Der Eurovision Song Contest (ESC) will unpolitisch sein. Deshalb beschließt er neuerdings immer mehr Regeln, die sich um Politik drehen. Es sind Bestimmungen, die zwar allgemein formuliert sind, politisch aber vor allem Israel treffen.
Die European Broadcasting Union (EBU), die den ESC ausrichtet, hat für 2027 festgelegt, dass ein Gewinnerland unter bestimmten Umständen nicht Gastgeber werden darf. Nämlich wenn ein bewaffneter Konflikt, eine geopolitisch heikle Situation oder andere Umstände die Sicherheit und Stabilität des Landes oder seiner unmittelbaren Region beeinträchtigen. Gegebenenfalls soll eine unabhängige Sicherheitsprüfung erfolgen. Die Teilnahme bleibt ausdrücklich unberührt.
Das Problem ist nicht, dass eine solche Sicherheitsregel absurd wäre. Im Gegenteil, natürlich ist es vernünftig, einen internationalen Großanlass nicht in eine akut gefährdete Region zu vergeben. Aber dann muss die Regel wirklich als allgemeine Sicherheitsregel funktionieren – und nicht den Eindruck erwecken, als sei sie nachträglich für einen konkreten Konflikt passend gemacht worden. Das tut sie aber.
Eine Regel kann formal neutral sein und trotzdem politisch nicht neutral wirken. Wie viele Länder gibt es, auf die eine solche Regel künftig tatsächlich angewendet werden könnte? Und warum entsteht sie gerade in einer Phase, in der sich innerhalb der EBU seit Jahren alles um die Frage dreht, ob Israel am ESC teilnehmen darf?
Natürlich ist es vernünftig, einen internationalen Großanlass nicht in eine akut gefährdete Region zu vergeben. Aber dann muss die Regel als allgemeine Sicherheitsregel funktionieren.
Israel war 2026 immerhin Zweiter geworden; der israelische Beitrag von Noam Bettan landete hinter Bulgarien. Hätte Israel gewonnen, hätte sich unmittelbar die Frage aufgedrängt, ob der ESC 2027 überhaupt in Israel hätte stattfinden können.
Hinzu kommt, dass die EBU seit geraumer Zeit versucht, das Abstimmungssystem gegen politische Einflussnahme abzusichern. Bereits für 2026 wurden unter anderem die maximale Zahl der Stimmen pro Zahlungsmethode von 20 auf 10 reduziert, die Jurys in den Halbfinals wieder eingeführt und Regeln gegen unverhältnismäßige, insbesondere staatlich unterstützte Promotion verschärft. Je mehr Regeln die EBU schafft, desto unvermeidlicher wird die Frage, wer eigentlich definiert, was politische Einflussnahme ist – und wann sie beginnt.
Israel darf also weiterhin singen – möglicherweise sogar gewinnen. Nur das Gastgeberland könnte es dann nicht sein. Ein merkwürdiger Zustand für einen Wettbewerb, dessen Sieger traditionell den nächsten Wettbewerb ausrichtet. Und wie viele Regeln braucht ein angeblich unpolitischer Musikwettbewerb, bis man erkennt, dass er längst selbst politisch geworden ist?
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