Mythos

Wie lange Haare ikonografisch wurden - vom biblischen Samson zum norwegischen Haaland

Wird Erling Haaland seine nahezu übermenschlichen Kräfte trotz eines Frisurwechsels behalten? Oder ergeht es ihm wie Samson? Foto: picture alliance, Montage

Ein kraftvoller Schuss, ein markanter Schrei und wild wallendes Haar - Tore des norwegischen Stürmerstars Erling Braut Haaland sind mitunter ein Erlebnis. Spätestens im Zuge der vergangenen Fußball-WM, bei der Haaland mit sieben Treffern auf Platz drei der Torschützenliste landete, wurde die lange blonde Mähne auch weltweit zum Markenzeichen des Ausnahmestürmers. Sie verlieh dem 1,95 Meter großen Hünen etwas Wildes – der Vergleich mit den Wikingern lag aufgrund seiner skandinavischen Herkunft auf der Hand.

Doch nun präsentiert sich der Angreifer vom englischen Vizemeister Manchester City plötzlich ganz anders. Ein vom Spieler am Wochenende im Internet verbreitetes Video zeigt Haaland noch mit langen Haaren auf einem Stuhl sitzend. Dann eine Überblende – und plötzlich sind vom einst wallenden Haupthaar nur noch blonde Stoppel übrig. Das inzwischen über fünf Millionen Mal gelikte Video, unterlegt mit nordisch angehauchter Trommelmusik, hat Haaland zum anstehenden Saisonstart in England gepostet - mit der Unterzeile »Neue Saison, neuer Haarschnitt«.

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Dabei dürften die Ambitionen des Stürmers klar sein. Bereits dreimal wurde er Torschützenkönig der Premier League, so auch in der vergangenen Saison, allerdings am Ende ohne Titelgewinn. Diesen »Fehler« gilt es in der nächsten Saison zu korrigieren. Ob die neue Frisur dabei helfen soll? Wahrscheinlich soll es eine Kampfansage an die Konkurrenz sein. Doch zeigen viele Vorbilder in der Geschichte, dass bei kämpferischen Männern gerade die lange Mähne Ausdruck von Überlegenheit war.

Der biblische Samson

Einer der bekanntesten Fälle vom machtvollen langen Haar findet sich in der Bibel: Samson oder Simson, einst Richter – was damals so viel bedeutete wie Stammesführer – des israelitischen Stammes Dan, war für seine Feinde unbezwingbar. Die Überlieferung im alttestamentlichen Buch der Richter besagt, dass er mit dem Kieferknochen eines Esels tausend Feinde erschlug und mit bloßen Händen einen Löwen tötete.

Der Schlüssel seiner Kraft lag in seinem Haupthaar, das er nie scheren durfte; so hatte es ein Engel seiner Mutter vor der Geburt aufgetragen. Doch Samson verriet das Geheimnis an seine Geliebte Delila, die von seinen Feinden, den Philistern, bestochen worden war. Als er auf ihrem Schoß einschlief, rief sie die Philister herbei, die ihn schoren. So geschwächt konnten sie ihn bezwingen, stachen ihm die Augen aus und sperrten ihn ein. Doch als seine Haare langsam nachwuchsen, soll er sich mit seiner letzten Tat selbst beim Einriss eines Hauses der Philister geopfert - und 3.000 Feinde mit in den Tod gerissen haben.

Das Königsheil der Merowinger

Durch die Geschichtsschreibung etwas besser verbürgt als Samson sind die Merowinger, das erste fränkische Königsgeschlecht nach dem Fall des Weströmischen Reiches. Auch bei ihnen gehörten die langen Haare untrennbar zum Machtapparat. Sie wurden als Teil des Königsheils angesehen, das den Untertanen Glück, gute Ernten und siegreiche Kriege bescheren sollte. Ein Merowingerkönig durfte sich deshalb nie die Haare scheren lassen.

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Schon der mutmaßliche Stammvater der Merowinger, Chlodio (390-450), erhielt vornehmlich in der französischen Geschichtsschreibung den Beinamen »le Chevelu« – der Haarige -, was den Anspruch festlegte. Auch nachdem dessen wichtigster Nachfolger Chlodwig I. (466-511), der Begründer des Frankenreiches, sich katholisch taufen ließ, blieb der Kult der langen Haare unter ihm und seinen merowingischen Nachfolgern bestehen.

Bedauerlicherweise verpassten es die Merowinger aber, Regeln für diese Nachfolge aufzustellen - so besaßen alle männlichen Nachfahren das Königsheil - was letztlich zur Selbstzerfleischung des Geschlechts führte. Mit der Machtübernahme des Karolingers Pippin des Jüngeren 751 endete die Dynastie, und fortan ersetzte die Salbung als Ausdruck des Königsheils die langen Haare - auch wenn langes Haupthaar praktisch das ganze Mittelalter bis in die Neuzeit hindurch die Mode in Herrscherhäusern bleiben sollte. Selbst der Sonnenkönig Ludwig XIV. ist auf allen Gemälden mit langem, lockigen Haar abgebildet, wenn es sich hierbei auch nicht mehr um sein eigenes handelte.

Verlust einer königlichen Aura?

Erst die zunehmende Militarisierung im 19. Jahrhundert sorgte dann schließlich auch in den Herrscherhäusern für einen Siegeszug der Kurzhaarfrisur. Denn im Heer hatte sich bald die Erkenntnis durchgesetzt, dass weniger Haare durchaus praktisch waren, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen.

Dass die Angleichung der Frisur den Anfang vom Ende des machtvollen Königtums in Europa einläutete, ist dabei sicher eine nicht zu haltende These. Fest steht aber, dass ein mythisches Element, das über Jahrhunderte das Erscheinungsbild der Mächtigen geprägt hatte, verloren ging. Nun liegt es an Haaland, zu beweisen, dass er sein Königsheil nicht verloren hat.

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