Wenn man ein Leben gelebt hat wie Stephen Wertheimer, dann ist Sarkasmus ein überaus nützliches Werkzeug. Und so hat der aus Ludwigsburg bei Stuttgart stammende New Yorker sich auch mit 91 Jahren seinen bissigen Humor bewahrt.
»Wir haben es gut hier«, sagt er während eines Zoom-Gesprächs aus Boca Raton in Florida, wo er in einer komfortablen Seniorenwohnanlage lebt. »Wir haben das beste Wetter in den USA und eine der faschistischsten Staatsregierungen.« Zum Glück, fügt er hinzu, sei er als Jude nicht mehr Ziel des Trump-getreuen Gouverneurs Ron De Santis, anders als seine lateinamerikanischen und afroamerikanischen Mitbürger. Ansonsten entgeht ihm jedoch nicht die Ironie: »Mein Leben wird an beiden Enden vom Faschismus markiert.«
Vom Maßnahmenstaat in den Normenstaat
Wertheimer zögert nicht, diesen Begriff für die Regierung von US-Präsident Donald Trump zu benutzen. Die Sache sei für ihn klar. Aus den USA deshalb zu fliehen, so wie seine Eltern mit ihm 1938 nach Amerika geflohen sind, kommt ihm dennoch nicht in den Sinn. Es sei denn, die Dinge kommen viel schlimmer und schwappen, im Vokabular des Staatstheoretikers Ernst Fraenkel, vom Maßnahmenstaat in den Normenstaat hinüber.
Die deutsche Erinnerungskultur hat Stephen Wertheimer beeindruckt.
Bislang beeinträchtigen die Schauerlichkeiten, welche die Trump-Regierung etwa gegenüber Einwanderern begeht, das Leben durchschnittlicher Amerikaner kaum. Dennoch ist Wertheimer froh, dass er schon vor 17 Jahren die ihm zustehende deutsche Staatsbürgerschaft wieder angenommen hat. Nicht so sehr für sich selbst wie für seine Nachkommen. »Ich bin sehr glücklich, dass sie diese Optionen haben.«
An die politische Lage hatte er allerdings nicht gedacht, als ein Arbeitskollege ihm damals von einem Anwalt erzählte, der für deutschstämmige Juden in den USA die Formalitäten einer Wiedereinbürgerung übernehme. Es ging ihm vielmehr darum, dass seine noch jungen Enkel mit einem EU-Pass die Möglichkeit haben, in Europa zu studieren und zu arbeiten – »ein enormer Vorteil«. Ein Vorteil, von dem seine Enkel bereits ausgiebig Gebrauch gemacht haben.
Berührungsängste mit dem modernen Deutschland
Berührungsängste mit dem modernen Deutschland hatte Stephen Wertheimer damals auch nicht. Seine Besuche hätten ihn davon überzeugt, dass die Deutschen sich hinreichend ihrer Vergangenheit gestellt haben, sagt er. Nicht zuletzt in seiner Heimat Ludwigsburg, wo man vor dem Gebäude, das einst die Metallwarenfabrik seines Vaters beheimatete, Stolpersteine verlegte. »Ich war zur Verlegung eingeladen«, sagt Wertheimer in Hochdeutsch, ganz ohne schwäbischen Akzent. Besonders berührt habe ihn dabei, dass eine Schulklasse eingeladen war, damit die Kinder die Geschichte ihres Ortes kennenlernen.
Die deutsche Erinnerungskultur habe ihn beeindruckt, vor allem, weil es in den USA so wenig davon gibt. Lange wurden die dunklen Seiten der amerikanischen Geschichte unter den Teppich gekehrt, und nun führt die Regierung einen regelrechten Krieg gegen diejenigen, die eine komplexere Geschichte der Vereinigten Staaten erzählen wollen als die Lehrbuchstory eines glorreichen Aufstiegs zur großartigsten Nation der Erde.
In einem Artikel in der Zeitschrift »The Atlantic« über deutsche Erinnerungskultur, den Wertheimer sehr schätzt, schreibt der Autor, dass die ganze Stadt New Orleans mit Stolpersteinen gepflastert sein müsste, würde man dort jedes verschleppten Afroamerikaners gedenken.
Lisa Wertheimer Wells ist deutlich weniger gelassen als ihr Vater. Nicht nur, weil sie wesentlich jünger ist, sondern vor allem ihrer Kinder und Enkel wegen. Die politische Lage unter Trump und die Zukunft der USA lasten schwer auf ihr. So schwer, dass sie und ihr Mann immer peinlich darauf achten, ihre deutschen Dokumente auf dem Laufenden zu halten. »Wenn es nötig wird, wollen wir bereit sein.«
Natürlich können auch die Wertheimer Wells nicht genau benennen, wann die Grenze überschritten ist, wann genau der Zeitpunkt gekommen ist, an dem sie es in den USA nicht mehr aushalten und ausgerechnet in dem Land Zuflucht suchen werden, das einst ihre Eltern und Großeltern vertrieben hat. Sicher ist jedoch, dass die Familienerfahrung, Verfolgte eines totalitären Regimes gewesen zu sein, sie sensibilisiert hat – deutlich mehr als viele ihrer amerikanischen Mitbürger. Die Bedenken über das langsame Aushöhlen des Rechtsstaates und die Entrechtung ganzer Bevölkerungsgruppen sind in der Familie Wertheimer stark ausgeprägt.
