In der letzten Episode von Marta Kauffmans gefeierter Streamerserie Grace and Frankie finden sich die ziemlich besten Freundinnen plötzlich im Himmel wieder und treffen dort auf niemand anderen als Dolly Parton. »Genau so habe ich Sie mir vorgestellt«, ruft die jüdische Frankie begeistert, doch die glitzernde Blondine wehrt ab. Sie sei nicht der Allmächtige, sondern nur ein Working-Class-Engel. Es sollte eine der letzten Rollen sein, die Parton übernahm.
Am Dienstag starb die begnadete Sängerin und Showbiz-Ikone im Alter von 80 Jahren in ihrer Heimat, Nashville, Tennessee.
Dolly Parton wuchs in bitterer Armut als eines von zwölf Kindern hart arbeitender, frommer Christen in der wilden Landschaft der Appalachen auf. Mit kaum zehn Jahren war ihre außergewöhnliche Stimme bereits im Radio zu hören. Mit gerade mal 13 Jahren nahm sie ihre erste Single auf und schaffte es auf die Bühne der legendären Live-Radio-Show »Grand Ole Opry«. Es war Johnny Cash, der sie mit den Worten vorstellte: »Und hier haben wir ein kleines Mädchen aus dem Norden.« Der Rest ist Geschichte.
»Ich bin mit der Bibel aufgewachsen«
Mit knallharter Disziplin und unermüdlicher Arbeit schuf die gut 1,50 Meter große, für ihr voluminöses blondes Haar und ihre Kurven bekannte Frau ein Imperium. Vielleicht auch gerade deshalb, weil sie in der Männer-dominierten Welt ihrer Zeit immer wieder unterschätzt wurde und doppelt so hart arbeitete, um sich durchzusetzen. Neben der Musik brillierte sie auch als Schauspielerin und Unternehmerin. Es gibt kaum einen Preis der Entertainmentbranche, den Dolly Parton nicht gewonnen hat. Ihre Fangemeinde umspannt alle Kulturen und Länder. Deshalb hat sie sich auch nie politisch positioniert. Außer, wenn es um die Liebe ging. Die Ehe sollte auch für gleichgeschlechtliche Paare offen stehen.
Die Geschichten der hebräischen Bibel waren immer Teil von Partons Songwriting-Werkzeugkasten. »Ich bin nicht besonders religiös, aber ich bin sehr spirituell. Ich bin mit der Bibel aufgewachsen und froh darüber«, sagte Parton einmal im Interview mit der »New York Times«.
Das berühmteste Beispiel dafür ist wohl »Coat of Many Colors« von 1971 über eine Kindheitserinnerung, als die Mutter ihr in der Not einen Flickenmantel nähte, den diese mit dem Gewand des biblischen Joseph verglich, damit er dem Kind gefalle. Ein anderer Song ist »The Master’s Hand« von 1977, in dem sie eine Geschichte aus den Ketuvim (Buch Daniel) zitiert, in der die drei jüdischen Jugendlichen Hananiah, Mishael und Azariah vom babylonischen Herrscher Nebukadnezar ins Feuer geworfen werden, weil sie ihrem Glauben nicht entsagen wollen, und sie unversehrt bleiben.
Auftritt Sandy Gallin
Mitte der 70er gehörte sie zu den festen Country-Größen ihres Landes, dominierte die Country-Charts, sowohl als Teil der »The Porter Wagoner Show« als auch als Solokünstlerin mit Hits wie »Jolene« und »I will always love you«. Aber da war Luft nach oben.
Auftritt Sandy Gallin. Der jüdische Musikmanager wurde Partons engster Vertrauter und verhalf ihr zu einer internationalen Popkarriere, Filmauftritten und eigenem Themen-Park. Zum ersten Mal ließ Parton andere Menschen ihre Songs schreiben. Und »Here you come again« des jüdischen Songwriting-Ehepaars Cynthia Weil und Barry Mann war 1977 der Durchbruch. Mit dabei war auch Gary Klein, der Song und Album produzierte. Es war Partons erster Top-Ten-Hit in den Popcharts, das Album verkaufte sich millionenfach, und »Here you come again« brachte ihr den ersten Grammy.
Der nächste Entertainment-Coup war Gallins Idee, Parton in einem eigenen Themenpark zu verewigen: »Dollywood« in Tennessee. Nächster Halt Hollywood, wo Parton neben Lily Tomlin und Jane Fonda – genau, die beiden Stars aus Grace and Frankie – in Nine to Five zu sehen war.
Es war ein Riesenerfolg, genau wie der dazugehörige Song. Ab den 80ern gehörte Parton zu Hollywoods A-List. Doch niemals wollte sie die Kontrolle abgeben, und so gründete sie mit Gallin eine eigene Produktionsfirma, Sandollar, der wir nicht nur Steve Martin in Vater der Braut, sondern auch Buffy – Im Bann der Dämonen und Angel verdanken. Die Aids-Dokumentation Common Threads: Stories from the Quilt mit Dustin Hoffman als Sprecher brachte den Produzenten einen Oscar.
»Wir kamen aus zwei völlig unterschiedlichen Welten, aber irgendwie hat es einfach geklickt.«
Dolly Parton über Sandy Gallin
Während Sandollar sich um Parton in Hollywood kümmerte, machte ihre Dollywood Company sie zu einer Multi-Branchen-Geschäftsgröße und zu einer der wichtigsten Arbeitgeberinnen in Tennessee. Neben »Dollywood«, mit mehr als drei Millionen Besuchern im Jahr, investierte sie in Ferienresorts, Restaurants und Spas.
Als Gallin 2017 starb, sagte Parton in einem Interview: »Niemand konnte so recht verstehen, wie das christliche Mädchen aus dem Süden und der jüdische Junge aus New York so viel gemeinsam haben konnten. Aber es war echt.« In einer ihrer Biografien schrieb sie: »Wir standen uns so nah, und unsere Beziehung war so liebevoll. Wir kamen aus zwei völlig unterschiedlichen Welten, aber irgendwie hat es einfach geklickt. Er war einer dieser Freunde, von denen man schon beim ersten Treffen weiß, dass sie für immer Freunde bleiben werden.« Eine Zeit lang hatten sich die beiden sogar eine Wohnung auf Manhattans Upper East Side geteilt, berichtet der »Forward«.
Und dann ist da noch Partons Imagination Library, ein weltweites Buchspende-Projekt, das Kindern bis zu ihrem fünften Lebensjahr kostenlos monatlich ein Buch nach Hause schickt. Sie verstand es auch als Erinnerung an ihren Vater, der weder lesen noch schreiben konnte.
Das kommt Ihnen bekannt vor? Sie haben Recht: Partons Bibliothek war eins zu eins Vorbild und Anstoß für die PJ Library des Philanthropen Harold Greenspoon. Der hörte Parton im Radio, hatte einen Heureka-Moment und schuf eine jüdische Version. Als Parton und Greenspoon einander schließlich trafen, sagte sie, dass es ihr eine Ehre sei, ihn dazu inspiriert zu haben. »Das bedeutet mir sehr viel.«
Leider ist die einzigartige, schlagfertige und herzenswarme Entertainerin nicht auf der Bühne inmitten eines Songs gestorben, wie sie es sich gewünscht hatte. Aber nun, wie sie einmal scherzte, spielt sie dann eben Harfe in der »Angel Band«. Von neun bis fünf, wie es sich für Working-Class-Engel gehört.