Nur wenige Wochen nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 warnte der Historiker Omer Bartov, Israel sei im Begriff, in Gaza einen Völkermord zu begehen. In den folgenden Monaten kam er dann in unterschiedlichen Medien zu dem Schluss, Israel verübe diesen tatsächlich.
Omer Bartov wurde im Kibbuz Ein HaHoresh geboren und wuchs in Tel Aviv auf. In den 80er-Jahren ging er in die Vereinigten Staaten, wo er seit 2000 als Professor für Geschichte an der Brown University tätig ist. Seine Forschungen zum Holocaust waren prägend für das historische Verständnis des Zusammenspiels von nationalsozialistischer Ideologie, militärischen Strukturen und persönlichem Handeln.
Obwohl er nie Bücher zur Geschichte Israels veröffentlicht hat, die auf Archivforschung basieren, ist es Bartov gelungen, sich als Autorität in Fragen der israelischen Innenpolitik und insbesondere des Krieges im Gazastreifen zu präsentieren. Dafür stützt er sich auf sein Renommee als Historiker – ein altes und bedauerliches Phänomen in der modernen Geistesgeschichte, bei dem Personen behaupten, dass sie zum Beispiel »als Historiker« (in diesem Fall des Holocaust) Einblicke in aktuelle Ereignisse hätten, die anderen verwehrt seien.
Bartovs neuestes Buch, Israel: What Went Wrong? (»Israel: Was ist schiefgelaufen?«), ist ein Beispiel dafür. Jeder – und ganz sicher ein Wissenschaftler, der den schwerwiegenden Vorwurf des Völkermords erhebt – steht vor der großen Herausforderung, Beweise und kausale Zusammenhänge vorzulegen. Doch Bartov liefert keine einzige Fußnote zur Untermauerung seiner Behauptungen. Er macht sich auch nicht die Mühe, auf Argumente einzugehen, die diese infrage stellen würden.
Die Leser werden allein aufgrund des Prestiges des Autors und des Verlags – Farrar, Straus and Giroux ist eines der besten Häuser in Amerika – gedrängt, seine Behauptungen zu akzeptieren.
Die Leser werden allein aufgrund des Prestiges des Autors und des Verlags – Farrar, Straus and Giroux ist eines der besten Häuser in Amerika – gedrängt, seine Behauptungen zu akzeptieren. Auf lästige Details wie Anmerkungen oder Quellenangaben verzichtet er, da er zu glauben scheint, seine Behauptungen seien offensichtlich wahr und moralisch unanfechtbar.
Das zentrale Argument von Bartovs Buch lautet: Unmittelbar nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober, den er unzureichend und lakonisch beschreibt, »erklärte Israel seine Absicht und unternahm anschließend den Versuch, das in Gaza lebende palästinensische Volk als solches ganz oder teilweise zu vernichten, womit es die hohe Schwelle der Völkermordkonvention erreichte«. Als Beleg für diese Behauptung dienen wütende – und selektiv zitierte – Äußerungen israelischer Politiker über die Unmenschlichkeit der Hamas-Mörder vom 7. Oktober. Bartov kann jedoch keine offizielle Erklärung des Ministerpräsidenten oder eines Regierungssprechers vorlegen, wonach die Absicht bestand oder besteht, »das palästinensische Volk zu vernichten«, da es keine derartigen Äußerungen gab. Israel erklärte den Krieg, um die Hamas zu besiegen – ein Fakt, den Bartov ausblendet.
Ein Kernelement seiner Polemik ist die Behauptung, Israel missbrauche die Erinnerung an den Holocaust
Ein Kernelement seiner Polemik ist die Behauptung, Israel missbrauche die Erinnerung an den Holocaust und benutze sie als Rechtfertigung für seine bösartige Politik. Er tut so, als sei der genozidale Charakter des Angriffs vom 7. Oktober nicht bereits in zahlreichen Presseberichten und Studien bis ins kleinste Detail beschrieben worden. Wie jeder weiß, der die Hamas-Charta oder die Erklärungen der Hamas in den vergangenen Jahren gelesen hat, bestehen unstrittige Verbindungen zwischen der NS-Ideologie und dem Islamismus.
