Bald begehen Jüdinnen und Juden ihren höchsten Feiertag Jom Kippur. Er beginnt an diesem Sonntagabend. Was genau wird mit den jüdischen Festen gefeiert? Wer sich näher mit ihnen beschäftigen möchte, kann das mit speziellen Bilderkarten tun, beispielsweise im Schulunterricht oder in der Erwachsenenbildung. Ziel ist, über jüdisches Leben in Deutschland zu informieren und gegen Vorurteile anzugehen - gerade in Zeiten von um sich greifendem Antisemitismus.
Das Kartenset ist thematisch breitgefächert: Feiertage, Synagogen und deren Neubau, Alltagsszenen, Sport, jüdische Geschichte, Schoah, koscheres Essen und mehr. Auf der einen Kartenseite ist ein Foto, das das Thema illustriert, auf der anderen stehen kurze Texte, QR-Codes und Vorschläge für Aufgaben. Etwa: »Gestaltet einen Kalender für eure Gruppe, in den ihr die jüdischen Feiertage ebenso wie auch weitere religiöse Fest- und Feiertage weiterer Religionen eintragt.
«Erste Auflage im Jubiläumsjahr
Die Karten gibt es schon länger, und sie sind jetzt frisch in einer Neuauflage erschienen. Diese greift auch den Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie Einschränkungen für Jüdinnen und Juden im Alltag wegen des seitdem stark gestiegenen Antisemitismus auf, allerdings nicht den Gazakrieg als Folge des 7. Oktober. »Die Bilderbox ist bereits an über 5.000 Bildungseinrichtungen im Einsatz«, erklärt die Deutsche Unesco-Kommission.
Sie hat die Bilderkarten zur Gegenwart und Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland - so der Titel - mit dem Jüdischen Museum Frankfurt 2021 zum Jubiläumsjahr »1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« entwickelt. Das Auswärtige Amt gab eine Förderung dazu.
»Das interaktiv und niedrigschwellig einsetzbare Bildungsmaterial weitet den Blick auf das Judentum und jüdische Identitäten in Deutschland, setzt Impulse für eigene Projekte und regt Begegnungen an«, so die Unesco-Kommission. Die Neuausgabe enthalte zusätzliche Karten und einen Abschnitt zu aktuellen Bedrohungen. Die neue Ausgabe erscheint jetzt in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung.
Toleranz, Sport und Tattoos
Die Themenkarten informieren unter anderem über jüdische Schulen - die heute auch für nichtjüdische Kinder und Jugendliche offen sind. Jüdische Schulen gab es schon im 19. Jahrhundert in Deutschland. Unter den Nazis durften jüdische Kinder und Jugendliche irgendwann gar keine Schulen mehr besuchen. 1966 war die Lichtigfeld-Schule der Jüdischen Gemeinde Frankfurt die erste neu gegründete jüdische Schule in der Bundesrepublik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Oder eine weitere Karte zu Toleranz und Religion mit Bezug zum Philosophen Moses Mendelssohn (1729-1786) und der jüdischen Aufklärung. Ein Aufgabenvorschlag lautet: »Gestaltet ein Plädoyer, z.B. in Form eines Videoclips, einer Szene oder eines Vortrags, für Toleranz und Humanität heute.«
Für Toleranz steht auch der Sportverein Makkabi. Eine Karte zeigt eine Fußballmannschaft: Männer, die sich umarmend in einem Kreis stehen. Makkabi ist zwar ein jüdischer Verein mit verschiedenen Sportarten, aber offen für Menschen anderer Religionen. Seit den 1960er Jahren gibt es hierzulande wieder Makkabi-Clubs. Vorgeschlagen auf der Karte wird der Besuch eines Vereins.
Zum Thema Sichtbarkeit jüdischen Lebens zeigt die entsprechende Karte einen langhaarigen jungen Mann, der lässig seine Halskette mit dem Davidstern im Mund hat - und eine Tätowierung auf dem Oberarm mit dem »Schma Israel«, dem zentralen Glaubensbekenntnis im Judentum, zeigt.
Vielfalt und Lebendigkeit
Den Machern zufolge sollen die Bilderkarten Vielfalt und Lebendigkeit des Judentums auch jenseits von Diskriminierung und Verfolgung zeigen. Sie verweisen auf Erklärungen der Kultusministerkonferenz und des Zentralrats der Juden in Deutschland mit ähnlich formulierten Empfehlungen. »Durch einen niedrigschwelligen Zugang eignet sich das Material sowohl für den Einsatz in der Schule (Sekundarstufe I/II), in der außerschulischen Bildungsarbeit als auch in der Erwachsenenbildung«, so die Bundeszentrale.
Nicht alle Karten sind für jedes Alter geeignet. Das gilt den Angaben zufolge für eine Rubrik in der Neuauflage, die für Jugendliche ab etwa 15 Jahren empfohlen wird. Eine dieser Karten beschäftigt sich mit vermehrten Anfeindungen und schwindender Solidarität - und zeigt mit Folie abgeklebte rechtsextreme Schmierereien an der Fassade der Synagoge in Cottbus von April dieses Jahres.