Eigentlich hatte ich mir die Zukunft anders vorgestellt. Ich bin im Bewusstsein aufgewachsen, dass meine Vorfahren für den Völkermord an den europäischen Juden verantwortlich sind. Ich bin in der Gewissheit und mit dem Versprechen aufgewachsen, dass Menschen jüdischen Glaubens in Berlin und in Deutschland im Allgemeinen nie wieder Verachtung, Hass und Gewalt ausgesetzt sein werden.
Dieses Versprechen konnte weitgehend gehalten werden. In 75 Jahren Bundesrepublik haben wir uns von dem jahrhundertealten Antisemitismus befreit, der wie eine gefährliche Geisteskrankheit in Europa herrschte. Er beherrschte vor allem die Köpfe der politischen Rechten. Doch kaum wurde rechts - ich spreche hier wohlgemerkt nicht vom rechtsextremen Spektrum - der Kopf der Hydra abgeschlagen, da wächst er auf der linken Seite nach, insbesondere in Berlin.
Und plötzlich sieht alles ganz anders aus. Der Hass auf Israel wird in meiner Heimatstadt wie in der gesamten Bundesrepublik ganz offen und ungeniert artikuliert und schlägt mehr und mehr gegen alle Juden aus. Es ist ein Stimmungsumschwung, der seit zehn Jahren anhält und der – ja – der weitgehend unkontrollierten Einwanderung aus den Ländern des Nahen Ostens geschuldet ist.
Islamistische Gruppen und ihre Unterstützer ziehen unbekümmert und unbehelligt durch deutsche Städte. Ikonen des Terrors gegen Israel und die Juden werden öffentlich verehrt. Darüber stolpert kaum noch jemand.
Der Hass auf Israel und die Abneigung gegen Juden insgesamt haben den Mainstream ergriffen, befeuert von islamistischen Organisationen, die im linken politischen Spektrum und namentlich in der Linkspartei starke Verbündete gefunden haben. Der gemeinsame Nenner dieser unheiligen ideologischen Allianz ist das gemeinsame Feindbild: Israel wird zum Vorposten einer angeblich immer noch nach Kolonisierung strebenden westlichen Welt erklärt. Der Kampf gegen Israel verbindet Gruppen, die sich in fast allen anderen politischen Fragen unversöhnlich gegenüberstehen müssten.
Diese Entwicklung greift auf eine lange Tradition zurück. Bereits nach dem Sechstagekrieg 1967 solidarisierten sich Teile des SDS offen mit der palästinensischen Organisation PLO, die den Staat Israel mit Waffengewalt vernichten wollte. Mitglieder der deutschen Terrorgruppe »Rote Armee Fraktion« (RAF) ließen sich später in Ausbildungslagern palästinensischer Terrororganisationen militärisch schulen.
Für die Linkspartei ist der Israelhass inzwischen wesentlich für die Mobilisierung in den Wahlkämpfen.
Schon damals verband beide Seiten nur der gemeinsame Kampf gegen den Westen und gegen Israel. Eine Koalition mit Tradition also. Allerdings agierte sie damals von den gesellschaftlichen Rändern. Heute reicht sie weit in die Mitte der Gesellschaft.
Für die Linkspartei ist ihr offen zur Schau gestellter Israelhass inzwischen Teil der politischen Identität und wesentlich für die Mobilisierung in den Wahlkämpfen. Auf ihrem Parteitag jüngst beschloss die Linke feierlich, den Krieg in Gaza »einen Genozid« zu nennen. Führende Vertreter übernehmen betont offensiv Begriffe und Deutungsmuster, die ursprünglich aus radikal antiisraelischen Milieus stammen.
Für Islamisten ist diese Entwicklung ein politischer Erfolg von unschätzbarem Wert. Sie müssen ihren Antisemitismus nicht mehr selbst bewerben. Große Teile der politischen Linken übernehmen zentrale Deutungsmuster und verleihen ihnen demokratische Legitimität. Der Linkspartei wiederum erschließt dieses Modell neue Wählergruppen unter den eingebürgerten Arabern: eine Win-Win-Situation also - mit katastrophalen Folgen.
Die ideologische Grundlage dafür liefert ein Weltbild, das die Gesellschaft in Unterdrücker und Unterdrückte einteilt. Aus dem universalistischen Sozialismus, der Menschen unabhängig von Herkunft oder Religion vor allem nach ihrer sozialen Lage betrachtete, wurde in den vergangenen Jahrzehnten in weiten Teilen der Linken Identitätspolitik. Postkoloniale Theorie und Intersektionalität übertragen dieses Denken direkt auf den Nahostkonflikt: Israel ist in diesem Muster kolonialer Täter, die Palästinenser die Opfer.
Moralische Urteile folgen weder Fakten noch Handlungen, allein die zugewiesene Rolle innerhalb dieses Weltbildes ist entscheidend. Entstanden ist ein Deutungsmuster, das noch den brutalsten Terror der Hamas relativierbar macht.
Und so ist es jetzt. So geht es Tag für Tag in den Medien, den sozialen Medien, an den Universitäten, Schulen, in Vereinen und Verbänden: Kaum noch jemand stellt sich dem Sturm entgegen. Wer es versucht, wird umgehend aussortiert, eingeordnet in eine Ordnung, die keine Abweichungen duldet.
Wo ist es heute, das Berlin, in dem ich aufgewachsen bin? In dem genau das, was wir jetzt erleben, nie wieder geschehen sollte? Als nichtjüdische Deutsche, die ich bin, schäme ich mich für mein Land.
Die Autorin ist Reporterin und stellvertretende Politikchefin bei WELT TV.