Dennoch erkennt Bartov den Zusammenhang zwischen dem ideologisch motivierten Massenmord in Nazi-Deutschland und dem Angriff der Hamas auf Israel nicht an. Er weigert sich, der Realität ins Auge zu sehen, dass die Hamas eine existenzielle Bedrohung für die Existenz Israels darstellt.
Bartov argumentiert, der Missbrauch der Erinnerung an den Holocaust bestehe schon seit der Gründung Israels. Der neu gegründete jüdische Staat sei »von Anfang an in einen Akt der Ungerechtigkeit verstrickt« gewesen, namentlich durch die »Vertreibung von 750.000 Palästinensern aus dem Gebiet, das zum Staat Israel wurde … und die Weigerung, sie zurückkehren zu lassen«. Da dies »von Juden vollzogen wurde, die erst kurz zuvor aus Europa vertrieben worden waren«, seien diese beiden Ereignisse, die Schoa und die Nakba, »untrennbar miteinander verflochten«.
Bartov schreibt, als hätten israelische Historiker – unter anderem Benny Morris und Efraim Karsh – nicht überzeugend nachgewiesen, dass es 1948 keine Vertreibung von 750.000 Palästinensern gab. Vielmehr gab es einen Krieg, den die palästinensischen Führer ausgelöst hatten, den die arabischen Staaten eskalierten und den sie verloren. Im Verlauf der Kämpfe wurden zwar Tausende von Palästinensern vertrieben, doch das war nicht das Ziel der Zionisten. Vielmehr wollten sie die Gründung eines Staates auf der Grundlage der Resolution der Vereinten Nationen erreichen.
In Bartovs Polemik gibt es keine arabische oder palästinensische Eigenverantwortung, keinen Griff zu den Waffen, um die UN-Resolution abzulehnen und keinen arabischen oder palästinensisch-arabischen Rassismus, keinen Antisemitismus und keine arabische Ablehnung von Einwanderern, die Einlass in eine Region suchten, in der es bereits zahlreiche arabische Staaten gab. Bartov suggeriert einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Holocaust – dem Massenmord an sechs Millionen Juden in Europa – und dem, was palästinensische Autoren als »Nakba« bezeichnen, dem Verlust eines Krieges, aus dem die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Araber zwar besiegt, aber lebend hervorging.
Bartovs Wut auf Israel erreicht ihren Höhepunkt, wenn er den angeblichen Missbrauch der Erinnerung an den Holocaust erörtert: »Schließlich wurde die Katastrophe des Holocaust für die meisten Israelis zu einem riesigen Feigenblatt, zu ihrem beklagenswerten Versuch, Selbstopferung und Selbstmitleid mit Selbstgerechtigkeit, Hybris und der Euphorie der Macht zu verbinden, wobei die eine Seite der Gleichung die andere rechtfertigt.«
Omer Bartov kann keinen Völkermord oder eine »bewusst verfolgte Politik« nachweisen.
Bartov schreibt, als stünde Israel vor keinerlei Bedrohung seiner Existenz, die nicht auf die eigene, ungerechte Politik zurückzuführen wäre. Die Leser seiner Polemik erfahren nichts über die Kriege der säkularen arabischen Nationalstaaten in den Jahren 1967 und 1973 oder über den ebenso lange anhaltenden Kampf palästinensischer Terrororganisationen unter dem Dach der PLO. Sie erfahren auch nichts über die religiös motivierte Feindseligkeit der Islamischen Republik Iran, der Hisbollah und der Hamas. Die Tausenden von Israelis, die in diesen Kriegen und Terroraktionen getötet und verwundet wurden, werden nicht erwähnt. Folglich liest man auch nichts über die sehr berechtigten Ängste vieler Israelis, die überhaupt nichts mit Erinnerungen an den Holocaust zu tun haben.
