Die ehemalige Hamas-Geisel Eli Sharabi hat den UN-Menschenrechtsrat (UNHRC) aufgefordert, die Behandlung der in den Gazastreifen verschleppten Geiseln als Folter anzuerkennen und strafrechtliche Ermittlungen gegen die Verantwortlichen zu verlangen. In einer aufgezeichneten Ansprache schilderte Sharabi seine 491 Tage in Gefangenschaft und die Bedingungen, unter denen er festgehalten wurde.
»Herr Präsident, mein Name ist Eli Sharabi. Ich bin ein Überlebender von Folter«, sagte Sharabi einem Bericht der »Jerusalem Post« zufolge in der am Donnerstag ausgestrahlten Rede. »491 Tage lang wurde ich unter der Erde festgehalten, angekettet, ausgehungert, geschlagen und gedemütigt.«
Sharabi war während des Hamas-geführten Massakers vom 7. Oktober 2023 aus seinem Haus im Kibbuz Be’eri verschleppt worden. Seine Ehefrau Lianne und die gemeinsamen Töchter Noiya und Yahel wurden bei dem Angriff ermordet. Auch Sharabis Bruder Yossi wurde als Geisel genommen und später in der Gefangenschaft getötet. Erst nach seiner Freilassung erfuhr Sharabi vom Tod seiner Angehörigen.
Psychische Misshandlungen
Im Februar 2025 kam Sharabi frei. Er erklärte, während seiner Gefangenschaft absichtlich nicht ausreichend mit Nahrung versorgt worden zu sein.
Sharabis vorab aufgezeichnete Erklärung wurde während der 63. regulären Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf abgespielt. Die Rede erfolgte im Rahmen der allgemeinen Debatte zu Tagesordnungspunkt 9, der sich unter anderem mit Rassismus, rassistischer Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit verbundenen Formen der Intoleranz befasst.
In seiner Ansprache bezog sich Sharabi auf einen im September veröffentlichten Bericht des Jerusalem Institute of Justice mit dem Titel »Kidnapped: Hostage-Taking as a Form of Torture« (»Verschleppt: Geiselnahmen als Art der Folter«). Darin wird argumentiert, dass die Behandlung der Geiseln - darunter Hunger, Isolation, körperliche Gewalt, Drohungen und psychische Misshandlungen - nach internationalem Recht als Folter einzustufen sei.
Akute Unterernährung
Nach Angaben des Instituts wurden für die Untersuchung 6971 einzelne Daten erfasst und Profile von 251 Geiseln ausgewertet. Als Quellen dienten unter anderem staatliche Unterlagen, Medienberichte, öffentlich zugängliche Zeugenaussagen, Material der Vereinten Nationen sowie 23 vertrauliche Gespräche mit Überlebenden und Ersthelfern.
Dem Bericht zufolge zeigten mindestens 78 freigelassene Geiseln Anzeichen von Hunger, akuter Unterernährung oder massivem Muskelschwund. Zudem seien 68 Prozent der Geiseln, die länger als 200 Tage festgehalten wurden, zur Mitwirkung an Propagandavideos gezwungen worden.
»Das Jerusalem Institute of Justice hat die absichtliche Aushungerung von mehr als 78 Geiseln dokumentiert«, sagte Sharabi laut »Jerusalem Post«. »Ich kehrte mit einem Gewicht von nur 44 Kilogramm zurück.«
Anerkennung als Folteropfer
Sharabi verwies außerdem auf die Arbeit der Organisation »October 7 – Justice Without Borders«, die von der Völkerstrafrechtlerin Yael Vias Gvirsman gegründet wurde. Nach seinen Angaben hat die Organisation Fälle körperlicher und psychischer Folter dokumentiert, die 255 Geiseln und deren Angehörige betroffen hätten.
»October 7 – Justice Without Borders« vertritt Opfer des Massakers vom 7. Oktober juristisch und hat Verfahren in Israel sowie in mehreren anderen Ländern angestrengt.
Das Jerusalem Institute of Justice fordert internationale und nationale Behörden auf, die Verschleppung von Geiseln und die damit verbundenen Misshandlungen als mögliche Folter, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu untersuchen. Für ehemalige Geiseln und ihre Familien verlangt der Bericht zudem eine Anerkennung als Folteropfer sowie Ansprüche auf Rehabilitation, Entschädigung und weitere Formen der Wiedergutmachung.
Strafrechtliche Verfolgung
»Die Entführung von Säuglingen, älteren Menschen und ganzen Familien aus ihren Häusern sowie die systematische Folter und Misshandlung stellen einen schweren Angriff auf die grundlegenden Werte der Menschlichkeit dar«, sagte Uri Morad, Direktor für internationales Recht und öffentliche Diplomatie des Instituts, dem israelischen Zeitungsbericht zufolge.
Der Bericht plädiert außerdem für eine umfassendere internationale Reaktion. Dazu gehörten nach Auffassung des Instituts Änderungen des internationalen Rechts und die Anwendung des Prinzips der universellen Gerichtsbarkeit, damit Verantwortliche unabhängig von ihrem Aufenthaltsort strafrechtlich verfolgt werden könnten.
Der UNHRC hat seit seiner Gründung im Jahr 2006 insgesamt 112 Resolutionen gegen Israel verabschiedet und 76 gegen alle anderen Staaten auf der Welt. im