Flammender Aufruf für den Widerstand gegen Donald Trump
So stand die Cousine von Stephen Wertheimer, Ann Wertheimer, am 5. April dieses Jahres vor der US-Botschaft in Berlin, direkt gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und trug einen flammenden Aufruf für den Widerstand gegen Donald Trump vor. Wertheimer zitierte den Historiker Timothy Snyder, der vor dem vorauseilenden Gehorsam warnt, der derzeit bei zahlreichen amerikanischen Institutionen zu beobachten ist, und schloss mit der Mahnung, dass jeder den Mut finden müsse, für demokratische Werte zu kämpfen.
Ann Wertheimer hat ihre deutsche Staatsbürgerschaft bereits vor mehr als 50 Jahren wieder in Anspruch genommen. Sie arbeitete damals als Lehrerin in Washington, D.C. und wollte ein Auslandsjahr einlegen. Eigentlich hatte sie Neuseeland oder Irland im Sinn, doch als die Fulbright-Kommission auf ihrer Bewerbung sah, dass sie Deutsch spricht, schickte man Ann nach Berlin.
Das Deutsch hatte sie, wie ihr Cousin Stephen, im Elternhaus gelernt, »ein simples, kindliches Deutsch«, wie sie heute in geschliffenem Hochdeutsch sagt. Beide Familien waren nach der Flucht in einer ländlichen Kleinstadt in New Jersey gelandet, wo sie, wie viele deutsch-jüdische Familien, mit einem Kredit der Jewish Agricultural Society einen Landwirtschaftsbetrieb aufbauten.
»Ich bin Amerikanerin, Deutsche, Jüdin, Berlinerin, all das wahrscheinlich.«
Ann Wertheimer
Für Ann, die 1944 dort geboren wurde, war es eine idyllische Kindheit. Was in Europa mit den Juden passierte, erfuhr sie von ihren Eltern nur nach und nach, »immer dem Alter angemessen«. Am deutlichsten erinnert sie sich an die Geschichte eines Onkels, der Theresienstadt überlebt hatte und sich nach dem Krieg in Holland ansiedelte. Ein Sohn dieses Onkels hatte auf der Flucht in Frankreich seine Tochter in ein Kloster gegeben. Er wurde von den Nazis ermordet, doch das Mädchen überlebte. Sie wohnt heute noch in Frankreich und steht mit Ann in engem Kontakt.
Ann fühlte sich im Berlin der 70er-Jahre wohl. »Es war frei, es war billig, ich hatte ein gutes Leben.« An deutsche Kollektivschuld habe sie selbst nie geglaubt – »so wurden wir nicht erzogen. Unsere Eltern hatten immer Kontakt zu deutschen Freunden gehalten«. Sie blieb in Berlin und lernte hier ihren Mann kennen, einen jungen Bildhauer und Restaurator, der lange am Charlottenburger Schloss gearbeitet hat. Sie zogen in die Onkel-Tom-Siedlung in Zehlendorf, wo die verwitwete Ann bis heute lebt. Die Frage nach ihrer Identität beantwortet sie heute nur widerwillig: »Ach was weiß ich«, sagt sie. »Ich bin Amerikanerin, Deutsche, Jüdin, Berlinerin, all das wahrscheinlich.« Wirklich wichtig ist ihr ein Stempel nicht. Am meisten könne sie noch mit der Bezeichnung Berlinerin anfangen, sagt sie.
Widerstand gegen eine verfehlte, gefährliche Politik der US-Regierung
Und doch spürte sie den Drang, etwas zu tun, als sie das Gefühl hatte, dass in ihrem Geburtsland die Dinge politisch aus dem Ruder liefen. Vor rund 20 Jahren, mitten im Irak-Krieg, gründete sie die Gruppe »American Voices Abroad«. Man versammelte sich, um zu diskutieren, was man aus der Ferne tun könne, um gegen eine verfehlte, gefährliche Politik der US-Regierung Widerstand zu leisten.
Gleichzeitig wollte man der deutschen Öffentlichkeit ein amerikanisches Gesicht zeigen, das dem Klischee des hässlichen Amis widerspricht, zeigen, dass es liberale weltoffene Amerikaner gibt, die dem politischen Rechtsruck in den USA die Stirn bieten. Ann ist bis heute Vorsitzende der Gruppe, auch wenn sie sich wünscht, dass Jüngere das Ruder übernehmen. Doch solange sie in den USA Freiheit und Demokratie in Gefahr sieht, kann sie nicht stillhalten. Dass der Faschismus am Anfang und am Ende ihres Lebens stehen soll, will sie nicht akzeptieren.