Lesung

Sprache statt Wurzeln

Mona Yahia wurde 1954 in Bagdad geboren, heute lebt und arbeitet sie in Köln. Foto: Thomas Hauzenberger für IKG-Kulturzentrum

Im Jüdischen Museum München läuft derzeit eine bemerkenswerte Ausstellung mit dem Titel »Yallah. Arabisch-Jüdische Berührungen«. Sie zeigt und lebt von Fragmenten der Erinnerungen, Sprachaufnahmen, vergilbten Fotos, Musiknoten und Erzählungen, die Juden aus arabischen Ländern auf ihrer Flucht noch hatten mitnehmen können: aus dem Irak, Libanon, Ägypten, Tunesien, Marokko und Algerien. Viele waren in das Land emigriert, das sie in ihrer jeweiligen Heimat so verhasst machte – den seit 1948 existierenden Staat Israel.

Wenn von der Nakba die Rede ist, dann bezeichnet dies bis zu 700.000 geflüchtete beziehungsweise von ihren religiösen Autoritäten zur Flucht veranlasste arabisch-stämmige Muslime, die von der UNRWA, dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, inzwischen auf rund 5,9 Millionen Menschen hochgerechnet werden. Von rund 800.000 jüdischen Flüchtlingen aus dem arabischen Raum sprechen praktisch nur jüdische Quellen. Und keiner von diesen hat je ein Rückkehrrecht gefordert, sondern dort neu angefangen, wohin es ihn verschlug: Tel Aviv, New York, Köln.

Kunst ist ein gutes Medium, die eigene Identitätssuche auszuloten. Ob in Kairo, wo man als Nachfahre ägyptischer Juden am ehemaligen Wohn- und Arbeitsort unwillkommen ist. Ob in München, wo Dana Flora Levy, Tochter eines misrachisch-aschkenasischen Elternpaars ihre Kunst in nächster Nähe zum Jüdischen Gemeindezentrum ausstellt, das den Namen ihrer Großeltern Karl und Leila Ribstein trägt. Oder als Schriftstellerin, die mit 16 Jahren Bagdad verließ, um ein Jahr später über Teheran in Israel zu landen, dort Psychologie zu studieren und in den 80er-Jahren zu beschließen, zum Kunststudium nach Kassel zu gehen.

Kunst ist ein gutes Medium, die eigene Identitätssuche auszuloten.

Die Rede ist von Mona Yahia, Jahrgang 1954, die heute in Köln lebt, als interkulturelle Trainerin arbeitete und im Iraqi Jewish Archive online ausgerechnet wasserbeschädigte Schulakten von sich aus den Jahren 1966 bis 1970 fand. Diese verarbeitete sie zu der eindrucksvollen Ins­tallation »Who by Water«.

Mona Yahias erste Sprache ist Arabisch, doch im Elternhaus spielte Englisch, das sich ihr Vater während seines Studiums in Oxford perfekt aneignete, die Hauptrolle. In der jüdischen Schule kam Französisch dazu. Hebräisch ist mündliche Fremdsprache geblieben.

Deutsch spricht Yahia so perfekt, dass sie bei der Buchpräsentation, die das Jüdische Museum und die Kulturabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) gemeinsam am Ausstellungsort ausrichteten, nicht nur Auskunft geben, sondern auch selbst Leseproben vortragen konnte. Ihrer als Roman aufbereiteten Autobiografie Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom (2000) steht die Widmung »Für meine Eltern, die mir Sprachen gaben statt Wurzeln« voran.

Ihr neuer Roman Eine nahöstliche Tetra­logie, den sie auf vier Tage konzentriert – Mossul 1918, Tel Aviv 1936, Babel, einen Kontrollstützpunkt am Sinai 1973, Istanbul 1992 und 1940 – und in dem sie das Schicksal einer Familie über mehrere Generationen verfolgt, weist Mona Yahia als begabte Scheherazade unserer Tage aus. Sie erzählt die unbedingt lesenswerte Geschichte einer jüdischen Familie, die, aus der arabischen Welt kommend, universelle jüdische Erfahrungen von Entwurzelung, Anpassung und Aufbruch durchlebt.
Nora Niemann

Mona Yahia: »Vier Tage. Eine nahöstliche Tetralogie. Mossul – Tel Aviv – Babel – Istanbul«. Aus dem Englischen von Kirsten E. Lehmann. Salon LiteraturVerlag, München 2025, 584 S., 24,50 €

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