Wenn Fair Lane im Juni 2027 nach 17 Jahren wieder für Besucher öffnet, soll auch ein besonders problematisches Kapitel der Geschichte seines früheren Bewohners zur Sprache kommen. Das historische Anwesen von Henry und Clara Ford in Dearborn im US-Bundesstaat Michigan will über den Antisemitismus des legendären Industriellen informieren. Dies geht aus einem Bericht der Jewish Telegraphic Agency (JTA) hervor.
Die Einrichtung stellt sich einer Vergangenheit, die in der Region lange nur unzureichend thematisiert wurde. Ford, der einst als reichster Mann der USA galt, verbreitete in den 1920er Jahren antisemitische Verschwörungstheorien und machte seinen Einfluss als Zeitungsverleger dafür nutzbar. Seine Publikation »The Dearborn Independent« veröffentlichte unter anderem die antisemitische Serie »The International Jew« und verbreitete die gefälschten »Protokolle der Weisen von Zion«.
Die Ankündigung stößt bei jüdischen Organisationen in Michigan auf Zustimmung. Catherine Cangany, Chefin der Jewish Historical Society of Michigan, erklärte, die Aufarbeitung sei überfällig. »Diese Geschichte ist geschehen, sie hat Schaden verursacht, und sie hat weiterhin Konsequenzen, mit denen wir uns alle auseinandersetzen müssen.«
Behandlung als Randaspekt
Die Verantwortlichen von Fair Lane wollen das Thema nicht als Randaspekt behandeln. Es soll nach ihren Angaben zu den historischen Inhalten gehören, die jeder Besucher im Rahmen der geplanten Führungen vermittelt bekommt.
»Unsere Aufgabe ist es, das Leben und Vermächtnis von Henry und Clara Ford zu beleuchten«, sagte Austin Eighmey, der für die historischen Ressourcen des Anwesens zuständig ist. Dazu gehöre auch die Erkenntnis, dass Ford »ein unwissender Mann war, der mit vielen schlechten Informationen gefüttert wurde, die er selbst gesucht hatte«.
Hannah McCready, die für Vermittlung und Bildung zuständig ist, sagte: »Es ist unsere Aufgabe, ein umfassenderes Bild zu vermitteln und den Menschen eine Perspektive zu geben, durch die sie Geschichte betrachten können.«
Antisemitische Agenda
Bei der Entwicklung des Konzepts arbeitete Fair Lane unter anderem mit dem Zekelman Holocaust Center zusammen. Auch Donna Braden, eine jüdische Museumsexpertin und frühere Mitarbeiterin der Ford-Institution The Henry Ford, wurde laut JTA hinzugezogen. Sie warnte die Verantwortlichen davor, zu unterschätzen, wie wenig viele Besucher über Fords Antisemitismus wüssten.
Für die geplante Ausstellung wurden bestimmte historische Themen als sogenannte »non-negotiables« definiert. Gemeint sind Aspekte der Geschichte, die bei keinem Besuch ausgespart werden sollen.
Eine zentrale Rolle in der Darstellung wird Fords Umgang mit den Medien spielen. 1919 übernahm er die »Dearborn Independent« und verwandelte die Zeitung in ein Sprachrohr antisemitischer Propaganda. Ford ließ Exemplare über seine Autohändler verbreiten, sodass die Publikation zeitweise eine der auflagenstärksten Zeitungen der USA wurde.
Moralischer Verfall
Der Historiker Steven Watts, der eine vielbeachtete Ford-Biografie verfasst hat, sieht gerade diese Tätigkeit als eine der folgenreichsten Ausprägungen von Fords Antisemitismus. Ford habe zunehmend Juden für gesellschaftliche Veränderungen und vermeintlichen moralischen Verfall verantwortlich gemacht.
»Er begann im Grunde zu behaupten, dass Juden hinter der Korruption dieser altmodischen, ländlichen WASP-Kultur und ihren Tugenden steckten, dass Juden hinter der Jazzmusik und den Hollywoodfilmen stünden und dass es eine Art moralischen Verfall gebe, der sich vollziehe«, sagte Watts.
Fords Antisemitismus entwickelte sich nach Einschätzung des Historikers insbesondere in den 1920er Jahren. Watts führt dafür mehrere Faktoren an, darunter Fords wirtschaftspopulistische Vorstellungen und seine Enttäuschung über ein gescheitertes Friedensprojekt während des Ersten Weltkriegs. Ford machte damals jüdische Finanzinteressen in Europa für das Scheitern verantwortlich.
Verleumdungsprozess gegen Ford
Die »Dearborn Independent« wurde 1927 eingestellt. Vorausgegangen war unter anderem ein Verleumdungsprozess des jüdischen Anwalts und Gewerkschafters Aaron Sapiro gegen Ford. Danach entschuldigte sich der Industrielle öffentlich für die Verbreitung antisemitischer Inhalte und distanzierte sich von derartigen Äußerungen.
Die geplante Aufarbeitung in Fair Lane ist auch deshalb bemerkenswert, weil mehrere Einrichtungen mit engem Bezug zu Ford dessen Antisemitismus bisher kaum thematisiert haben. Dazu gehören The Henry Ford, ein Museum mit Fords persönlichen Sammlungen, das historische Freilichtmuseum Greenfield Village und die frühere Ford-Fabrik an der Piquette Avenue.
Bei The Henry Ford findet sich bislang keine ausführliche Darstellung des Antisemitismus in den Ausstellungsräumen. Auf der Website gibt es inzwischen einzelne Hinweise auf das Thema.
Geeigneter Ort
Fair Lane nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Anders als andere Ford-Einrichtungen konzentriert sich das Anwesen stärker auf das persönliche Leben der Familie. Nach Auffassung der dortigen Kuratoren ist es deshalb der geeignete Ort, auch Fords Überzeugungen und persönlichen Einstellungen zu vermitteln.
Die Familie Ford spielt weiterhin eine wichtige Rolle. Zu den Mitgliedern des Verwaltungsrats gehört Edsel Ford II, ein Urenkel des Industriellen. Nach Angaben der Kuratoren unterstützt die Familie die geplante Neubewertung.
Als Vorbilder dienen Fair Lane unter anderem historische Orte wie Monticello, das frühere Anwesen Thomas Jeffersons. Dort wird Besuchern auch Jeffersons Rolle als Sklavenhalter vermittelt. Ebenso verweist das Team auf Museen, die sich mit problematischen Seiten anderer einflussreicher Persönlichkeiten auseinandersetzen. im