Seit den Wahlen der vergangenen Wochen fühle ich mich wie zwischen zwei Stühlen eingeklemmt. Nach Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin diskutiert unsere höchst polarisierte Gesellschaft und Medienlandschaft mal wieder zur Genüge über den sogenannten »Antisemitismusvorwurf«, während diejenigen, die uns Juden einschüchtern, bedrohen oder ausgrenzen, aus dem Blick geraten.
Kaum eine andere Diskriminierung verlangt Betroffenen derart häufig ab, zunächst die eigene Erfahrung und Lebensrealität zu verteidigen. Das Wort »Vorwurf« wird dabei nicht harmlos eingesetzt. Natürlich muss jede konkrete Anschuldigung geprüft werden, jedoch wird dabei die Benennung von Antisemitismus als bloßer Vorwurf verhandelt, um berechtigte Warnungen abzuwehren und die Täter-Opfer-Rolle zu vertauschen.
Je länger ich diese überspitzten Debatten über Jüdinnen und Juden beobachte, desto mehr frage ich mich: Wer profitiert denn nun eigentlich tatsächlich vom sogenannten »Judenfetisch«, wie ihn Deborah Feldman in ihrem gleichnamigen Buch anprangert? Ausgerechnet jene, die den »Judenfetisch« anprangern, profitieren von der gesellschaftlichen Nachfrage nach der passenden jüdischen Stimme. Sie erhalten - auch wenn sie in der jüdischen Gemeinschaft in der krassen Minderheit sind - besondere Aufmerksamkeit, wenn sie die Sorgen der Gros aller anderen Jüdinnen und Juden zurückweisen. Ihr Jüdischsein wird dabei zum Gütesiegel, um andere jüdische Stimmen als Teil eines unglaubwürdigen Establishments abzuwerten.
Wer jüdische Menschen in glaubwürdige und unglaubwürdige Zeugen ihrer eigenen Gefährdung sortiert, stärkt weder unsere Vielfalt noch unsere Demokratie. Er macht Solidarität von politischer Übereinstimmung abhängig. Gerade heutzutage werden in Deutschland Jüdinnen und Juden besonders gern gehört, wenn sie eine für die Mehrheitsgesellschaft angenehme, entlastende Botschaft tragen. Etwa: »So schlimm ist es nicht« oder »Es gibt kein Antisemitismusproblem«. Oder wenn sie den israelbezogenen Antisemitismus als legitimen Antizionismus reinwaschen.
Im Offenen Brief zur Unterstützung der Berliner Linken ist die Rede von einer »zynischen politischen Instrumentalisierung«. 150 Unterzeichnende – das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein, denn sie werden als Beleg herumgereicht, dass die Sorge jüdischer Institutionen, Einrichtungen und Menschen übertrieben sei. So muss die Mehrheitsgesellschaft nicht mehr selbst erklären, warum sie eine Warnung vor Antisemitismus zurückweist, sondern kann sich bequem entlasten: Das sagen doch auch die »Berliner Jüdinnen und Juden«, wie es in Medien berichtet wurde.
Genau hier beginnt die Inszenierung einer Aufteilung in »gute« und »schlechte« Jüdinnen und Juden. Die »guten« gelten als aufgeklärt und progressiv, wenn sie dem Zentralrat der Juden oder den jüdischen Gemeinden widersprechen. Die »schlechten« erscheinen als überempfindlich und voreingenommen.
Es ist eine seltsame Form der Anerkennung, die eben durch diesen »Judenfetisch« erst möglich wurde: Antizionistische jüdische Stimmen werden gefeiert, weil sie benutzt werden können, um andere jüdische Stimmen zu entkräften, oder eben um die eigene antisemitische Haltung zu bestärken.
Vielleicht ist der »Judenfetisch« unserer Zeit gerade deshalb schwer zu erkennen, weil er sich als Befreiung von alten Erwartungen ausgibt. Er verlangt von Jüdinnen und Juden nicht mehr, versöhnlich über Deutschland zu sprechen. Er verlangt von den »passenden« Jüdinnen und Juden, den anderen zu widersprechen, und das betrifft jüdisches Leben weit über Berlin hinaus.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob antizionistische Jüdinnen und Juden sprechen dürfen. Selbstverständlich dürfen sie das. Die Frage lautet, warum ihre jüdische Identität von der breiten Mehrheitsgesellschaft so häufig als Schutzschild gegen die Stimmen der jüdischen Mehrheit eingesetzt und wer dadurch tatsächlich diskreditiert wird und wer profitiert.
Die Autorin lebt in Hamburg. Sie ist jüdische Aktivistin und Bildungsreferentin.