Die fünfte Staffel von Babylon Berlin, der bisher teuersten deutschen Fernsehproduktion, beginnt mit der Krankengeschichte eines berüchtigten Patienten: Adolf Hitler (gespielt von Clemens Schick). Der Weltkriegsgefreite wurde Ende 1918 als knapp 30-Jähriger in einem Reservelazarett in Pasewalk in Vorpommern behandelt – ein »Hysteriker«, dessen Blindheit keine körperlichen Ursachen hat, obwohl der spätere »Führer« sie auf eine Verletzung mit Senfgas zurückführt. Im Film heilt Psychiater Edmund Forster (Ulrich Noethen) den Kranken mittels Hypnose: Der Blinde rafft all seine Willenskraft zusammen und kann wieder sehen.
Belegt an dieser Geschichte ist nur, dass Adolf Hitler in Pasewalk behandelt wurde, wo Forster praktizierte. Ob die beiden sich jemals als Arzt und Patient begegnet sind, ist hingegen nicht bekannt – ebenso wenig, ob Hitler jemals von einem Psychiater untersucht wurde. Der Psychiater Jan Armbruster schrieb schon 2009 im »Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie« über den realen Edmund Forster, der sich 1933 suizidierte: »Die Stilisierung Forsters zum ›Schöpfer‹ Hitlers kann angesichts des Aufgreifens durch die Medien als Beispiel für die Entwicklung eines Mythos herangezogen werden. Der Tragik des Schicksals Forsters wird auf diese Weise wenig Rechnung getragen.«
Suche nach einer Krankenakte, die es möglicherweise nie gab
Hitler selbst behauptete in seinem Buch Mein Kampf, er sei nach einem Gasangriff im Ersten Weltkrieg erblindet und wieder genesen, habe aber nach der Kriegsniederlage einen Rückfall erlitten. Seine Heilung in Pasewalk wird auch mit dem Satz in Mein Kampf in Verbindung gebracht: »Ich aber beschloss, Politiker zu werden.« Die fünfte Staffel von Babylon Berlin dreht sich zentral um die Suche nach Hitlers laut Plot verschwundener Krankenakte, die von den Nazis vernichtet werden soll – und alle, die Zeugen von Hitlers Behandlung in Pasewalk waren, gleich mit.
Volker Kutscher, Autor der Gereon-Rath-Krimis, ist verärgert über den Umgang der Serienmacher mit den Fakten in der fünften Staffel von »Babylon Berlin«.
Volker Kutscher, Autor der Gereon-Rath-Krimis, dessen Folge Märzgefallene als Vorlage für die jüngste Staffel von Babylon Berlin diente, ist verärgert über den Umgang der Serienmacher mit den Fakten. Der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« sagte er: »Es ist ja nicht einmal erwiesen, ob es Hitlers Krankenakte wirklich gegeben hat. Und selbst wenn: Hätte man die Nazis stoppen können, wenn man sie veröffentlicht hätte? Wenn die Serie das mit solch erzählerischer Wucht behauptet und am Ende noch den Eindruck erweckt, genauso sei es gewesen, dann halte ich das für gefährlich.«
Ebenso kritisiert er, dass in Babylon Berlin suggeriert wird, die Nazis hätten am 27. Februar 1933 den Reichstag selbst angezündet: »Die Serie tut so, als wüsste sie, wie es wirklich gewesen ist. Das weiß aber niemand, auch mehr als 90 Jahre nach dem Ereignis nicht.«
Die im von den Nazis inszenierten Reichstagsbrandprozess festgestellte Alleintäterschaft des Anfang 1934 hingerichteten Niederländers van der Lubbe konnte zwar nie bewiesen werden. Allerdings will die ARD, auch mithilfe der Doku Babylon Berlin. Wie die Demokratie unterging im Anschluss an die letzte Folge der fünften Staffel ihre Zuschauer politisch aufklären. Doch wie passt der Anspruch der Doku, die mit aufwendig nachkolorierten historischen Bildern arbeitet, zum lockeren Umgang der Serie mit historischen Fakten?
Ist die unterschwellige, aber deutliche Warnung vor heutigen Rechtspopulisten in der Doku »Babylon Berlin. Wie die Demokratie unterging« wirklich passgenau?
Und ist die unterschwellige, aber deutliche Warnung vor heutigen Rechtspopulisten wirklich passgenau? Die fünfte Staffel von Babylon Berlin startete vier Tage nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt. Wer die – ansonsten gut gemachte – Doku reflektiert, wird nicht umhinkommen festzustellen, dass diese in Teilen rechtsextreme Partei trotz allem über keine »Sturmabteilung« (SA) verfügt und bisher keinen Anspruch auf ausländisches Territorium erhebt.
Und sonst? Die fünfte Staffel steht in ihrer Inszenierung der opulenten Kulisse von Berlin in den 30er-Jahren ihren Vorgängern in nichts nach. Man kann sie durchaus bingewatchen und sich im Fernsehsessel gruseln angesichts des Aufstiegs der Nazis, die Berlins Polizei unter ihre Kontrolle bringen.
Volker Bruch als Kriminalkommissar Gereon Rath und Lisa Liv Fries als dessen Kollegin Charlotte Ritter enttäuschen nicht. Fritzi Haberlandt läuft zu großer Form auf als Elisabeth Behnke, die sich als Schwester von Rosa Luxemburg ausgibt, um die KPD-Politikerin Völcker und die SPD-Politikerin Helfers zu einer Einheitsfront gegen die Nazis zu bewegen – natürlich vergebens. Auch Lars Eidinger ist wieder Klasse als exzentrischer Großindustrieller und Hitler-Fan Alfred Nyssen.
Trotzdem bleibt der Nachgeschmack schal. Die Geschichte endet erwartbar – wegen der Geschichte. Von Babylon Berlin kann es keine Fortsetzung geben.
Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« ist bereits in der ARD-Mediathek abrufbar. Das Erste zeigt das Serienfinale am 19. September mit vier Folgen und am 25. September mit weiteren vier Folgen.