»Wir haben noch nicht zu 100 Prozent entschieden, wie wir vorgehen werden«, sagt Irlands Nationaltrainer Heimir Hallgrímsson wenige Tage vor dem nächsten Nations-League-Spiel gegen Israel. Wie er vorgehen möchte? Man möchte annehmen, ihm sei ein Unrecht geschehen und er behalte sich vor, wie er darauf reagieren will. Das Gegenteil ist der Fall. Seine Mannschaft hat jede Regel des Anstands gebrochen und den Begriff »Unsportlichkeit« mit neuer Bedeutung gefüllt.
Beim Nations-League-Spiel am 27. September im ungarischen Debrecen gegen Israel hatten die irischen Spieler auf den üblichen Handschlag verzichtet, keinen Wimpel ausgetauscht und während der israelischen Nationalhymne demonstrativ die Köpfe gesenkt. Torhüter Gavin Bazunu war aus politischen Gründen gar nicht erst mit angetreten. Innerhalb der Mannschaft wurde darüber abgestimmt, ob man überhaupt gegen Israel spielen solle. Eine Mehrheit entschied sich schließlich dafür.
Schon in den Wochen zuvor hatte sich die Debatte immer weiter zugespitzt. Eine von »Irish Sport for Palestine« organisierte Petition unter dem Titel »Stop The Game« gewann zunehmend Unterstützung. Vor der Partie erklärte David Courell, Geschäftsführer des irischen Fußballverbandes FAI, die Spieler wollten schwarze Armbinden »als Anerkennung für alle im Konflikt getöteten Menschen« tragen. Zuvor hatte die Mannschaft stundenlang darüber beraten und schließlich darüber abgestimmt, ob sie überhaupt gegen Israel antreten sollte. Eine »deutliche Mehrheit«, so Courell, sprach sich dafür aus, das Spiel stattfinden zu lassen. Zugleich kündigte Courell ausdrücklich an: »Außerdem wird es Elemente der Zeremonie vor dem Anpfiff geben, an denen die Republik Irland nicht teilnehmen wird.«
Ein Nationalverband kündigt also vor einem regulären UEFA-Spiel an, an Teilen der Zeremonie demonstrativ nicht teilzunehmen – und verkauft das selbstbewusst als legitime politische Botschaft.
Eine öffentliche Reaktion der UEFA gab es nicht. Der israelische Fußballverband reagierte bemerkenswert zurückhaltend. Er lobte den irischen Verband und die Mannschaft dafür, dass sie überhaupt antraten, und erklärte: »Der Fußball hat gewonnen.« Hier allerdings irrte der israelische Fußballverband ganz gewaltig. Der Fußball hatte keineswegs gewonnen. Gewonnen hat die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes. Dass am Ende auch noch die irische Nationalmannschaft 3:0 gewann, spielt dann schon gar keine Rolle mehr.
Wenn der europäische Fußball seine eigenen Regeln nicht mehr verteidigt, sobald Israel betroffen ist, verliert er jede Glaubwürdigkeit.
Nach diesem schändlichen Auftritt hätte sich vielleicht das Ruder noch herumreißen lassen: eine Entschuldigung des Nationaltrainers, ein Rücktritt am besten, die Bitte um Wiederholung des Spiels und Aberkennung des Sieges – all das wäre angemessen gewesen. Stattdessen folgte die unglaubliche Dreistigkeit, nun zu erklären, die Iren hätten »noch nicht zu 100 Prozent entschieden« , wie sie »vorgehen werden«. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, sagte Hallgrímsson auch noch: »Alles, was ich sagen kann, ist, dass wir uns erstens alle unwohl fühlen. Zweitens haben wir unterschiedliche Meinungen, und wir sollten den Menschen erlauben, unterschiedliche Meinungen zu haben.«
Unterschiedliche Meinungen gibt es überall. Es ist unwahrscheinlich, dass bei einem Spiel, an dem 22 Menschen teilnehmen, alle die gleiche Meinung haben. Aber wie kommen die irischen Spieler dazu, aus ihren Meinungen abzuleiten, ob und wie sie einen israelischen Fußballspieler in einem offiziellen Länderspiel als sportlichen Gegner behandeln? Das ist unfassbar. Und die UEFA lässt es geschehen. Vielleicht fühlt sie sich auch »unwohl«?
Internationaler Sport funktioniert nur unter einer Voraussetzung: Wer antritt, erkennt den anderen als sportlichen Gegner an. Dort entscheidet nicht die vermeintlich richtige politische Gesinnung oder die angeblich moralisch höherwertige »Meinung« darüber, wem man die Hand reicht.
Bei der UEFA weiß man das sehr genau. Ihre Wettbewerbe sind nicht umsonst bis ins Kleinste reguliert. Verbände tragen Verantwortung für Spieler und Offizielle. Es gibt Regeln gegen Gewalt, Rassismus und Diskriminierung. Wer ein Spiel verweigert, muss mit sportlichen und disziplinarischen Konsequenzen rechnen.
Nur wenn israelische Spieler demonstrativ ausgegrenzt, respektlos behandelt und massiv diskriminiert werden, scheint plötzlich erstaunlich viel möglich zu sein. Es ist die UEFA, die mit ihrem Schweigen das Verhalten der irischen Spieler noch nachträglich rechtfertigt: Diskriminierung, Antisemitismus, Ausgrenzung und Verächtlichmachung – alles irgendwie ein bisschen verständlich, wenn es nur gegen Israel geht.
Nun ist diese moralische Hybris der irischen Sportler nicht im Vakuum entstanden. Kaum ein europäisches Land hat seine Politik gegenüber Israel derart stark aufgeladen. Die Lage der Palästinenser wird dort gern entlang der eigenen verklärten Unabhängigkeitsgeschichte erzählt: die Palästinenser als Opfer, Israel als Täter. Als Irland 2024 Palästina als Staat anerkannte, sagte Regierungschef Simon Harris: »From our history, we know what it means.«
Die irische Regierung verfolgt gegenüber Israel einen ungewöhnlich konfrontativen Kurs. Im Mai 2026 billigte sie den Entwurf eines Gesetzes, das die Einfuhr von Waren aus israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten verbieten soll. Zugleich forderte Irland wiederholt, das EU-Israel-Assoziierungsabkommen auszusetzen. Es ist dieser Kontext, in dem die Anmaßung des FAI zu verorten ist.
Nun soll am Sonntag das Rückspiel folgen. Allerdings nicht in Dublin. Der FAI beschloss, sein eigenes Heimspiel auf neutralen Boden nach Bačka Topola in Serbien zu verlegen und hinter verschlossenen Türen auszutragen. Die UEFA genehmigte diese Entscheidung. Als Grund nannte die FAI »operational challenges«, die eine Austragung in Irland beeinträchtigen könnten.
Operational Challenges? Ja, die scheint es bei der UEFA tatsächlich zu geben. Denn die UEFA ist der Dachverband des europäischen Fußballs. Zu dessen eigenen Zielen gehört ausdrücklich, Fußball im Geist von Einheit, Solidarität, Frieden, Verständnis und Fair Play »without any discrimination« zu fördern.
Ein Verband, dessen Grundsätze nur so lange gelten, wie sie dem politischen Zeitgeist nicht widersprechen, der ist am Ende. Und die Nations League, die ist tot.
Die Autorin ist Reporterin und stellvertretende Politikchefin bei WELT TV.