar: »Wir sind Basketballspieler, natürlich fragt uns jeder, wie groß wir sind. Wir sind Basketballspieler, natürlich haben wir am Wochenende keine Zeit.« Und weiter: »Wir sind Basketballspieler, natürlich wollen wir bei der Makkabiade gewinnen.«
Es werden Ausflüge nach Jerusalem oder ans Tote Meer angeboten.
Das gilt auch für Tennisspieler Oscar Friedman. Vor allem wolle er möglichst viele »unvergessliche Erinnerungen« sammeln – und wenn möglich, auch eine Medaille. Dafür habe er intensiv trainiert und fühle sich bestens vorbereitet, erzählte er der Jüdischen Allgemeinen vor der Abreise. Auf das Motto »More Than Ever« angesprochen, erinnerte sich Friedman an einen Tennislehrgang. Obwohl die Spiele verschoben wurden, hätten alle weiter trainiert. »Da war eine richtige Aufbruchsstimmung zu spüren.«
Nach seiner Ankunft in Israel bestätigte sich diese Vorfreude. Für ihn habe von Anfang an festgestanden, dass er kommen werde, sobald die Makkabiade stattfindet. »Jetzt erst recht«, meint der 17-Jährige, der schon bei den Europäischen Makkabi-Spielen in London angetreten war. Besonders beeindruckt zeigte er sich von der deutschen Jugenddelegation. »Wir sind mit ungefähr 80 Jugendlichen in Israel, und das merkt man.« Er lacht und sagt: »Wir sind ein großes Team, wir sind ein lautes Team. Und wir machen ganz klar: Hier sind wir!«
96 Medaillen – 16 Gold, 25 Silber, 55 Bronze – (bei Redaktionsschluss) sprechen dafür.