Herr Orbach, nach dem Drohnenfund in Leipzig will die deutsche Politik die Abwehr stärken. Bundesaußenminister Alexander Dobrindt hofft auch auf Hilfe aus Israel. Wie groß ist der Vorsprung?
Israel ist sehr geübt darin, Drohnen aus fernen Ländern oder von jenseits der Grenze abzufangen. Sein Verteidigungssystem ist nach außen gerichtet. Doch wie wir am Oktober 2023 gesehen haben, funktionieren Israels Systeme nicht so gut, wenn das Land überrascht wird und es auf eigenem Territorium zu Kämpfen kommt. Das Problem ist, dass Israel jetzt große Angst vor Drohnen im Inland hat. Sie kommen nicht von jenseits der Grenze, sondern vielleicht aus einem Gebäude nebenan. Wirklich beängstigend ist auch, dass kriminelle Netzwerke Drohnen für Attentate und andere kriminelle Operationen einsetzen können. Doch alles, was kriminell ist, unterliegt deutlich weniger rechtlichen Möglichkeiten als Bedrohungen der Sicherheit. Die israelische Polizei ist, wie überall auf der Welt, an Grund- und Menschenrechte gebunden. Es besteht also eine Spannung zwischen den Ereignissen im Innern und denen außerhalb des Landes.
Werden Drohnen zu einer zentralen Waffe in der modernen Kriegsführung?
Ich würde Drohnen als Waffe gegen das Militär nicht überbewerten. Beide Seiten ziehen noch immer, wenn möglich, Artillerie den Drohnen vor. Außerdem wissen Militärs, wie etwa in Israel, im Kampf gegen äußere Feinde viel besser mit Drohnen umzugehen. Natürlich gibt es Verluste, aber die gibt es im Krieg immer. Die größte Bedrohung durch Drohnen liegt in der Terrorisierung der Bevölkerung. Denn wenn ein Drohnenschwarm über der Stadt kreist, kann man nicht erwarten, dass beispielsweise eine Person, die gerade vom Einkaufen kommt, achtsam in den Himmel schaut. Wie man mit einem Drohnenschwarm gegen Zivilisten umgeht, ist eine sehr schwierige Frage. Auch bei sogenannten Nadelstichen, Angriffen auf sensible Ziele oder gezielte Tötungen, spielen Drohnen eine wichtige Rolle. Ich denke, hier liegt der »Vorteil« der Drohnen. Nicht gegen Armeen, die besser geschützt und ausgebildet sind, sondern gegen »weichere Ziele«, insbesondere für den Terror.
Zivile Drohnen sind billig und weit verbreitet. Wie besorgt sollten Regierungen sein?
Drohnen demokratisieren die Gewalt. Mittel, die einst großen Staaten vorbehalten waren, sind jetzt für wenig Geld zu bekommen. Praktisch jeder kann sie kaufen, Privatpersonen und auch Terrororganisationen wie die Hamas. Während man im Zweiten Weltkrieg eine Supermacht sein musste, um über modernste Militärausrüstung zu verfügen, gibt es das jetzt für kleines Geld. Aber es geht nicht nur darum, dass Abfangsysteme teuer und Drohnen billig sind – dies ist das altbekannte Problem, das das Kräfteverhältnis zugunsten der Offensive verschiebt –, es geht auch um Produktionsgeschwindigkeit. Westliche Länder sind in allem extrem langsam: Beschaffung, Verteidigungsbürokratie und Produktion. Die Amerikaner etwa sind nicht in der Lage, genug von irgendetwas herzustellen. Was Roosevelt im Zweiten Weltkrieg geschafft hat, können Biden, Trump oder andere heute nicht mehr. Schlicht, weil die Systeme viel zu langsam geworden sind. Terroristische und kriminelle Organisationen indes sind sehr schnell. Sie kennen weder Arbeitnehmerrechte noch bürokratische Vorschriften.
Was ist schwieriger zu handhaben: billige kommerzielle Drohnen oder hochentwickelte militärische Unbemannte Luftfahrzeuge (UAV)?
Das Problem mit Drohnen ist genau dies: Sie stehen in so vielen verschiedenen Varianten für unterschiedliche Akteure zur Verfügung. Dazu kommt – das wissen wir aus europäischen, südamerikanischen und auch eigenen Erfahrungen –, dass aus kriminellen Netzwerken leicht terroristische werden können.
Israelische Soldaten wurden im Südlibanon mehrfach auch von Drohnen angegriffen. Hat dies die Vorgehensweise der Armee verändert?
