ESC

Stiller Boykott?

Noam Bettan aus Israel bekam beim ESC 2026 den zweiten Preis. Foto: picture alliance / APA-Images

Viele Fans des Eurovision Song Contest (ESC) müssen jetzt wohl erstmal umbuchen. Lange galt Bulgariens Hauptstadt Sofia als Favorit für die Austragung der kommenden Ausgabe des Songfestivals. Nun aber hieß es am Donnerstag: Willkommen in Burgas! Nur wenige Momente nach der Verkündung waren viele Unterkünfte bereits ausgebucht. Doch ob auch Fans aus Ländern wie Irland und Spanien um Schlafplätze kämpfen müssen, ist noch ungewiss. Denn einige Staaten denken wie schon in diesem Jahr an einen Boykott, sollte Israel erneut teilnehmen.

Daran dürfte auch die neue Regelung zu künftigen Austragungsorten nichts ändern, die die Europäische Rundfunkunion (EBU) kurz vor der Verkündung der Gastgeberstadt beschlossen hat. Künftig darf der ESC nur in Ländern mit einer stabilen Sicherheitslage stattfinden. Laut EBU, die den Musikwettbewerb organisiert, könne das Sieger-Land kein Gastgeber mehr sein, »falls ein bewaffneter Konflikt, eine heikle geopolitische Lage oder eine sonstige Situation die Sicherheit oder Stabilität des betreffenden Staates oder der unmittelbaren Region erheblich beeinträchtigt«.

Diese Regelung würde wegen des Krieges im Nahen Osten auch Israel betreffen. Doch wirklich besänftigen dürfte das die Länder, die die Teilnahme Israels aufgrund einer umstrittenen Kriegsführung im Gazastreifen kritisieren, nicht - zumal ein Wechsel des Gastgebers aufgrund von Sicherheitsbedenken nichts Neues ist. Schon 2023 trug nicht das Sieger-Land Ukraine den ESC aus, sondern die Show fand durch den dortigen Krieg in Großbritannien statt.

Vorgriff auf möglichen Sieg Israels?

So wirkt die neue Regel lediglich wie eine bloße Verschriftlichung einer bereits existierenden Praxis. Es scheint eine diplomatische Reaktion auf die Länder Spanien, Island, Irland, Slowenien und die Niederlande zu sein, die den ESC in Wien in diesem Jahr boykottiert haben. Und vielleicht ist es auch ein Vorgriff auf einen möglichen Sieg Israels bei einer der kommenden Ausgaben.

Lesen Sie auch

Schließlich war Israel seit 2023 bei dem Musikwettbewerb immer unter den besten fünf Nationen, erreichte in diesem Jahr den zweiten Platz hinter Sieger Bulgarien. Das lag einerseits an der musikalischen Qualität der Songs, zugleich spielte aber auch das Abstimmungsverfahren eine Rolle. Neben Juryvotings beinhaltet es Anrufe des Publikums. Während Befürworter des israelischen Songs bis zu zehn Mal pro Gerät für Israel anrufen konnten, konnten Protestler nicht explizit gegen ein Land stimmen. Sie hätten sich im großen Stil absprechen müssen, alle Stimmen auf ein anderes Land zu setzen.

Währenddessen blicken israelische Medien kritisch auf die neue Regel. So schreibt die »Times of Israel«, dass die Vorschrift im Land als gegen Israel gerichtet wahrgenommen werde. Zudem soll das erste Halbfinale in Burgas am 11. Mai stattfinden - also am israelischen Gedenktag für gefallene Soldaten und Opfer des Terrorismus. Am Tag darauf feiert Israel dann noch seinen Unabhängigkeitstag.

Keine böswillige Absicht unterstellt

Die »Times of Israel« rechnet daher damit, dass Israel einen fixen Auftritt im zweiten Halbfinale am 13. Mai beantragt, anstatt an der üblichen Auslosung der Halbfinals teilzunehmen. Böswillige Absicht unterstellt sie der EBU nicht, da aufgrund der traditionellen ESC-Austragung im Mai eine solche Überschneidung hin und wieder möglich sei und die EBU in der Vergangenheit bereits ähnliche Anträge von Israel genehmigt hat.

