Kommentar

Meine Angst

André Herzberg Foto: Stephan Pramme

Meine Vergangenheit verschwindet im Weiß meiner Kindheit. Daher kommt auch meine Angst. Ich versuche, ihr seit vielen Jahren näherzukommen. Da sie aber in der weißen Wolke verschwindet, kann ich ihrer ursprünglichen Quelle nur schwer näherkommen, sie deutlich machen. Weil mir mein frühester Mensch fehlt? Mein Zwilling starb vor meiner Geburt. Weil meine Mutter keine Worte für ihre Angst hatte, abgesehen von ihrer Zunge, die ich am Abendbrottisch in ihrem geöffneten Mund sah, wenn sie schnappartig eingeatmet hatte und dann befahl: Schau nach, ob die Wohnungstür abgeschlossen ist.

Allein zu sein, macht mir bis heute Angst. Zu glauben, es wäre zu wenig Geld da, ich wäre von der Welt vergessen, macht mir Angst. Ich gehe seit 30 Jahren zu Therapeuten, um darüber zu reden. Die Tatsache, dass ich dem jüdischen Volk angehöre, das von der Welt verachtet wird, macht mir Angst. Aber am meisten quält mich, nicht genau zu wissen, woher meine Angst kommt. Morgens, wenn ich gerade erwache, ist sie am stärksten.

Im Traum hatte ich noch keine Angst

Im Traum davor habe ich mich wieder mal unmöglich benommen. Im Traum hatte ich noch keine Angst, erst, wenn ich mir meiner Gefühle, die in Entscheidungen münden, im Erwachen bewusst werde. Im Traum bin ich noch der »Kleine«, den mein Therapeut von mir fordert, ganz einfach so. Ich bin dem Schicksal ergeben, auf eine Weise mutig, die mir später verrückt erscheint. Ich schreibe mir alles auf, aber es bringt mich der Quelle nicht näher, so scheint es mir.

Als Junge konnte ich anderen Kindern sehr gut Angst einjagen, wenn ich Geschichten erzählte. Es befriedigte mich, ich mache es gern, auch bei meinen eigenen Kindern. Hinter der Angst ist die Traurigkeit, wenn du loslässt, weil du das Unheil doch nicht ändern kannst. Aber das anzuerkennen, erfordert Mut, oder es ist so überwältigend, dass es außerhalb deines Willens geschieht.

Mehr denn je verbringe ich jeden Tag damit, Nachrichten zu konsumieren. Krieg, Tod, Bedrohung füllen mich aus, als würde es mich faszinieren, mir die Gruselgeschichten meiner Kindheit nun selbst vor Augen zu führen. Es ist wie eine Sucht. Hinter den Nachrichten steht Politik, die auch ewige Möglichkeit zur Ablenkung von meiner Angst zu sein scheint.

Es begann wieder nach dem 7. Oktober 2023, als ich die Geschichte bei uns in der Synagoge hörte.

Im Kern bleibt aber meine Angst, die ich mit dem Bild meiner Mutter verbinde und ihrer Frage nach der zweimal abgeschlossenen Wohnungstür. Es begann wieder nach dem 7. Oktober 2023, als ich die Geschichte bei uns in der Synagoge hörte, wie der ältere Bruder im Kibbuz sich mit dem Jüngeren verbarg, als die Mörder kamen. Es kam von der aufgebauten Leinwand, wo wir alles über FaceTime erfuhren, simultan vom Hebräischen ins Deutsche übersetzt.

Am Ende meiner Angst steht unausweichlich, ich muss das einsehen

Dann die Fotos in den Nachrichten mit dem geschmierten Davidstern an der Haustür, in Berlin. Ich lese all die Kommentare über Israel. Endlich geht’s ihnen an den Kragen. Und da sind die ewigen Gerüchte: Wir halten uns für etwas Besseres, weil wir auserwählt sind. Wir sind unermesslich reich, wir halten die Strippen der Macht in der Hand, wir trinken das Blut von Kindern. Wir sind Monster, keine Menschen. Am Ende meiner Angst steht unausweichlich, ich muss das einsehen, ich soll, wie meine Oma, in die Züge einsteigen, wir müssen aus der Welt.

Eine Handvoll Politiker und einige Polizisten beschützen uns. Und da ist dieses kleine Land, so lang wie die ehemalige DDR, an manchen Stellen nur 15 Kilometer breit. Im Norden kann keiner mehr wohnen, da kommen jeden Tag Raketen geflogen. Im Süden ist Gebirge, Wüste. Deshalb kann man eigentlich nur den Norden richtig besiedeln.

Es gibt eine starke Armee, einen guten Geheimdienst und Waffen, Flugzeuge, Raketen, aber die Nachbarn sind 20-mal mehr Menschen, die, wie auch die allermeisten anderen auf der Erde, uns hassen. Steck deine Kette mit dem kleinen Davidstern auf der Straße weg, sorge ich mich um meine Tochter. So geht es, von Generation zu Generation.

Der Autor ist Musiker, Sänger und Schauspieler und wurde bekannt mit der Band Pankow. Er lebt in Berlin.

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