Frau Fil, Sie sind Geschäftsführerin des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt und Leiterin des Projekts »Jüdische Kultur Sachsen-Anhalt«. Sie mussten 2014 ihre Heimatstadt Donezk verlassen, kamen vor acht Jahren aus Kyjiw nach Deutschland – und zwar nach Magdeburg. Welche Atmosphäre erlebten Sie damals in der Stadt?
Eine offene, geprägt von Toleranz und Demokratie. Die Beziehungen zwischen der jüdischen Community und der Stadtgesellschaft waren für mich ein Traum. Ich war und bin sehr stolz, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Es war ein großes Glück für mich. Außerdem konnte ich meinen Davidstern mit Stolz auf der Straße oder in der Straßenbahn tragen.
Sie waren in der Ukraine Politikerin und Journalistin. Wie haben Sie es geschafft, sich in Deutschland zu integrieren?
Zunächst habe ich Integrationskurse besucht, um Deutsch zu lernen, und mich ehrenamtlich engagiert. Später absolvierte ich einen Bundesfreiwilligendienst. Ich habe stets offen gesagt, dass ich Jüdin bin – auch gegenüber muslimischen Schülern, denen ich begegnet bin. Das konnte ich ohne Angst tun.
Wann änderte sich dieses Gefühl der Sorglosigkeit?
Nach dem 7. Oktober 2023. Wie nach einem Tsunami hat sich auch unser Leben hier verändert. Die Situation ist für uns bedrohlicher geworden.
Inwiefern?
Ich trage meinen Magen David heute nicht mehr selbstverständlich auf der Straße. Ich verstecke ihn. Dabei bin ich eigentlich kein ängstlicher Mensch. Es gibt aber auch nichtjüdische Freunde, die bewusst einen Davidstern tragen oder mit Kippa durch die Straßen gehen, um sich mit uns zu solidarisieren.
In Sachsen-Anhalt gibt es zwei jüdische Gemeinden in Magdeburg sowie jeweils eine in Halle und in Dessau-Roßlau. Insgesamt haben sie etwa 1200 Mitglieder. Im Vergleich zu Berlin oder Frankfurt sind die Gemeinden klein. Wie erleben Ihre Mitglieder die aktuelle Situation?
Einige sind äußerlich als religiöse Juden erkennbar. Sie werden häufiger beleidigt, oft von Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte, das muss ich leider sagen. Die meisten unserer Mitglieder besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Allerdings verfügen wir kaum über eine jüdische Infrastruktur: weder über eine jüdische Kita noch über eine jüdische Schule oder einen koscheren Laden. Umso wichtiger ist es, dass wir sichtbar bleiben.
Die gesellschaftliche Stimmung hat sich verändert. Beobachten Sie diese Entwicklung auch in der Landespolitik?
Ja, natürlich. Am 6. September wird ein neuer Landtag gewählt, und ganz Deutschland schaut gespannt auf Sachsen‑Anhalt. Natürlich machen wir uns Sorgen. Deshalb haben wir Wahlprüfsteine erstellt, um von den Parteien klare Antworten zu unseren wichtigsten Themen zu bekommen – vor allem zum Schutz jüdischen Lebens und zur Bekämpfung von Antisemitismus. In den nächsten Tagen veröffentlichen wir die Antworten.
Was beunruhigt Sie am meisten?
Es könnte passieren, dass die AfD die meisten Stimmen erhält. Allein das ist schon ein Grund für schlaflose Nächte. In Bernburg, wo heute nur noch ein jüdischer Friedhof und Gedenkorte an das frühere jüdische Leben erinnern, fanden kürzlich die Sachsen-Anhalt-Tage statt. Wir haben dort mit dem Projekt »Weltoffenes Sachsen-Anhalt« teilgenommen. Verschiedene Organisationen präsentierten sich und warben für interkulturelle Begegnungen. Aufgrund der bevorstehenden Wahl waren auch alle Parteien vertreten. Mir fiel auf, dass sich die meisten Menschen am Stand der AfD versammelten, um Autogrammkarten oder T-Shirts zu bekommen. Darunter waren leider sehr viele junge Leute. Das ist traurig. Die extremistischen Narrative, die wir heute hören und erleben, sind gefährlich. Erschreckend ist auch, dass Menschen selbst fast 100 Jahre nach dem Holocaust offenbar nichts daraus gelernt haben. Alle rechten Kräfte sind sehr aktiv, und die AfD liegt aktuell bei mehr als 40 Prozent.
