Es lässt sich auf den Punkt bringen: Der 7. Oktober 2023 hat alles verändert. Ja. Viele von uns sitzen wieder auf gepackten Koffern, und Fragen wie »Was machen wir jetzt?«, »Wohin gehen wir?«, »Wann gehen wir?« stehen im Raum. Bei mir, bei meiner Familie, bei Menschen in meinem Umfeld. Ich muss gerade oft an meine Großeltern denken, die mein Leben stark geprägt haben. Ich bin die Enkelin von Schindlerjuden, und ich wüsste gern, was meine Großmutter und mein Großvater mir und der jüdischen Community in unserer heutigen Situation raten würden.
Geboren wurde ich 1978 in Frankfurt am Main. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, und meine Großeltern lebten um die Ecke. Konnte ich sie einmal nicht sehen, haben wir zumindest telefoniert. Davon, was sie erlebt haben, erzählten sie beide nicht viel. Meine Großmutter gar nichts, mein Großvater manchmal ein bisschen. Stattdessen lag da über allem eine spürbare Angst, so subtil wie omnipräsent.
Angst schwang bei allem mit. Meine Großeltern »verlangten« von uns, nicht aufzufallen. Wir sollten »leise an der Wand entlanglaufen«, nichts sagen, auch nicht, dass wir jüdisch sind, und wenn wir uns aufmachten zur Synagoge, machte sie das schon nervös. Heute weiß ich, dass das ihr Versuch war, uns Kinder zu schützen. Und wir? Wir hatten tatsächlich das Gefühl, dass es dabei mehr ums Überleben als ums wirkliche Leben ging.
Ich bin sehr assimiliert groß geworden
Was ich aber gleichzeitig von Kindesbeinen an mitbekommen, ja fast eingeatmet habe – und ich begreife das als ein Geschenk –, war mein jüdisch-polnisches Umfeld. Meine Großeltern waren eng verbunden mit ihrem Freundeskreis, Holocaust-Überlebende wie sie. Man traf sich regelmäßig zum Kaffeeklatsch, war eine kleine verschworene Gemeinschaft, die zusammenhielt. Das schuf eine eigene, wunderbare Atmosphäre, die ich heute noch spüren und abrufen kann. Und in dieser Runde saßen zum Beispiel auch die Eltern von Michel Friedman, ebenfalls Schindlerjuden. Michel Friedmans Vater war der beste Freund meines Großvaters.
Nach »außen« gab es für meine Großeltern so gut wie keine Kontakte, wobei sie sich von uns wünschten, zu allen um uns herum freundlich und offen zu sein. Immerhin war es ja ein Deutscher gewesen, der sie gerettet hatte. Ich bin daher auch sehr assimiliert groß geworden. Heute denke ich, dass das einen ziemlichen Einfluss darauf hatte, wie hart mich der 7. Oktober getroffen hat, wie groß der Schock darüber war, was da an Terror gegen jüdische Menschen passiert ist, aber auch, welche Auswirkungen dieser mörderische Angriff nach sich zog, weltweit wie auch in Deutschland.
Ich konnte die Reaktion, die uns aus der deutschen Gesellschaft entgegenschlug, nicht fassen. Was für ein Riesenschock, mit dem wir alle erst einmal umgehen mussten und immer noch müssen. Diese Erfahrung gab meinem Leben eine neue Richtung.
Ich wüsste gern, was meine Großeltern mir heute raten würden.
Ich habe einen jüdischen, einen religiösen Vornamen angenommen. Seit den Ereignissen von 2023 heiße ich Rivkah. Zu diesem Namen hatte ich mich irgendwie schon immer hingezogen gefühlt, und dann – es ist fast unglaublich – fand ich vor einiger Zeit in alten Unterlagen meiner Großeltern, dass eine meiner Ururgroßmütter Rivkah hieß. So fügt sich alles. Aus Georgina ist Rivkah geworden.
Aus Georgina ist Rivkah geworden
Nach der Schule habe ich Jura studiert und bin nach Berlin gegangen, wo ich drei Jahre lang lebte, bevor ich zusammen mit meinem Mann nach München zog. Das ist jetzt 18 Jahre her. Mit Frankfurt bin ich aber immer noch stark verbunden. Ich mag die dortige wunderbare Gemeinde, ebenso wie ich jetzt die Gemeinde in München sehr zu schätzen weiß. Umso mehr nach dem 7. Oktober und meiner »Neuorientierung«, an deren Anfang, so verrückt das klingt, ein Schmuckstück stand.
Mein Mann sah, dass es mir nicht gut ging, und fertigte für mich aus einer zarten Goldkette einen kleinen Ring an, verziert mit einem winzigen Davidstern. Ich war davon zutiefst berührt und spürte, dass aus dieser wunderbaren Geste mehr werden könnte und sollte. Eine Idee entstand, die ich gleich mit meiner besten Freundin Zipporah teilte, und »Oriya« war geboren. Ich hatte mich entschieden, eine jüdische Schmuckfirma aufzubauen, und selten habe ich mich bei einem Entschluss so sicher gefühlt.
