Am 7. Oktober 2023 hätte Nahal Oz sein 70-jähriges Bestehen feiern sollen. Stattdessen fielen rund 180 Terroristen in den Kibbuz an Israels Grenze zum Gazastreifen ein und rissen eine blutige Lücke in seine Gemeinschaft. 15 Mitglieder wurden ermordet, von acht Entführten kamen nur sechs lebend zurück.
Drei Jahre später sind die meisten sichtbaren Schäden beseitigt, mehr als drei Viertel der Überlebenden zurückgekehrt. Der Geist des Kibbuz ist ungebrochen, sagen sie, aber die Wunden und das Trauma bleiben.
Die Tätowierung auf dem Arm von Dani Rachamim ist frisch: eine Sonnenblume, in ihren Stängel das Datum des mörderischen Angriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023 eingearbeitet. Darüber steht auf Hebräisch ein Bekenntnis zur Hoffnung. »Die Sonnenblume dreht sich immer zur Sonne, zum Licht«, sagt der Sprecher des Kibbuz. Auch sie ist für ihn ein Zeichen der Zuversicht, die den Geist der Kibbuzgemeinschaft ausmache.
»Wir geben nicht auf«
»Auch wenn es schwierig ist: Wir geben nicht auf«, sagt Tami Halevi. Die 88-Jährige gehört zu den Pionieren, die den Kibbuz Anfang der 1950er Jahre aufbauten. »Wenn man an einen Ort wie diesen kommt, dann weiß man: Wir sind der Schutzwall Israels.«
Im Vergleich zu benachbarten Kibbuzim war das Ausmaß der Zerstörung durch die Hamas-Terroristen in Nahal Oz nach Worten von Rachamim geringer - dank Soldaten vor Ort, die es direkt mit den Terroristen aus dem Gazastreifen aufgenommen hatten: »Damit waren die Terroristen mit Kämpfen beschäftigt und hatten keine Zeit, Häuser abzubrennen wie in Kfar Azza oder Beeri.«
Die Kampfspuren an den Wohnhäusern der Kibbuzmitglieder sind inzwischen repariert, Arbeiten an gemeinschaftlich genutzten Räumen sind weit fortgeschritten.
Rückkehr fühlt sich richtig an
»Die Seele fühlt sich in Nahal Oz einfach am ruhigsten«, sagt Hadar Schomen. Die jüngsten ihrer sechs Kinder toben über den Spielplatz. Die Rückkehr in den Kibbuz vor einem Jahr, auf die vor allem die Kinder gedrängt hätten, fühle sich richtig an. Nahal Oz sei Zuhause, auch wenn sich der Kibbuz verändert habe: »Manchmal sind wir heute enger verbunden, manchmal ist es das Gegenteil.«
Der Kibbuz, sagt Hadar, ist nach dem 7. Oktober 2023 in Bewegung und sucht nach seiner Zukunftsgestaltung. »Aber alle, die wiedergekommen sind, sagen, dass es gut ist, und allen liegt daran, dass es uns als Gemeinschaft besser geht.«
Täglich Gedenkfeiern
Insgesamt sei die Stimmung in Nahal Oz inzwischen deutlich besser. Kurz vor dem dritten Jahrestag des schwarzen Schabbats aber sei die Last spürbar. »Das Laubhüttenfest Sukkot ist schwer für uns, weil es uns an den 7. Oktober erinnert«, sagt Tami Halevi. Am Vortag sei sie bei einer Gedenkfeier für die ermordeten Kinder einer Freundin gewesen: »In den nächsten Wochen warten täglich Gedenkfeiern auf uns, der Oktober wird für viele Jahre ein harter Monat für uns sein.«
»Wir erheben uns, wir bauen, wir versuchen, ein Gemeinschaftsleben wie vor dem 7. Oktober zu führen, auch wenn es nie wieder so sein wird«, beschreibt es Dani Rachamim: »Gestern hat uns eine christliche Gemeinschaft aus dem Norden besucht. Wir haben zusammengesessen und auch getanzt. Nur hatte ich vor dem 7. Oktober eine Partnerin zum Tanzen.« Auch in den freudigen Momenten im Kibbuz ist der Verlust präsent. »Sie sind immer in unseren Herzen, ich kann und will sie nicht vergessen«, so der 72-Jährige.
Verloren gegangen ist am 7. Oktober ihr Vertrauen in Staat und Armee. »Früher haben wir uns hundertprozentig auf die Armee verlassen. Mein Haus stand immer offen«, so Tami Halevi: »Es werde nichts passieren, haben sie uns gesagt, und auf den meterhohen Zaun zu Gaza verwiesen.«
Die Angst ist noch da
Die Rückkehr in den Kibbuz vor anderthalb Monaten sei ihr schwergefallen. Wie viele fühle sie sich nicht sicher, prüfe immer wieder, ob auch alles abgeschlossen ist. Es werde Zeit brauchen, bis das Vertrauen wieder aufgebaut sei, glaubt auch Dani Rachamim: »Unsere neue Aufgabe ist es, konstant zu prüfen, ob die Armee uns auch wirklich schützt.«
Immer wieder deutet der Kibbuzsprecher auf sein frisches Tattoo mit der ermutigenden Botschaft. »Ich muss die Hoffnung am Leben erhalten, dass diese fürchterliche Situation sich eines Tages zum Guten wendet. Dafür arbeite ich.« Seit seinen Armeezeiten sei er ein Friedensaktivist, nach dem 7. Oktober erst recht.
Es seien die Menschen, die den Wandel brächten, wofür die Geschichte der beste Beweis sei: »Die Nazis haben sechs Millionen Juden getötet, und heute ist Deutschland Israels bester Freund in Europa. Die Realität ist dynamisch.«
Es sei ein Fehler, dass die Oppositionsparteien ein Zusammengehen mit den arabisch-israelischen Parteien im Wahlkampf ausgeschlossen haben. Führungskräfte müssten führen und sollten sich nicht nach momentanen Meinungen richten, so Rachamim. Trotzdem richtet er seine Hoffnung auf die bevorstehenden Parlamentswahlen am 27. Oktober: »Ich hoffe und ich glaube, dass es zu einem Wandel kommt.«