70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Der Arzt Martin Goldstein (1927–2012) Foto: picture-alliance/ dpa

»Es gibt keine dummen Fragen, nur respektlose Antworten«, hat Martin Goldstein einmal gesagt. Der Arzt und Psychotherapeut stand Millionen von deutschen Teenagern in der Pubertät bei. Allerdings unter anderem Namen: Von 1969 bis 1984 war er »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte. Die Jugendzeitschrift, die ihm dafür den Raum gab, wird nun 70 Jahre alt. Fast jeder kannte und kennt die »Bravo« – auch wegen Dr. Sommer.

In den 15 Jahren seines Wirkens hat der Autor die Ansprache an die Nachkriegsjugend revolutioniert, tief sitzende Tabus aufgebrochen und Sexualkunde aus der Schmuddelecke geholt. In den 70er-Jahren stand die »Bravo« zweimal auf dem Index. »Ich habe vertreten, dass Selbstbefriedigung nicht krank macht«, so Goldstein in einem Interview mit der »Welt«. »Die Begründung, damit Jugendgefährdendes zu verbreiten, war: ›Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane.‹«

Eine unbeschwerte Jugend samt Erwachen von Lust und Liebe war dem 1927 in Bielefeld geborenen Goldstein verwehrt geblieben.

Eine unbeschwerte Jugend samt Erwachen von Lust und Liebe war dem 1927 in Bielefeld geborenen Goldstein verwehrt geblieben. »Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs. Mein Vater war Jude. Wir wurden isoliert. Ich hatte andere Nöte als die Liebe.« Im Herbst 1944 wurde er mit seinem Vater in ein Arbeitslager nach Sachsen verschleppt. Die Angst sei aber erst später gekommen, als er sah, was in einem nahen Außenlager des KZ Buchenwald vor sich ging. Die Mutter konnte ihr Kind schließlich aus dem Lager herausholen.

Nach dem Krieg holte Goldstein das Abitur nach, studierte Medizin und wurde Arzt. »Sex kam nur in meiner Fantasie vor«, sagte er. Seinen Körper lernte er erst nach der Hochzeit besser kennen, mit Ende 20. Die Tabuisierung der persönlichen Erlebnisse junger Menschen ging Goldstein ans Herz. Und so änderte er grundlegend den Ton der Rubrik, als er sie übernahm, »denn da standen all die Schrecklichkeiten drin, die auch mir als Kind gesagt wurden« – auch von einem Pastor. Die Leser dankten es ihm schriftlich. 3000 Briefe sollen es im Monat gewesen sein. 14 Jahre lang. Und er habe sie alle beantwortet. Goldstein starb 2012 im Alter von 85 Jahren. Er hinterließ seine Frau, drei Kinder und sehr viele trauernde Fans.

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Jugendbuch

Zwei Mädchen im Winter 1947

Die amerikanische Schriftstellerin Holly-Jane Rahlens schreibt über Freundschaft in der Berliner Nachkriegszeit

von Katrin Diehl  12.10.2026

Slata Roschal

Der Autor ist tot

Sie las beim Bachmannpreis und verließ den Saal – in ihrem neuen Roman rechnet sie mit dem Literaturbetrieb ab

von Frank Keil  12.10.2026

Boris Schumatsky

Geografie der Entwurzelung

Der Berliner Schriftsteller erzählt von seiner Mutter, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und vom Verlust jeglichen Halts bei Paul Celan

von Alexander Kluy  12.10.2026

Sachbuch

Treffpunkt der Egomanen

Christian Buckard erzählt die Geschichte des legendären »Romanischen Cafés« und seiner jüdischen Bohème

von Leon Stork  12.10.2026

Tomer Gardi

Auf der Spur der Fahrradkuriere

Der israelische Autor verfolgt in seinem neuen Roman Lieferketten – und widmet sich den Menschen, die per App gerufen werden

von Sophie Albers Ben Chamo  12.10.2026

Sachbuch

Jerusalem für Anfänger

Geht es um die Gegenwart, verliert sich Dietmar Pieper in Tagespolitik

von Ralf Balke  12.10.2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Philippe Sands überreicht

Der Völkerrechtsanwalt forderte in seiner Rede ein Ende angeblicher »Debattenbeschränkungen« in Deutschland

 11.10.2026