Seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 ist insbesondere für die Juden weltweit nichts wie zuvor. Fast gleichzeitig eröffnete damals ihre größte Dachorganisation, der Jüdische Weltkongress, am Vatikan ein Verbindungsbüro. Dessen Leiter Viktor Eichner spricht im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) über Ursachen und Folgen des Massakers, die politische Situation in Deutschland und sein Verhältnis zum Vatikan.
Herr Eichner, was hat sich für die jüdische Gemeinschaft seit dem 7. Oktober 2023 verändert?
Unsere gesamte Realität steht seither völlig Kopf. Es war das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust. Die Gräueltaten an Frauen und Kindern, die Entführungen und die Bestialität der Morde werden dem jüdischen Volk noch über Jahrhunderte hinweg im Gedächtnis bleiben.
Inzwischen wurde der Leichnam der letzten der 251 Geiseln aus dem Gazastreifen zurückgebracht. Doch es ist uns wichtig, dieses Massaker zu verurteilen, den gesamten Kontext zu betrachten und zugleich einen Weg in die Zukunft zu finden. Wenn man über den Gazastreifen spricht, muss man den Feind beim Namen nennen – die Hamas sowie andere islamistische und radikale Organisationen, die ein vorrangiges Ziel verfolgen: Juden auf der ganzen Welt zu töten.
Es besteht kein Zweifel daran, dass das, was dem jüdischen Volk am 7. Oktober angetan wurde, entsetzlich ist. Doch was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Reaktion Israels sei unverhältnismäßig gewesen?
Als Jüdischer Weltkongress sind wir – ebenso wie die jüdischen Gemeinden weltweit – tief betroffen von dem Leid im Nahen Osten, sowohl in Israel als auch im Gazastreifen. Unser Präsident, Ronald Lauder, hat die rechtsextremen Äußerungen bestimmter Minister der aktuellen israelischen Regierung verurteilt; diese hatten in Fragen wie der Behandlung palästinensischer Gefangener und der Zukunft des Gazastreifens eine Grenze überschritten. Zugleich muss man anerkennen, dass die Hamas Zivilisten als menschliche Schutzschilde gegen die Reaktion Israels eingesetzt hat und die Verantwortung für all dieses Leid trägt.
Für Ihre Arbeit sind der Vatikan und der Papst die wichtigsten Ansprechpartner. Wie war Franziskus’ Beziehung zum Judentum?
Er hatte viele jüdische Freunde und zahlreiche Begegnungen mit jüdischen Gemeinden. Andererseits hatte er seine Schwierigkeiten mit dem Nahost-Konflikt. Franziskus betrachtete viele anti-israelische Aussagen nicht als antisemitisch, obwohl diese oft als Deckmantel benutzt werden, um Juden anzugreifen.
Und Papst Leo XIV.?
Das ist schwer zu sagen, weil wir ihn noch kaum kennen. Abgesehen von der Audienz direkt nach seiner Amtseinführung für alle Religionen gab es keine größere Begegnung mit jüdischen Gemeinden. Wir haben vor über einem Jahr eine Anfrage gestellt, aber noch immer keine Antwort. Wir vermuten, dass es mit dem Krieg im Nahen Osten zusammenhängt, was sehr bedauerlich ist.
Woran machen Sie das fest?
An dem kürzlich vom Vatikan veröffentlichten Dokument »Der Weg der Hoffnung«. Unter anderem wird darin Antisemitismus verurteilt, was wir sehr begrüßen. Aber der Name Israel kommt kein einziges Mal vor - andere Länder schon. In Israel lebt nun mal die Hälfte aller Juden. Es gibt ein religiöses, aber auch ein nationales Verständnis des Judentums, das mit dem Staat Israel verbunden ist. Offenbar besteht im jüdisch-katholischen Dialog hier eine Lücke, die jetzt sichtbar wird.
Vor kurzem protestierten rund 150 Priester und Ordensleute in Rom gegen einen – wie sie es nannten – »Völkermord« Israels in Gaza. Dabei zeigten sie die Namen von 300 getöteten palästinensischen Kindern. Wie sehen Sie das?
