Comics

Asterix’ Vater

Goscinny mit seinen bekanntesten Figuren; am 14. August wäre er 100 Jahre alt geworden. Foto: ullstein bild - Roger-Viollet

Comics

Asterix’ Vater

Vor 100 Jahren wurde René Goscinny geboren. Der Erfinder des gallischen Dorfes hat mit seinem jüdischen Humor ein Genre neu erfunden

von Alexander Kluy  13.08.2026 09:54 Uhr

Wer am 6. November 1977, einem Sonntagabend, das staatliche französische Fernsehen einschaltete, um die Hauptnachrichtensendung anzusehen, dachte, der Himmel sei eingestürzt. Denn die erste Meldung war ein Nachruf – auf einen Comicbuch-Autor; etwas, das sich seitdem nie mehr wiederholt hat. Viele waren tieftraurig. Denn sie hatten einen lustigen Freund verloren. Dieser Mann war in sehr vielen Haushalten weltweit vertreten. Wen verzauberten Asterix und Obelix nicht, wer hätte Lucky Luke ignorieren, wer seinen Kindern die Abenteuer von Petit Nicolas, dem Kleinen Nick, vorenthalten können? Sein Name: René Goscinny, Meister der »Bande dessinée« (BD), des Comicstrips.

26 Jahre später, im Jahr 2003, gab Goscinnys Schwiegersohn, der Journalist Aymar du Chatenet, einen gewaltigen Band heraus. 1248 Seiten stark war er und schwerer als ein Ziegelstein. Der Titel lautete Le dictionnaire Goscinny. Der Inhalt war eine linguistische Wundertüte. Dieses »Wörterbuch« katalogisierte sämtliche Figuren, die Goscinny jemals erfunden hat – allein bei Lucky Luke waren es 656 (!) –, und listete die ihnen in den Mund gelegten Worte und Neuerfindungen auf, von denen nicht wenige sprichwörtlich geworden sind. Jede und jeder kennt »Ils sont fous, ces Romains!« – »Die spinnen, die Römer!«.

Den Schalk im Nacken

»Ich wurde am 14. August 1926 in Paris geboren und entschloss mich anschließend zu wachsen.« Wer so von sich erzählt, dem sitzt der Schalk im Nacken. Und das war bei Goscinny der Fall, auch wenn die Familiengeschichte eine fragmentierte war. Seine Familie väterlicherseits stammte aus einem von Christen umzingelten Dorf im Siedlungsrayon im zaristischen Russland.

»Mit Asterix und Lucky Luke habe ich gemeinsam, dass ich Angst vor Gewalt habe.«

René Goscinny

Sein Großvater mütterlicherseits, Drucker und Autor des nach ihm benannten »Beresniak«, eines grundlegenden jiddisch-hebräischen Wörterbuchs, erstmals 1943 in Paris in wenigen Exemplaren gedruckt, nach 1945 neu aufgelegt, war mit der Familie von Warschau nach Paris gezogen. Goscinnys Vater, ein Chemiker, war ruhelos. Nachdem er zuerst in Mexiko gelebt und den Ersten Weltkrieg in Tunesien überstanden hatte, zog er mit der Familie 1927 nach Buenos Aires. Dort war er Agent der Ansiedlungskooperative von Baron de Hirsch. Weihnachten 1943 starb er an einer Hirnblutung, im katholischen Argentinien kamen die Ärzte zu spät.

1947 zogen Sohn und Mutter nach New York. Goscinny wollte Comic-Zeichner werden. Es wurden vier unglückliche Jahre. Das einzig Gute: Er lernte neue Freunde kennen, darunter Harvey Kurtzman, der später das »Mad«-Magazin gründete. Dann Brüssel, damals der Nabel der Comicbuch-Welt. Anstellung in einer Agentur. Rasch erwies sich Goscinny als großes Scénariste-Talent, als jemand, der mit leichter Hand »Drehbücher« für Comics entwarf. Dabei handelte es sich um »story boards«, präzise Beschreibungen der Bildszenen plus deren dramaturgische Abfolge sowie Dialogtexte.

Stilistisch ganz verschiedene, sehr unterschiedlich temperierte Zeichner

Der witzige Goscinny konnte mit stilistisch ganz verschiedenen, sehr unterschiedlich temperierten Zeichnern zusammenarbeiten. Das sprach sich herum. Nach einem Krach mit seinem Chef kündigte er, zog nach Paris – und das halbe Brüsseler Team kam mit. Wenige Jahre später gründete er mit »Pilote« ein eigenes Magazin und war so rührig wie hochproduktiv. Sein hinreißend parodistischer Humor mit Western-»Helden« der anderen Art wie etwa Lucky Luke, der schneller als sein Schatten schießt, kam prächtig an. Pausenlos erschuf er neue Charaktere. Viele hatten Erfolg: Umpah-Pah etwa, Spaghetti und in einem 1962 lancierten Opus Iznogoud. Da war eine andere Kreation gerade einmal ein halbes Jahr alt – und sollte ein Phänomen werden, ein Welterfolg.