Wie blickt die jüdische Community auf die bevorstehende Landtagswahl?
Ein Wahlsieg bedeutet noch keinen politischen Erfolg. Ohne Strukturen, ohne Expertise und ohne Verwaltungskompetenz bleiben viele dieser Narrative politische Parolen oder Propaganda. Und was wollen wir tun – oder vielmehr nicht tun? Wir werden auf keinen Fall schweigen. Wir werden uns nicht in die Opferrolle begeben. Wir werden uns weder anpassen noch verstecken. Das haben wir für uns entschieden. Wir bleiben hier. Deutschland ist unser Zuhause.
Sie haben verschiedene Formen des Antisemitismus angesprochen. Welche beobachten Sie derzeit besonders?
Extremismus ist sehr gefährlich. Wir erleben rechtsextremen, linksextremen, islamistischen und israelbezogenen Antisemitismus. Alle diese Erscheinungsformen stellen eine Gefahr für unsere Gesellschaft dar.
Wirkt sich Antisemitismus je nach politischer oder gesellschaftlicher Gruppierung unterschiedlich aus?
Ich kann nicht sagen, ob Antisemitismus von Linksextremen oder von Rechtsextremen gefährlicher ist. Extremismus ist wie ein Virus, das die Gesellschaft befallen hat.
Verfügen Sie über eine Gegenstrategie?
Für uns ist es wichtig, dass Begegnungen weiterhin möglich bleiben. In der Gesellschaft gibt es viele Vorurteile und offene Fragen. Deshalb müssen wir mit den Menschen ins Gespräch kommen. Wir wollen keineswegs Sonderrechte oder eine Sonderstellung. Wir wünschen uns Frieden und Respekt. Viele Menschen stehen an der Seite der jüdischen Gemeinden – sie bilden die Mehrheit. Doch eine Minderheit ist besonders aktiv und aggressiv. Wir werden mehr Präsenz zeigen, unsere Kultur und unsere Werte sichtbarer machen. Synagogen sind nicht nur Gebetsorte, sondern auch Orte der Begegnung und des Lernens.
Vor zweieinhalb Jahren wurde die Synagoge in Magdeburg eröffnet.
Seitdem haben sie etwa 5000 Menschen besucht. Dazu gehören Erwachsene ebenso wie viele Schulklassen. Außerdem finden dort regelmäßig Konzerte und andere Kulturveranstaltungen statt. Auch das gehört zum jüdischen Leben. Trotz aller Schutzmaßnahmen bleiben wir offen.
Die jüngsten Zahlen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) zeigen, dass die Zahl antisemitischer Vorfälle in Sachsen-Anhalt weiter steigt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Natürlich kennen wir diese Ergebnisse. Sie zeigen, dass Antisemitismus zunimmt und sich die Situation verschlechtert hat. In Sachsen-Anhalt sind sowohl der traditionelle rechtsextreme als auch der israelbezogene Antisemitismus stark ausgeprägt. Neben unserem Engagement sind Worte unser wichtigstes Werkzeug, um auf uns aufmerksam zu machen.
Haben Sie Angst?
Ich mag das Wort »Angst« nicht. Wir Juden haben keine Angst. Unser Volk hat in der Vergangenheit genug erlebt. In unserer Synagoge werden in den kommenden Wochen und Monaten zahlreiche Konzerte und öffentliche Veranstaltungen stattfinden. Wir sind derzeit sehr aktiv. Eine offene Tür ist unsere Antwort.
Mit der Geschäftsführerin des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt und Leiterin des Projekts »Jüdische Kultur Sachsen-Anhalt« sprach Christine Schmitt.