Ich verstehe, dass sich Menschen mit solchen Protesten auf die Seite der Leidenden stellen wollen. Aber ich habe nie einen Protest beispielsweise gegen den Krieg in Syrien gesehen, bei dem 400.000 Menschen gestorben sind. An getötete palästinensische Kinder zu erinnern ist wichtig. Aber warum kann man nicht auch die jüdischen Kinder nennen, die von der Hamas umgebracht wurden? Diese selektive Empathie ist ein Grundproblem der letzten drei Jahre, vielfach basierend auf Unwissenheit.
Das Thema strahlt bis in die Popkultur, wie der Ausschluss des Rappers Macklemore von einem Ed Sheeran-Konzert zeigte.
Ja, die Veranstalter fürchteten, dass Macklemore die Bühne erneut für pro-palästinensische Äußerungen nutzen könnte. Aber es ging auch um frühere Auftritte, bei denen er sich als religiöser Jude verkleidete und einige sehr fragwürdige Aussagen über Juden machte. Ed Sheeran sagte, er wolle keine Partei ergreifen, sondern einfach Musik machen und sich nicht einmischen. Nicht viel mehr. Für viele war das unbefriedigend, auf beiden Seiten.
Ein Blick nach Deutschland: Kürzlich haben die AfD in Sachsen-Anhalt und die Linke in Berlin gewonnen, mit teils extremen oder sogar antisemitischen Ansichten. Für Sie überraschend?
Nein, das zeichnete sich seit Jahren ab. Die AfD ist nicht deshalb gefährlich, weil bei manchen Kommunalwahlen tatsächlich Nazis auf den Listen stehen und sie teils eine antisemitische Sprache verwendet, sondern weil sie Deutschlands Demokratie schwächt. Juden sind nirgends so sicher wie in einer demokratischen, liberalen Gesellschaft. Und wenn diese Gesellschaft bedroht ist, ist das auch eine Bedrohung für jüdisches Leben.
Wie blicken Sie auf Berlin, wo die Linkspartei gewonnen hat?
Die Linke positioniert sich anti-israelisch und pro-palästinensisch und nutzt damit die Hintergründe gerade von Wählern mit Migrationshintergrund, die mit diesen anti-israelischen Aussagen leicht angesprochen werden können, die allzuoft antisemititisch werden.
Grenzt es nicht an Rassismus, wenn man Migranten in einem so grundsätzlichen Sinne kritisiert?
Sämtliche Strömungen – etwa der radikale Islamismus, aber auch die radikale Rechte und die radikale Linke – stellen eine Bedrohung für die liberale Gesellschaft dar. Zudem muss anerkannt werden, dass unter Menschen mit Migrationshintergrund aus dem Nahen Osten die Tendenz besteht, Juden als Feinde zu betrachten, und dass die Mehrheit der antisemitischen Angriffe von Personen mit Migrationshintergrund verübt wird.
Dabei war die deutsche jüdische Gemeinde mehrheitlich sehr empathisch gegenüber den Migranten aus Nahost ab 2015. Aber die Integration und das Verständnis für liberale Werte der deutschen Gesellschaft haben bei vielen nicht gut funktioniert, und die ersten Opfer sind normalerweise die Juden. Wir müssen also eine Sprache finden, um das zu formulieren, und Partner, um gemeinsame Lösungen zu finden.
Wie denn zum Beispiel?
Zum Beispiel sitzt in Frankfurt ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde im Vorstand der kurdisch-deutschen Gemeinde. Die Kurden sind mit rund 40 Millionen zahlenmäßig das größte staatenlose beziehungsweise vertriebene Volk der Welt. Es gibt gemeinsame Interessen zwischen Juden und Kurden in Deutschland, deshalb ist diese Zusammenarbeit sinnvoll.
Wie funktioniert es auf höherer Ebene?
Mit dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, hat das sehr gut geklappt. Inzwischen leitet er die Ständige Vertretung der Bundesrepublik bei der OECD, aber es wird einen Nachfolger geben, wie wir hörten. Und mit Papst Leo XIV. wünschen wir uns sehr bald ein Treffen, denn wir möchten ein neues Kapitel der jüdisch-katholischen Beziehungen aufschlagen.