Der Weg für Israel nach Burgas - das auch als beliebtes Urlaubsziel für Israelis gilt, obwohl dort im Jahr 2012 fünf israelische Touristen bei einem Terroranschlag ermordet wurden - scheint damit geebnet. Stand jetzt nimmt Israel sicher teil. Doch wie ist der Stand bei jenen Ländern, die mit einem Fernbleiben vom Songfestival drohen? Alle fünf Nationen haben sich dazu noch nicht final geäußert. Der Generaldirektor des zuständigen Rundfunksenders RTE in Irland erklärte allerdings bereits, dass es keinen Grund gebe, zum ESC zurückzukehren.

Auch Spanien und Island gelten weiter als kritisch gegenüber einer Teilnahme Israels. In einigen Ländern scheint sich die Stimmung hingegen etwas zu drehen. Slowenien könnte durch den dieses Jahr gewählten, rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Janez Jansa zurückkehren, der als Israel-Unterstützer gilt. Auch die Niederlande könnten wieder teilnehmen, da mit Omroep Max ein anderer TV-Sender die Organisation übernehmen könnte. Fix ist allerdings noch nichts.

Neben der Regelung zur Sicherheitslage des Gastgeberlandes hat die EBU zusätzlich das Mindestalter der Künstler und Künstlerinnen von 16 auf 18 Jahre angehoben. Festgeschrieben ist ebenfalls, dass die Auftritte der Frontsänger live sein müssen. Angesichts der wiederkehrenden Debatte um Israel sind diese Änderungen allerdings eine Randnotiz. (mit ja)

Kino

»David« - Familienfreundliches Musical nach Motiven aus der Bibel

Ein kleiner Junge besiegt einen furchteinflößenden Riesen mit der Steinschleuder. Die Geschichte von David und Goliath kennen auch viele, die sonst nicht so bibelfest sind. Und sie bietet viel Stoff für eine Verfilmung

von Martin Ostermann  15.09.2026

Israel

Wie Quentin Tarantino Israelis den Kinobesuch vermiest

Berichte über Quentin Tarantinos Kinobesuche gehen in Israel viral. Eine Frau hätte ihn beinahe angebrüllt

von Sophie Albers Ben Chamo  15.09.2026

Dearborn

Henry Fords antisemitische Vergangenheit in Ausstellung behandelt

Im nächsten Jahr öffnet Fair Lane, das frühere Anwesen von Henry Ford, wieder für Besucher. Die Einrichtung stellt sich nun einer Vergangenheit, die in der Region lange nur unzureichend thematisiert wurde

 15.09.2026

Tel Aviv

IDF-Chef prüft rechtliche Schritte gegen Film »Naza«

Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnet bisher bekannt gewordene Teile der Doku als »Ritualmordlegenden, bewusste Verzerrungen der Realität und falsche Anschuldigungen gegen IDF-Soldaten«

 15.09.2026

TV-Tipp

Sehenswertes Doku-Historiendrama über 900 jüdische Flüchtlinge

HR zeigt »Die Ungewollten - Die Irrfahrt der St. Louis«

von Jan Lehr  15.09.2026

Berlin

Briefe nach dem Holocaust: Yad Vashem präsentiert Sammelband

Jüdische Überlebende der NS-Verfolgung erlebten die unmittelbare Nachkriegszeit voller Widersprüche zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ihre Eindrücke erscheinen nun erstmals auf Deutsch

 15.09.2026

Los Angeles

Noah Wyle gewinnt erneut Emmy – »The Pitt« und die jüdische Seite des Dr. Robby

Für den Darsteller und Produzenten ist die Auszeichnung eine besondere Rückkehr an die Spitze der amerikanischen Fernsehwelt

 15.09.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 15.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  15.09.2026