Bayern war das erste Bundesland, das nach dem 7. Oktober 2023 Antisemitismusbeauftragte an allen 33 staatlichen Hochschulen einführte. Eine mutige und richtige Entscheidung. Doch dann stellte sich die nüchternste aller Fragen: Wer macht diesen Job eigentlich?
An vielen Hochschulen war die Antwort pragmatisch. Die Aufgabe wurde zusätzlich zu bestehenden Funktionen übernommen – von Kolleginnen und Kollegen, die sich bereits mit Diskriminierung, Diversity oder Gleichstellung beschäftigten. Nicht wenige wurden gefragt, manche wohl eher verpflichtet als begeistert.
Bei mir war es anders. Ich habe selbst darum gebeten, diese Aufgabe zu übernehmen. Nicht weil ich mehr Arbeit gesucht hätte, sondern weil ich nach dem 7. Oktober überzeugt war: Jemand muss die jüdische Perspektive direkt einbringen. Als Professor. Als Jude. Als jemand, der erlebt hat, wie sich Antisemitismus auf dem Campus anfühlt. Bei den Schulungen der Beauftragten bin ich deshalb nicht nur Teilnehmer – ich darf sie gemeinsam mit der bayerischen Polizei und der Justiz aktiv mitgestalten.
Seitdem melden sich Studierende aus ganz Deutschland bei mir, die nicht wissen, wohin sie mit dem, was sie erlebt haben, sollen. Kolleginnen und Kollegen, die Rat suchen. Und manchmal auch Antisemitismusbeauftragte anderer Hochschulen.
Einen Anruf werde ich nie vergessen. Ein Kollege aus Bayern war mit einem konkreten Fall konfrontiert und suchte Rat. Wir sprachen über Zuständigkeiten, Handlungsmöglichkeiten und die Unterstützung von Betroffenen. Irgendwann sagte er einen Satz, den ich bis heute im Ohr habe: »Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen.«
Für einen Moment war ich sprachlos. Er meinte es nicht böse. Im Gegenteil, er war offen und ehrlich. Aber dieser eine Satz sagte mehr über die Lage aus als jede Statistik. Da sprach ein Mensch mit mir, dessen Aufgabe es ist, jüdisches Leben an einer deutschen Hochschule zu schützen. Und ich war der erste Jude, mit dem er jemals sprach.
Soweit ich weiß, bin ich der einzige jüdische Antisemitismusbeauftragte an einer bayerischen Hochschule. Vielleicht einer der wenigen bundesweit. Dabei zeigen die Zahlen, wie dringend das Thema ist: 2022 wurden an deutschen Hochschulen 23 antisemitische Vorfälle dokumentiert. 2023 waren es 151. 2024 bereits 450. Der überwiegende Teil stand im Zusammenhang mit Israel.
Hinter diesen Zahlen stehen Menschen. Studierende, die ihren Davidstern unter dem Pullover verstecken. Wissenschaftler, die auf Hebräisch verzichten. Jüdische Hochschulangehörige, die ihre Identität auf dem Campus unsichtbar machen – aus Erfahrung oder um neue negative Erfahrungen zu vermeiden. Manche treffen persönliche Sicherheitsvorkehrungen, bevor sie den Campus betreten. Oder sie gehen gar nicht mehr hin und lehren nur noch online. In Deutschland. Im Jahr 2026.
In diesem Umfeld mache ich meinen Job. Manchmal werde ich dabei vor allem als »Aktivist« wahrgenommen. Als jemand, der zu nah dran ist. Zu emotional. Vielleicht sogar befangen. Ich frage mich dann, ob man dasselbe einer Gleichstellungsbeauftragten sagen würde, weil sie eine Frau ist. Oder einem Inklusionsbeauftragten, weil er selbst eine Behinderung hat. Ausgerechnet bei jüdischen Themen wird persönliche Erfahrung zur Befangenheit erklärt. Dabei ist sie das Gegenteil.
Meine vier Großeltern haben den Holocaust überlebt. Wenn ich heute an einer deutschen Hochschule erkläre, was Antisemitismus bedeutet, wie er funktioniert und was er mit Menschen macht, dann tue ich das nicht nur auf Grundlage wissenschaftlicher Literatur. Ich tue es aus Familiengeschichte. Das ist doch keine Schwäche. Es ist Erfahrung.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht nur mehr Beauftragte. Vielleicht brauchen wir mehr Menschen, die jüdisches Leben tatsächlich kennen. Die nicht zum ersten Mal mit einem Juden sprechen, wenn sie den Hörer abnehmen. Bayern hat etwas Wichtiges begonnen. Die Frage ist längst nicht mehr, ob wir Antisemitismusbeauftragte brauchen. Die Frage ist, ob Menschen mit eigener Erfahrung in diesen Strukturen weiterhin die Ausnahme bleiben sollen.
Der Job ist nicht einfacher geworden. Aber wenn ich an diesen Anruf denke, weiß ich, warum es ihn braucht.
Guy Katz ist Antisemitismusbeauftragter an der Hochschule München..