»Ein älterer Jude sitzt im Zug und spricht mit sich selbst. Mal lacht er, mal schüttelt er betrübt den Kopf und winkt ab. Schließlich fragt ihn ein Fahrgast: «Entschuldigen Sie, mein Herr. Ist alles in Ordnung?» – «Machen Sie sich keine Sorgen. Auf diesen ewigen Bahnfahrten erzähle ich mir aus Langweile selbst Witze – und lache dann über die Pointe. Mit dem Kopf wackeln und abwinken tue ich, weil ich die meisten Witze schon kenne.»
Versuchen wir in diesem Sinn, der Katastrophe eines Weltkonzerns mit Humor zu begegnen! Die Deutsche Bahn ist ein solches Unternehmen. Sie gehört als Aktiengesellschaft zu 100 Prozent der Bundesrepublik, und deren Verkehrsminister versuchen seit 32 Jahren erstaunlich erfolgreich, ihre Kunden möglichst lange an Bahnsteige und in Zügen zu binden.
Zahlreiche kostenlose Serviceleistungen: Kein Kaffee ist gut für den Blutdruck
Dazu werden ihnen zahlreiche kostenlose Serviceleistungen geboten. In DB-Zügen können Kunden Fastenkurse belegen, denn die Bordbistros mit überteuerten Snacks oder verbrannten Hühnchen-Sandwiches sind meist geschlossen. Auch in den Kaffeemaschinen fehlt immer irgendetwas Mechanisches als Teil moderner Dienstleistung. Doch zu viel Kaffee treibt den Blutdruck hoch, der wegen aller Verspätungen ohnehin Grenzwerte erreicht und in der Bahnvariante Magenwände wegen exorbitanter Bitterstoffe nachhaltig schädigt. Alles gut für die Gesundheit!
Funktionierende Toiletten? Eine Dame musste sich kürzlich vor der verschlossenen Tür erleichtern.
Bei einer längeren Reise mit einem deutschen Zug können ältere Damen und Herren zudem ihre Blasen- und Darmmuskulatur stärken. Funktionierende Toiletten? Eine Dame musste sich kürzlich vor der verschlossenen Tür erleichtern. Sie weigerte sich, den See aufzuwischen, und schaffte es damit in die vermischten Meldungen der Zeitungen.
Nahezu 200 Milliarden Reisende nutzen die Deutsche Bahn jährlich. Die Hälfte aller Züge sind unpünktlich. Nicht so wie zu Grüns Zeiten. «Grün hastet die Treppe zum Bahnsteig hoch. Oben angekommen, sieht er nur die Rücklichter seines Zuges. Blau: Na, Zug verpasst? Grün: No Na. Verscheucht werd ich ihn haben.» Das war in der Übergangsphase vom 19. zum 20. Jahrhundert. Heute werden Reisende von Zügen verscheucht, die vorgestern hätten ankommen sollen und wegen Schafen auf den Gleisen oder eines nicht auffindbaren Zugführers niemals ankommen werden.
Warum gibt es eigentlich so viele nette jiddische Zug-Anekdoten?
Warum gibt es eigentlich so viele nette jiddische Zug-Anekdoten?, frage ich die Künstliche Intelligenz. Sie bietet vier Antworten: das Zusammentreffen mehrerer sozialer Welten, ihre Missverständnisse und messerscharfen Dialoge, der Zug als Metapher für Migration und Entwurzelung, intellektuelle Schachspiele mit talmudischer Logik und der Umgang mit Bürokratie und Staatsgewalt.
Und deshalb erzähle ich Ihnen jetzt lieber meinen Lieblingswitz, statt den Anlass für diese Kolumne zu erwähnen, die horrible nächtliche, gesundheitsschädigende Verspätung meines Zuges: «Ein junger Mann und ein alter Jude fahren gemeinsam eine lange Strecke mit der Bahn. Der junge Mann fragt nach dem Einsteigen nach der Uhrzeit, erhält aber keine Antwort. Am nächsten Morgen sagt der alte Jude: ›Es ist jetzt 8 Uhr 30.‹ Der junge Mann fragt verwundert, warum er die Antwort erst jetzt erhält. ›Sehen Sie, ich habe mir gedacht, wenn ich Ihnen die Uhrzeit gleich sage, werden wir plaudern, Sie werden mir sagen, dass Sie zum ersten Mal in meine Stadt fahren, und ich werde Sie, da ich ein freundlicher Mensch bin, zu mir einladen. Dann werde ich Sie mit meiner Tochter bekannt machen, Sie werden sich in sie verlieben und sie eines Tages heiraten. Da habe ich mir gesagt, was soll ich mit einem Schwiegersohn, der nicht einmal eine Uhr hat?»