Viele Fans des Eurovision Song Contest (ESC) müssen jetzt wohl erstmal umbuchen. Lange galt Bulgariens Hauptstadt Sofia als Favorit für die Austragung der kommenden Ausgabe des Songfestivals. Nun aber hieß es am Donnerstag: Willkommen in Burgas! Nur wenige Momente nach der Verkündung waren viele Unterkünfte bereits ausgebucht. Doch ob auch Fans aus Ländern wie Irland und Spanien um Schlafplätze kämpfen müssen, ist noch ungewiss. Denn einige Staaten denken wie schon in diesem Jahr an einen Boykott, sollte Israel erneut teilnehmen.
Daran dürfte auch die neue Regelung zu künftigen Austragungsorten nichts ändern, die die Europäische Rundfunkunion (EBU) kurz vor der Verkündung der Gastgeberstadt beschlossen hat. Künftig darf der ESC nur in Ländern mit einer stabilen Sicherheitslage stattfinden. Laut EBU, die den Musikwettbewerb organisiert, könne das Sieger-Land kein Gastgeber mehr sein, »falls ein bewaffneter Konflikt, eine heikle geopolitische Lage oder eine sonstige Situation die Sicherheit oder Stabilität des betreffenden Staates oder der unmittelbaren Region erheblich beeinträchtigt«.
Diese Regelung würde wegen des Krieges im Nahen Osten auch Israel betreffen. Doch wirklich besänftigen dürfte das die Länder, die die Teilnahme Israels aufgrund einer umstrittenen Kriegsführung im Gazastreifen kritisieren, nicht - zumal ein Wechsel des Gastgebers aufgrund von Sicherheitsbedenken nichts Neues ist. Schon 2023 trug nicht das Sieger-Land Ukraine den ESC aus, sondern die Show fand durch den dortigen Krieg in Großbritannien statt.
Vorgriff auf möglichen Sieg Israels?
So wirkt die neue Regel lediglich wie eine bloße Verschriftlichung einer bereits existierenden Praxis. Es scheint eine diplomatische Reaktion auf die Länder Spanien, Island, Irland, Slowenien und die Niederlande zu sein, die den ESC in Wien in diesem Jahr boykottiert haben. Und vielleicht ist es auch ein Vorgriff auf einen möglichen Sieg Israels bei einer der kommenden Ausgaben.
Schließlich war Israel seit 2023 bei dem Musikwettbewerb immer unter den besten fünf Nationen, erreichte in diesem Jahr den zweiten Platz hinter Sieger Bulgarien. Das lag einerseits an der musikalischen Qualität der Songs, zugleich spielte aber auch das Abstimmungsverfahren eine Rolle. Neben Juryvotings beinhaltet es Anrufe des Publikums. Während Befürworter des israelischen Songs bis zu zehn Mal pro Gerät für Israel anrufen konnten, konnten Protestler nicht explizit gegen ein Land stimmen. Sie hätten sich im großen Stil absprechen müssen, alle Stimmen auf ein anderes Land zu setzen.
Währenddessen blicken israelische Medien kritisch auf die neue Regel. So schreibt die »Times of Israel«, dass die Vorschrift im Land als gegen Israel gerichtet wahrgenommen werde. Zudem soll das erste Halbfinale in Burgas am 11. Mai stattfinden - also am israelischen Gedenktag für gefallene Soldaten und Opfer des Terrorismus. Am Tag darauf feiert Israel dann noch seinen Unabhängigkeitstag.
Keine böswillige Absicht unterstellt
Die »Times of Israel« rechnet daher damit, dass Israel einen fixen Auftritt im zweiten Halbfinale am 13. Mai beantragt, anstatt an der üblichen Auslosung der Halbfinals teilzunehmen. Böswillige Absicht unterstellt sie der EBU nicht, da aufgrund der traditionellen ESC-Austragung im Mai eine solche Überschneidung hin und wieder möglich sei und die EBU in der Vergangenheit bereits ähnliche Anträge von Israel genehmigt hat.
Der Weg für Israel nach Burgas - das auch als beliebtes Urlaubsziel für Israelis gilt, obwohl dort im Jahr 2012 fünf israelische Touristen bei einem Terroranschlag ermordet wurden - scheint damit geebnet. Stand jetzt nimmt Israel sicher teil. Doch wie ist der Stand bei jenen Ländern, die mit einem Fernbleiben vom Songfestival drohen? Alle fünf Nationen haben sich dazu noch nicht final geäußert. Der Generaldirektor des zuständigen Rundfunksenders RTE in Irland erklärte allerdings bereits, dass es keinen Grund gebe, zum ESC zurückzukehren.
Auch Spanien und Island gelten weiter als kritisch gegenüber einer Teilnahme Israels. In einigen Ländern scheint sich die Stimmung hingegen etwas zu drehen. Slowenien könnte durch den dieses Jahr gewählten, rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Janez Jansa zurückkehren, der als Israel-Unterstützer gilt. Auch die Niederlande könnten wieder teilnehmen, da mit Omroep Max ein anderer TV-Sender die Organisation übernehmen könnte. Fix ist allerdings noch nichts.
Neben der Regelung zur Sicherheitslage des Gastgeberlandes hat die EBU zusätzlich das Mindestalter der Künstler und Künstlerinnen von 16 auf 18 Jahre angehoben. Festgeschrieben ist ebenfalls, dass die Auftritte der Frontsänger live sein müssen. Angesichts der wiederkehrenden Debatte um Israel sind diese Änderungen allerdings eine Randnotiz. (mit ja)