Ich wusste, dass ich aktiv, dass ich sichtbar werden musste, auch für die, die nicht mehr unter uns sind. Meine Mutter, die vor acht Jahren gestorben ist, hat ihre Verantwortung endgültig auf mich übertragen, die Fesseln meiner Großeltern, die immer so leise in Deutschland gelebt hatten, mussten endlich gesprengt werden. Dazu kam eine zunehmende Frustration darüber, wie einseitig die deutschen Medien berichteten. Also war es mein Ziel, meinem Umfeld eine andere Sichtweise zur Verfügung zu stellen. Und wie sollte das besser gehen als über Social Media?
Ich möchte, dass meine Töchter stolz auf ihr Judentum sind, ohne jeden Minderwertigkeitskomplex.
Mit den Konsequenzen – die sich jeder vorstellen kann und die alles andere als harmlos sind – muss ich leben. Bei jedem Schritt heraus aus der Passivität habe ich natürlich auch an meine Kinder gedacht, meine Töchter, die eine 13, die andere 16 Jahre alt. Ich möchte ihnen dieses Generationsdrama auf keinen Fall weitergeben. Ich möchte, dass die beiden stolz auf ihr Judentum sind, ohne jeden Minderwertigkeitskomplex. Und wie es aussieht, haben wir das auch ganz gut hinbekommen. Hinter der Gründung meiner Schmuckmarke Oriya stehen also Schmerz und Verzweiflung. Es stehen aber auch der dringende Wunsch und der feste Entschluss dahinter, etwas für unsere Gemeinschaft zu tun – und das gerade jetzt.
Seit dem 7. Oktober habe ich wieder begonnen, regelmäßig in die Synagoge zu gehen. Das hat mich, so will ich das sagen, persönlich gerettet. Ich habe dort großen Halt und ein Wissen über unsere wertvollen Traditionen gefunden, das ich auf die Fertigung meiner Schmuckstücke übertragen konnte. Meine Freundin Zipporah bringt dazu Erfahrungen aus dem Schmuckbusiness mit. Sie ist die Produktionsleiterin bei Oriya.
Von mir kommt bei alldem der kreative Part
Als kleines Team sind wir jetzt bereits bei unserer zweiten Kollektion. Von jedem verkauften Schmuckstück spenden wir 18 Euro an Atufim B’Ahava, eine israelische Organisation, die Kinder unterstützt, die durch das Massaker am 7. Oktober ihre Eltern verloren haben. Damit stellen wir uns in die jüdische Tradition des Zedaka-Gedankens.
Von mir kommt bei alldem der kreative Part. Ich sitze vor einem Blatt Papier, skizziere, manchmal nehme ich Knete oder Wachs zum Modellieren in die Hand, blättere in alten Büchern mit jüdischen Symbolen und kombiniere schließlich meine Inspirationen mit meinem religiösen Wissen. Ich lasse mich von der Kabbala inspirieren, gehe den Geschichten aus unserer Tora noch einmal genau nach und gestalte dazu ein Design, das seinen Inhalt vielleicht erst auf den zweiten Blick verrät.
Zwölf kleine glitzernde Steinchen auf einem glattflächigen Kettenanhänger stehen dann zum Beispiel für die zwölf Stämme, und die Splitterchen am Rand, das sind die drei Erzväter. Das zu erkennen, dafür ist Hintergrundwissen nötig. Und das mag ich. Das Sichtbarwerden auf den zweiten Blick, dieses »Who knows?«.
Mein Herz schlägt längst für ein anderes Land
Was mit »Oriya«, das übersetzt aus dem Hebräischen »Gott ist mein Licht« bedeutet, also stattgefunden hat, ist die Umwandlung von Verzweiflung in die Schönheit des Zusammenhalts. Denn: Es muss ja weitergehen. Ich weiß – ohne zu urteilen –, dass viele von uns von den Briefkästen ihre Namen, von ihren Türstöcken ihre Mesusot genommen haben. Das kommt für mich persönlich nicht infrage, und ich kenne auch andere, die ihren Davidstern gerade jetzt umso offener tragen. Für uns, das haben wir in der Familie so besprochen, gilt: Sobald wir uns gezwungen sehen, die Mesusa herunterzunehmen, wissen wir, dass wir gehen müssen.
Ach, was sage ich? Mein Herz schlägt ja längst für ein anderes Land. Wie konnte es nur so weit kommen? Wo ich doch wirklich, als meine Töchter geboren wurden, davon ausgegangen war, die Zeit sei endlich so weit, dass Kinder hier als deutsche, jüdische Kinder aufwachsen und Wurzeln schlagen könnten. Was für ein Irrglaube! Stattdessen müssen wir uns darüber Gedanken machen, wohin wir die Kinder zum Studieren schicken werden. Und wen wundert’s? Im Moment kommt da für uns nur Israel infrage.
Aufgezeichnet von Katrin Diehl