Für Bartov liegt ein wichtiger Aspekt dessen, was in Israel schiefgelaufen ist, bei den Israelis selbst. Er verweist auf die »völlige Unfähigkeit der israelischen Gesellschaft, auch nur ein Quäntchen Mitgefühl für die Bevölkerung im Gazastreifen zu empfinden«. Die Mehrheit der Israelis wolle offenbar gar nicht wissen, was im Gazastreifen geschehe.
Nach Ansicht Bartovs strebt Israel zwar offiziell danach, eine sichere Heimat für die Juden zu sein, ist aber stattdessen »zum unsichersten Ort für Juden auf der ganzen Welt geworden, wobei der Wunsch der Palästinenser, in ihre Heimat zurückzukehren, und Israels unnachgiebige Weigerung, das Land zu teilen, den Kern der Gewalt bilden«. Es gibt Leser, die solche Sätze als Rechtfertigung für Antisemitismus auffassen werden. Und tatsächlich könnte Bartovs maßlose Wortwahl am Ende von Antisemiten zitiert werden, die sich darüber freuen, einen weiteren in Israel geborenen Professor gefunden zu haben, der bereit ist, solche Dinge zu sagen.
Ohne mit der wissenschaftlichen Literatur zum Antisemitismus vertraut zu sein
Bartov zeigt, dass es möglich ist, über den Holocaust und Völkermord zu schreiben, ohne mit der wissenschaftlichen Literatur zum Antisemitismus vertraut zu sein. In seinem Kapitel mit dem vielsagenden Titel »Über das Abschlachten von Kindern« prangert Bartov überdies »die außerordentliche Gleichgültigkeit der israelischen Bürger gegenüber dem monatelangen Massenmord an palästinensischen Zivilisten, darunter Tausende von Kindern, im Gazastreifen« an – eine Gleichgültigkeit, die seiner Meinung nach auf »ständige Racheaufrufe« zurückzuführen ist, »die von Regierungsvertretern und Armeegenerälen gefördert und von den Medien angeheizt werden«. Ein Historiker, der »amerikanischen«, »britischen«, »deutschen« oder irgendeiner anderen nationalen Gruppe von Bürgern irgendeine Art von Kollektivschuld zuschreibt, wäre sehr vorsichtig, doch Bartov wirft diese Vorsicht über Bord.
Israelische Politiker haben zweifellos den Krieg mit dem Ziel erklärt, die Hamas zu besiegen und zu verhindern, dass sie Israel erneut angreifen kann. Das ist jedoch kein Aufruf zur Rache. Der richtige Begriff lautet »Selbstverteidigung«. Nirgendwo in diesem Buch wird auf die Details der israelischen Militäroperationen eingegangen. Dennoch behauptet Bartov, dass »das Muster der Operationen der IDF« im Gazastreifen, das er nicht untersucht hat, ihn zu dem Schluss führt, »dass diese (genozidalen) Absichten in die Tat umgesetzt wurden«. Angriffe auf zivile Infrastruktur, Krankenhäuser, Schulen, Wasserversorgung und Stromnetze »gingen weit über die militärische Notwendigkeit hinaus«. All dies, so Bartov, sei kein Zufall gewesen, sondern »Teil einer Strategie, den Gazastreifen als lebenswerten Raum für Palästinenser zu zerstören«. Selbst wenn es keinen formellen Befehl zum Völkermord gegeben habe, zeige »die militärische Logik, dass Völkermord die Folge war«.