In diesem Comic ging es im Jahr 50 n.d.Z. um Eingeborene, die in einem Dorf in Aremorica im Nordwesten Galliens leben und die Römer aufmischen, mit Hinkelstein, Druide, einem weißen Hündchen, stets falsch singendem Barden und Obelix, der als Kind in den Zaubertrankkessel fiel. Die Römer halten, mit Ausnahme des wehrhaften Weilers, das ganze Land besetzt – die Ähnlichkeit zu Frankreich zwischen 1940 und 1944 ist kein Zufall.

Vom ersten Album »Astérix le Gaulois« (deutsch erst 1968: »Asterix der Gallier«), das im Juli 1961 erschien, wurden 6000 Exemplare abgesetzt. Zwei Jahre später, im Sommer 1963, erreichten die Verkaufszahlen beim dritten Heft »Astérix et les Goths« (»Asterix bei den Goten«) 150.000 Stück. 1966 betrug die Erstauflage von »Le Combat des chefs« (»Der Kampf der Häuptlinge«), das im Januar erschien, wie von »Astérix chez les Bretons« (»Asterix bei den Briten«), das sieben Monate später herauskam, jeweils 600.000 Exemplare. Beide waren binnen zwei Wochen ausverkauft.

Nach Goscinnys Tod übernahm der Zeichner Albert Uderzo das Szenario. Bis 2009 kamen zehn weitere Bände heraus.

Nach Goscinnys Tod übernahm der Zeichner Albert Uderzo das Szenario. Bis 2009 kamen zehn weitere Bände heraus. Mit Nummer 35, »Astérix chez les Pictes«, übernahmen Jean-Yves Ferri und der Zeichner Didier Conrad. Sie halten einen Zwei-Jahres-Rhythmus ein – Ende nicht absehbar. Die Gesamtauflage in 110 Sprachen (inklusive Latein) und Mundarten beträgt weltweit mehr als 100 Millionen Exemplare. Der französische Staatspräsident General Charles de Gaulle soll einst während einer Ministerratssitzung jedem Anwesenden einen Namen aus dem wehrhaften gallischen Dorf gegeben haben.

Im Zentrum seines Wertesystems stand Menschenfreundlichkeit

Im Zentrum des Wertesystems des kreativen Wirbelwinds stand Menschenfreundlichkeit. Goscinny, der sich in den letzten Lebensjahren ebenso neugierig wie erfolgreich als Animationsfilm-Entrepreneur betätigte und sich zeitgleich mit anstrengenden Rechtsstreitigkeiten auseinandersetzen musste, fasste dies zusammen: »Mit Asterix und Lucky Luke habe ich gemeinsam, dass ich Angst vor Gewalt habe. Ich verabscheue Bösartigkeit.«

1977 starb »le roi René«, so sein Biograf Pascal Ory, überraschend. Bei einer medizinischen Untersuchung erlitt er einen Herzinfarkt. Im Winter 2017/18 widmete ihm das Pariser Musée d’Art et d’Histoire du Judaïsme eine Ausstellung mit dem Titel Au-delà du rire (Jenseits des Lachens). Denn das subkutan jüdische Universum René Goscinnys, von dem auf Mutter- wie Vaterseite Verwandte im Holocaust ermordet wurden, geht über ein rein unterhaltsames Lachen hinaus.

Berlin

»Die Zukunft interessiert mich nicht mehr so furchtbar dolle«

Ein Chor von über 90-jährigen Menschen probt erstmals im Jüdischen Museum

von Nina Schmedding  04.09.2026

Kino

»Zur Not machen wir es in einem Badezimmer«

Zum elften Mal findet in Berlin das israelische Filmfestival »Seret« statt. Trotz schwieriger Zeiten denken die Veranstalter nicht daran aufzugeben

von Leon Stork  04.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Musik

»Ein Tribut an David Bowie«

Daniel Donskoy über das gefeierte neue Musical »Rebel Rebel« und das Erbe des legendären britischen Sängers

von Ralf Balke  04.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  04.09.2026

Junge Israelis, die von Beta Israel, äthiopischen Juden, abstammen

Hamburg

2,5 Millionen Euro für Erforschung religiöser jüdischer Handschriften

Sophia Dege-Müller, Expertin für äthiopische Handschriften, erforscht religiöse Handschriften der äthiopischen Juden, der sogenannten Beta Israel. Ihre bis zu 500 Jahre alten Schriften seien bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden

 03.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Debatte

Öffentlich-Rechtliche Medien: Macht euren Job, aber macht ihn besser!

Ein Appell von Esther Schapira

von Esther Schapira  03.09.2026

Medien

Stephan-Andreas Casdorff ist wieder für den »Tagesspiegel« tätig

Die KI-generierten Meinungstexte von Stephan-Andreas Casdorff im »Tagesspiegel« hatten in der Branche für viel Aufruhr gesorgt. Seit Juni hatte der Ex-Chefredakteur seine Tätigkeit ruhen lassen. Nun kehrt er zurück

von Jana Ballweber  03.09.2026