Die Video-Bloggerin Léna Mahfouf, in Frankreich weithin unter ihrem Künstlernamen Léna Situations bekannt, postet seit einigen Jahren im Monat August jeden Tag einen Beitrag, die »Vlogs d’août«, in dem sie die Zuschauer an ihrem Alltag im Sommer teilhaben lässt. Mehr als 3,2 Millionen Menschen folgen ihr allein auf YouTube.
Vor zwei Wochen veröffentlichte Mahfouf einen Video-Clip, im dem sie gemeinsam mit Gisèle Journo zu sehen ist. Er entstand bei einem Treffen von Influencern auf der Ferieninsel Ile de Ré vor La Rochelle. Die gerade einmal 20 Jahre alte Journo, die jüdisch ist, betreibt in der Hauptstadt eine recht erfolgreiche Content-Agentur namens »Gisèle Paris«, zu deren Kunden führende französische Influencer gehören.
Lena Situations‘ Video wiederum rief Rima Hassan auf den Plan. Die ist im Hauptberuf Europaabgeordnete der linkspopulistischen Bewegung »Unbeugsames Frankreich« (LFI). Hassans zentrales politisches Anliegen ist aber der Kampf der Palästinenser gegen Israel.
Sie warf Journo vor, eine eingefleischte »Zionistin« zu sein, weil sie in der Vergangenheit auf ihrem privaten TikTok-Account Inhalte der israelischen Armee geteilt habe. So sind auf einem Video israelische Soldaten zu sehen, die an einem Strand mit der Aufschrift »ein Volk von Superhelden« marschieren. Hassan forderte als Konsequenz einen Boykott von »Gisèle Paris«, was schnell eine öffentliche Debatte auslöste.
Journos Agentur reagierte zunächst eher konziliant. In einem Statement räumte Gisèle Paris ein, dass die von ihrer Gründerin 2024 und 2025 geteilten Beiträge »in einem so schmerzhaften Kontext Anstoß erregen« könnten. Man habe aber nie den Tod palästinensischer Zivilisten gutgeheißen, so die Erklärung weiter. »Angesichts einer so schwerwiegenden Anschuldigung erscheint es uns wichtig, dies klar und unmissverständlich zu sagen.«

Die Agentur prangerte zudem Drohungen und antisemitische Hassbotschaften gegenüber Mitarbeitern an. So sollen unter anderem Botschaften wie »Sterbt, ihr Zionisten« und »Ab unter die Dusche, ihr widerwärtigen Insekten« eingegangen sein.
Auch die Justiz befasst sich bereits mit Hassans Boykottaufruf und dessen Folgen. Die Staatsanwaltschaft Paris bestätigte am Donnerstag die Einleitung einer Ermittlung wegen antisemitisch motivierten Cybermobbings sowie wegen Morddrohungen gegen Gisèle Journo.
Doch viele Influencer verweigerten Journo die Unterstützung. So auch Lena Situations, die den Instagram-Beitrag von Hassan mit einem »Gefällt mir« bedachte und Gisèle Journo in den sozialen Netzwerken entfolgte, sich aber ansonsten nicht öffentlich äußerte.
Andere Influencer gingen sogar so weit, Bilder von Gisèle Journo beim Treffen auf der Ile de Ré aus ihrem Vlog zu löschen oder ihr Gesicht zu verpixeln. Der YouTuber Sparkdise (460.000 Follower) äußerte sich auf seinem Instagram-Kanal wie folgt: »Fick dich Gisèle, fickt euch alle, ihr Zionisten, die ihr mir folgt, ich stand euch nie auch nur im Entferntesten nahe.«
Die Abgeordnete in der Nationalversammlung Caroline Yadan zeigte sich entsetzt über den Mangel an Empathie mit Journo. »Wenn man ein Publikum von fast fünf Millionen Menschen hat, sind solche Gesten nicht harmlos. Einfluss verschafft erhebliche Sichtbarkeit. Er bringt auch Verantwortung mit sich«, betonte Yadan in einem Brief an bekannte Markenunternehmen wie Adidas, Dior und Tommy Hilfiger, die mit Lena Situations und anderen Influencern zusammenarbeiten.
Sie forderte die Unternehmen auf, ihre Zusammenarbeit mit Personen zu überprüfen, die andere «wegen ihres jüdischen Glaubens ins Visier nehmen» oder öffentlich ausgegrenzten. «Man kann nicht Werte der Inklusion einfordern und gleichzeitig wegschauen, wenn der Antisemitismus zuschlägt», so Yadan in ihrem Schreiben, das sie auf X veröffentlichte.