Es gab Verluste durch Drohnen. Doch das Militär ist gut geschützt und ausgebildet. Israel weiß im Kampf gegen einen externen Feind viel besser mit Drohnen umzugehen. Das Problem der Drohnen liegt im Einsatz gegen die Bevölkerung. Für Akteure wie die westlichen Armeen, die Deutschen, die Ukrainer und auch uns selbst ist das Völkerrecht wichtig. Wir greifen deshalb keine Zivilisten an. Hamas, Hisbollah und andere Terrororganisationen halten sich aber nicht daran.
Traditionelle Luftverteidigungssysteme wurden hauptsächlich für Raketen entwickelt. Wie schwierig ist es, kleine Drohnen zu erkennen und abzufangen?
Wir haben im Libanon große Probleme mit Drohnen mit der sogenannten First-Person-View-Funktion, da diese über Glasfaserkabel funktionieren und nicht gestört werden können. Und man stelle sich Drohnen mit KI vor, die nicht auf GPS-Verbindung angewiesen sind, da sie bereits wissen, was zu tun ist. Über all dies müssen wir nachdenken. Gleichzeitig sollten wir nicht vergessen, dass Israel viel gelernt hat. Allerdings noch nicht genug – denn die Technologie der Drohnen entwickelt sich schnell und ständig weiter.
Israel investiert in Laserabwehr. Wird es das Verhältnis zwischen Angriff und Verteidigung grundlegend verändern?
Natürlich ist der Laser eine Verteidigungsmaßnahme, und er sollte das Verhältnis zugunsten der Verteidigung verschieben. Die Technologie wurde der Armee von der Industrie zur Verfügung gestellt, aber aus mir unbekannten Gründen noch nicht in Betrieb genommen. Generell kann man sagen, dass es nicht so einfach ist, etwas, das wissenschaftlich funktioniert, in die Praxis umzusetzen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Laser das Kräfteverhältnis wirklich verändern wird. Denn es geht nicht nur um den Preis, sondern ebenso auch darum, etwas schnell herstellen zu können. Man kann eine billige Drohne und ein sehr teures Abfangsystem haben, aber man muss die Verteidigungssysteme auch zeitnah genug produzieren können. Die Ukraine hat in gewisser Weise Fortschritte bei der Lösung des Produktionsproblems gemacht, weil sie, anders als die Amerikaner, sehr dezentral produziert. Es gab diese Geschichte über einen deutschen Industriellen, der über die Ukrainer sagte: »Ach, die bauen Drohnen am Küchentisch. Nicht so professionell wie wir.« Genau diese Denkweise sollte der Westen ablegen.
Welche Rolle wird die Künstliche Intelligenz spielen?
KI wird natürlich jeder nutzen – sowohl zur Verteidigung als auch zum Angriff. KI wird dazu führen, dass es schwieriger sein wird, Drohnen zu stören.
Israelis und Ukrainer haben inzwischen viel Erfahrung mit Drohnen, anders als die Europäer. Gibt es im Westen womöglich ein Unverständnis gegenüber dieser Technik?
Westliche Armeen, darunter auch Israel, haben sich zu sehr an technologische Allheilmittel gewöhnt. Natürlich sollte man versuchen, solche zu entwickeln, aber es gibt nicht immer die perfekte Lösung, manchmal auch gar keine. So klagt man beispielsweise darüber, dass Abfangraketen fehlen. Das stimmt zwar, doch wir sollten uns daran erinnern, dass die Menschheit im Laufe der Geschichte Kriege geführt hat, in denen niemand auch nur von Abfangraketen träumte. Israelische Soldaten sagen oft: »Wir müssen ständig in den Himmel schauen.« Das ist richtig, aber das macht eben heute soldatische Tugenden aus. Wir sollten uns mehr darauf besinnen.
Was können Deutschland und andere europäische Länder realistischerweise von Israel und der Ukraine lernen?
Sie sollten von Israel und den Ukrainern lernen und die Erkenntnisse bündeln. Ich würde eine ernst zu nehmende Expertenrunde mit ukrainischer und israelischer Vertretung organisieren, um die Lage zu analysieren. Man sollte die Schwachstellen und die Erfolge beider Seiten genau betrachten. Ich denke, solche Erkenntnisse wären auch wertvoll für Israel und die Ukraine selbst – nicht nur für Deutschland.
Mit dem Militärhistoriker und Professor für Asienwissenschaften an der
Hebräischen Universität Jerusalem sprach Sabine Brandes.