Herr Tsir Cohen, glauben Sie, dass der Anschlag auf den »Fly Dubai«-Flug die Tat eines Einzeltäters oder ein gezielter Angriff eines feindlichen Staates, beispielsweise des Iran, war?
Wir befinden uns im Moment in der Ermittlungsphase. Wir müssen den Geheimdiensten die Möglichkeit geben, den Täter selbst zu verhören und zu versuchen, Klarheit zu gewinnen. Im Moment gibt es viele Varianten eines »Lone-Wolf«-Szenarios. Was wir insbesondere seit 2015, während der sogenannten ISIS-Ära, beobachtet haben, ist, dass es, selbst wenn es sich um einen terroristischen Einzeltäter handelt, Menschen in seinem Umfeld gibt, die beteiligt waren. Manche wussten lediglich von seinen Absichten, manche unterstützten ihn, manche finanzierten ihn, manche gaben ihm oder seiner Familie Zusicherungen. Es steckt also viel mehr dahinter als nur ein »Lone-Wolf«-Szenario auf der einen Seite oder staatlich geförderter Terrorismus auf der anderen. Wir müssen das aufklären.
Deutet der Anschlag darauf hin, dass die terroristische Bedrohung für Flüge nach Israel zugenommen hat?
Ich denke schon. Wir können diese Terrorhandlung nicht losgelöst von der allgemeinen Situation betrachten. Wir erleben ein angespanntes, sogar gewalttätiges Klima, das seit den letzten drei Jahren im Nahen Osten herrscht, insbesondere seit Anfang 2026, seit dem direkten Krieg mit dem Iran. Wir haben eine allgemeine Atmosphäre, die sehr feindselig gegenüber Israel im Allgemeinen und gegenüber jüdischen Gemeinschaften auf der ganzen Welt ist. Und wir können die Tatsache nicht leugnen, dass es eine Art Nebeneffekt auf die muslimische Welt und auf Muslime auf der ganzen Welt gibt, unabhängig von ihrer Nationalität. Es ist eine Tatsache, dass man im Oman, als Jordanier, Ägypter oder als Türke radikalisiert wird. Und diese Menschen können sich dazu entschließen, eine solche Tat zu begehen. Im Allgemeinen ist also auch die Lage im zivilen Luftverkehr nicht sicherer, es ist im Moment riskanter.
Für israelische Fluggesellschaften gelten besondere Sicherheitsmaßnahmen – Kontrollen vor dem Einsteigen, Sky Marshals, Cockpit-Regeln, Raketenabwehrsysteme. Wie sieht es mit ausländischen Fluggesellschaften aus?
Es geht nicht um Flüge aus Israel, denn die Maßnahmen hier an den israelischen Flughäfen decken alles ab. Wir sprechen von einer Schwachstelle in Bezug auf ausländische Fluggesellschaften, die nach Israel fliegen. Denn diese Flüge finden nicht unter israelischer Flagge statt, die tatsächlich von Anfang bis Ende durch die israelischen Sicherheitsmaßnahmen geschützt wird. Andererseits sind sie aber genauso anfällig, wenn die Mehrzahl der Passagiere Israelis ist. Für einen potenziellen Terroristen macht es keinen Unterschied, wenn er einen Passagierflug voller Israelis zum Absturz bringen will, ob er unter israelischer Flagge fliegt oder nicht. Das Problem ist, dass Israel keine strengen Sicherheitsmaßnahmen auf Flughäfen weltweit durchsetzen kann.
Gibt es da Bereitschaft zur Kooperation?
Die Regierungen der jeweiligen Länder sehen das Problem. Es gibt viel zu tun, um die Messlatte für die Maßnahmen höher zu legen, mit denen wir es Terroristen erheblich erschweren können, einen Terrorakt zu begehen. Manchmal ist allein schon das Vorhandensein dieser Protokolle und Maßnahmen ein bedeutender abschreckender Faktor, der verhindert, dass ein terroristischer Plan überhaupt in die Tat umgesetzt wird. Doch letztendlich ist es auch eine enorme Ressourcenbindung. Das ist finanziell nicht besonders effizient für die Fluggesellschaften, weil sie die Kosten für die Sicherheitsmaßnahmen tragen müssten.
Ist es also sicherer, mit einer israelischen Fluggesellschaft zu fliegen?
Ja, bei Weitem sicherer. Manchmal ist es weniger bequem, weil es nicht allzu viele Flüge gibt. Das wirkt sich auch auf den Preis aus, da gilt das Prinzip von Angebot und Nachfrage auf dem Markt. Aber es ist auf jeden Fall viel, viel sicherer, mit einer israelischen Airline zu fliegen. Gleichzeitig muss man bedenken, dass selbst eine israelische Fluggesellschaft keine hundertprozentige Sicherheit anbieten kann, da einige der Bedrohungen sehr schwer zu erkennen sind.
Was sind das für Bedrohungen?
Zum Beispiel etwas, was wir »Insider-Bedrohung« nennen. Das ist sehr paradox, weil es bedeutet, dass die Person, die eigentlich dafür verantwortlich ist, dich zu schützen oder dich zu bewachen, genau die Person ist, die darauf aus ist, dich zu vernichten. Wie es möglicherweise auf dem Flydubai-Flug war.
In letzter Zeit kann man erleben, dass man zwar bei einer israelischen Fluggesellschaft gebucht hat, aber der Flug dann beispielsweise von einer zypriotischen oder rumänischen Fluggesellschaft durchgeführt wird. Würden Sie in ein solches Flugzeug einsteigen?
Diese Flüge genießen nicht den vollen Schutz einer israelischen Airline, und sie unterliegen nicht den Standards und Protokollen, die für israelische Flugzeuge gelten. Andererseits werden sie so deklariert wie ein israelischer Flug. Seit vielen Jahren wird darüber diskutiert, wie das Schutzprotokoll für Flüge dieser Art aussehen soll. Aber klar ist: Sie erhalten einen etwas weniger strengen Schutz im Vergleich zu einem echten israelischen Flug.
Mit dem ehemaligen Chef der Terrorabwehr des israelischen Gemeindienstes Mossad sprach Detlef David Kauschke.