Bartov kann aber weder nachweisen, dass ein Völkermord stattgefunden hat, noch Beweise oder eine »bewusst verfolgte Politik« liefern. Es ist eine schockierende Schlussfolgerung, die ein Historiker der NS-Zeit hier vorlegt. Sorgfältige historische Bemühungen, die kausalen Zusammenhänge zwischen Hitlers Ideologie und den Entscheidungsprozessen, die zur »Endlösung« führten, aufzudecken, haben Tausende von Seiten, Zehntausende von Fußnoten und jahrelange Recherche in Archiven in Anspruch genommen.
Ohne Zugang zu israelischen Archiven
Dennoch postuliert Bartov, ohne Zugang zu israelischen Archiven und ohne eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den öffentlich zugänglichen Unterlagen zur israelischen Entscheidungsfindung gehabt zu haben, die Existenz einer »bewusst verfolgten Politik«. Es gibt keinen Grund, seine Schlussfolgerung ernst zu nehmen.
Der Polemiker Bartov schließt mit einem Vorwurf der Kollektivschuld gegen die Israelis. Wie, fragt er, »sollen wir mit der Auslöschung Gazas ins Reine kommen? Wird Israel jemals für seine völkermörderischen Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden?« Die langfristige Folge »dieser Farce könnte jedoch sein, dass der Völkermord in Gaza Israel endlich von seinem Status als einzigartiger Staat befreien wird, der in einem einzigartigen Holocaust verwurzelt ist«.
Die Frage ist nicht, ob Bartov ein Antisemit ist, obwohl klar ist, dass er den Zionismus grundsätzlich ablehnt. Es geht vielmehr darum, ob er in »Israel: What Went Wrong? «Argumente vorbringt, die richtig oder falsch sind.
Nachdem er also ein Buch voller unbegründeter Anschuldigungen geschrieben hat, spielt Bartov Richter und Ankläger zugleich. Er erklärt den Angeklagten für schuldig. Israel werde »nicht lebensfähig« sein und ein »Paria-Staat« werden, »isoliert von seinen Verbündeten und der jüdischen Diaspora«. Schlussendlich werde »die israelische Apartheid zusammenbrechen, wie es in Südafrika unter dem Druck von Massenprotesten, Gewalt, einem Waffenembargo und Wirtschaftssanktionen der internationalen Gemeinschaft geschehen ist«. Eine Alternative sei allenfalls die Ersetzung des bestehenden Staates Israel durch eine Art Konföderation aus Israelis und Palästinensern, die das zionistische Projekt beenden würde.
Die Frage ist nicht, ob Bartov ein Antisemit ist, obwohl klar ist, dass er den Zionismus grundsätzlich ablehnt. Es geht vielmehr darum, ob er in Israel: What Went Wrong? Argumente vorbringt, die richtig oder falsch sind – und, falls sie falsch sind, ob das Buch den ältesten und beständigsten Vorwurf, der den Kern der antisemitischen Ideologie bildet, wieder aufgreift und geschickt neu verpackt: nämlich, dass die Juden seit den Zeiten von Jesus ein Volk seien, das aufgrund von Gewohnheit, Tradition und Charakter in einzigartiger Weise zum Mord an Unschuldigen neige. Der Vorwurf des Völkermordes gegen den Staat Israel sollte vor dem Hintergrund dieser langen Geschichte antisemitischer Verleumdungen verstanden werden.
Das Problem mit Bartovs Argumentation ist nicht, dass sie falsch ist, weil sie antisemitisch ist. Sie ist vielmehr falsch, weil sie unwahr ist. Doch die wiederholte Verbreitung solcher Unwahrheiten gegen die Juden – und nun gegen Israel – schürt unweigerlich den Antisemitismus, verstärkt den Hass auf Juden weltweit und vertieft die wachsende Feindseligkeit gegenüber Israel.
Jeffrey Herf ist amerikanischer Historiker und emeritierter Professor für neuere europäische und deutsche Geschichte an der University of Maryland. Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung eines im Juni im »Israel Journal of Foreign Affairs« veröffentlichten Aufsatzes.