Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

In Hologramm-Videos sind Moderator Klaas Heufer-Umlauf und die Holocaust-Überlebende Ruth Winkelmann bei der Vorstellung des Schulprojekts gegen Antisemitismus und für Zivilcourage des Vereins »Nie wieder ist jetzt« in der Evangelischen Schule Frohnau zu sehen. Foto: picture alliance/dpa

Der Leipziger Historiker Jan Gerber befürchtet ein doppeltes Verschwinden der Erinnerung an die Schoa. Bei jungen Menschen schwinde das Wissen um die Verbrechen des Holocaust zunehmend, sagte Gerber im Interview der Zeitschrift »Herder Korrespondenz«. Und dort, wo noch Wissen über die NS-Verbrechen vorhanden sei, verschwinde die Erkenntnis über die historische Besonderheit des Holocaust.

»Diese Entwicklung ordnet sich in einen größeren Prozess des Verlusts historischer wie politischer Urteilskraft und Unterscheidungsfähigkeit ein. Das hat katastrophale Folgen«, sagte Gerber, der am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte forscht. Wer keine historischen Unterscheidungen vornehmen kann, könne auch keine aktuellen oder künftigen politischen und wissenschaftlichen Entwicklungen einordnen – und dann auch nicht angemessen darauf reagieren. »Es droht die Gefahr, dass alles in der ‚Sauce des Allgemeinen‘ untergeht, wie es Hannah Arendt in den 1960er Jahren formulierte.«

»Zeitzeugengespräche haben Fallstricke«

Dass aktuell die letzten Überlebenden der NS-Vernichtungspolitik sterben, sieht Gerber nicht als entscheidenden Faktor für eine verblassende Erinnerung an den Holocaust. »Die Auftritte der Überlebenden, so eindrucksvoll sie oft auch waren, hatten gleich mehrere Fallstricke«, argumentierte Gerber. So seien Gespräche mit Zeitzeugen oft sehr »emotional aufgeladen«, was einer Erkenntnis historischer Zusammenhänge nicht immer zuträglich sei.

Zudem sei es schwierig, im Gespräch mit einem Überlebenden wirklich zu verstehen, dass der Holocaust auf die ausnahmslose Vernichtung, auf das komplette Auslöschen von Individualität abgezielt habe.

Nie vom Holocaust gehört

Laut Gerber hat aktuell etwa jeder achte junge Erwachsene noch nie etwas vom Holocaust gehört. In anderen europäischen Ländern seien es noch mehr. Auch an den deutschen Unis gebe es längst nicht mehr überall grundlegende und kontinuierliche Angebote zur NS-Geschichte. »Die Tendenz dürfte steigen.«

Der Geschichtswissenschaftler forderte, mehr in die umfassende Bildung historischer Kritikfähigkeit von Jugendlichen zu investieren. Junge Menschen müssten geschichtliche Zusammenhänge verstehen und vergleichen und ihre Meinung auf Basis der geschichtlichen Fakten begründen können. Ausdrücklich würdigte Gerber die Arbeit von NS-Erinnerungsstätten, die allerdings zu oft schlecht finanziert seien.

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