Es waren nur ein paar Dutzend Demonstranten zum Münchner Marienplatz gekommen. Doch im Alten Rathaus waren sie am Montagabend nicht zu überhören. In dem Gebäude, von dem aus im 1938 von den NSDAP-Führern der Startschuss für die November-Pogrome gegeben wurde, hatten sich mehr als 150 Menschen zum vierten »Media TLV Summit« eingefunden, um über Themen wie den Nahostkonflikt und den wachsenden Antisemitismus in Europa zu diskutieren.
Organisiert hatten die Zusammenkunft die BR-Journalistin Susanne Glass und die deutsch-israelische Unternehmerin und Aktivistin Jenny Havemann, die zuletzt ihr gemeinsames Buch »Unser Israel gibt es nicht mehr: Zwei Standpunkte« herausgebracht hatten. Es gehe um »Empathie für die Menschen«, betonte Glass gleich zu Beginn. Sie bedauerte ausdrücklich die Aufrufe von verschiedenen Seiten im Vorfeld, die die arabischen Teilnehmer aufgefordert hätten, dem Treffen fernzubleiben.
Es war bereits die vierte Ausgabe Media Summit. Nicht nur Journalisten aus Deutschland und Israel nahmen wieder teil, sondern auch zahlreiche Influencer, Kulturschaffende und Vertreter öffentlicher Einrichtungen, darunter die Leiterin der Gedenkstätte Mauthausen, Barbara Glück, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck. Die Jüdische Allgemeine war neben dem Bayerischen Rundfunk Medienpartnerin der Konferenz.
Kleiner werdende Gesprächsräume
Während bei der Protestkundgebung einer der Redner die Landeshauptstadt München dafür schalt, dass sie »einmal mehr den roten Teppich für eine zionistische Kriegsplattform ausgerollt« habe und die Teilnehmer der Tagung höhnisch als »ideologische Nachfahren« des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels verunglimpfte, bedauerte drinnen Münchens zweite Bürgermeisterin Mona Fuchs, wie sehr sich die Debatte über Themen wie Nahostkonflikt und Antisemitismus verhärtet habe.

»Noch bevor man Positionen überhaupt eingehend geprüft hat. Die Menschen gruppieren sich lieber in Zirkeln, in denen alle einer Meinung sind. Komplexität wird als Schwäche und Zweifel als Verrat angesehen, und der Raum dazwischen, in dem Verständigung noch möglich ist und Meinungen ausgetauscht werden können, wird von Tag zu Tag kleiner«, sagte die Grünen-Politikerin. Sie fügte hinzu: »Das hören wir auch von draußen.«
Auf dem Marienplatz hielten die Demonstranten Schilder mit der Aufschriften wie »Keine Bühne den Mördern und Faschisten« und ein Banner mit »Kein Platz für Zio-Propaganda« hoch. Ein Mann schwenkte die Flagge der Islamischen Republik Iran. Dabei hätten die Gegner der Konferenz, an der auch einige Münchner Bürger teilnahmen, sehr unterschiedliche Standpunkte und kontrovers diskutierte Ansichten hören können.
Gekommen waren nämlich unter anderem Yossi Beilin, Architekt der Oslo-Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern in den 90er Jahren und ein glühender Verfechter einer Zweistaatenlösung, und die frühere Knesset-Abgeordnete Ksenia Svetlova, die Palästinenserpräsident Mahmud Abbas als Partner Israels für den Frieden bezeichnete.
»Free Palestine«-Rufe vor dem Alten Rathaus
Fuchs fasste es so zusammen: »Es ist schon ironisch, dass hier ein palästinensischer Mann aus tiefstem Herzen über seine traurige und sehr komplexe Lebensgeschichte redet, während ihn draußen Leute mit ‚Free Palestine‘-Rufen niederbrüllen. Das zeigt doch: Denen geht es gar nicht um ein freies Palästina.«
Am zweiten Tag des Treffens wurde es dann etwas ruhiger, was vermutlich auch daran lag, dass die Konferenz in den Räumen der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung fortgeführt wurde. Dort kam auch Dafna Gerstner zu Wort. Sie hat den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 im Kibbuz Be’eri nur mit Glück überlebt, ihr Bruder starb im Kampf gegen die Terroristen. Auch sie hat ein Buch geschrieben (»Sie kamen, um uns zu töten«), in dem sie das Erlebte verarbeitet hat.
Die freiberuflich als Art Director und Fotografin tätige Israelin, die seit einigen Jahren in München lebt, sagte, sie fühle sich nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland nicht mehr sicher. »Ich denke jeden Tag darüber nach: Wohin soll ich gehen?« Wenn sie hierzulande auf der Straße oder im Taxi gefragt werde, wo sie her komme, sage sie nicht mehr, dass sie Israelin sei. Das führe mittlerweile dazu, dass sie Taxis ganz meide.
Auch Gady Gronich, Geschäftsführer der in München ansässigen Europäischen Rabbinerkonferenz, sagte, Jüdinnen und Juden hierzulande hätten schlicht Angst. Das Problem könne man auch nicht mit mehr Polizeipräsenz lösen. »Wenn wir zu einem Zustand kommen ‚Ein Polizist pro Jude‘, dann können wir einpacken«, so Gronich.
Knobloch: »Wir haben keine Wahl«
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, kam am Dienstag nochmals zum Media TLV Summit. Wenige Stunden zuvor hatte ihr Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) einen Solidaritätsbesuch abgestattet; die Holocaustüberlebende hatte zuvor Morddrohungen erhalten.

Mit Blick auf die Sorge, dass die Schoa wieder passieren könne, sagte Knobloch: »Was sich gerade als Realität in unserem Land ausbreitet, ist emotional nur schwer zu fassen. Aber wir haben keine Wahl. Wenn die Welt, die nach dem Holocaust entstanden ist, bewahrt werden soll, müssen wir daran erinnern, warum sie so entstanden ist, wie sie ist.« Nur weil die Menschen heute eine Wiederholung der Schoa nicht vorstellen könnten, bedeute dies nicht, dass es nicht geschehen könne, so die 93-Jährige.
Auch Uschi Glas (82) engagiert sich seit einiger Zeit lautstark und zusammen mit anderen gegen Judenhass. Ihre Bekanntheit will die Schauspielerin, die ihre Filmkarriere vor genau 60 Jahren mit einem »Winnetou«-Film begann, gezielt einsetzen, um Menschen wachzurütteln. »Da hat mein Beruf wenigstens einen Sinn gehabt«, sagt Glas augenzwinkernd.