Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch hat vor einem möglichen Regierungsbündnis der Berliner Linken mit SPD und Grünen gewarnt. In der ARD-Sendung »Maischberger« sprach die 93-Jährige zudem über ihre wachsende Sorge angesichts des Antisemitismus in Deutschland und über die Angst vor einer politischen Entwicklung, die sie an frühere Zeiten erinnert.
»Ich habe Angst«, sagte Knobloch in der Sendung. Sie bezog sich dabei auf den Antisemitismus an den politischen Rändern. Sowohl von rechts als auch von links gehe eine Gefahr aus. Besonders beschäftigt sie derzeit die politische Situation in Berlin.
Nach der Abgeordnetenhauswahl im September wird die Linke eine zentrale Rolle bei der Bildung der nächsten Landesregierung spielen. Ein Bündnis mit SPD und Grünen ist dabei die wahrscheinlichste Konstellation. Knobloch appellierte an die politisch Verantwortlichen, eine solche Regierungsbildung genau zu prüfen.
»Ernste Entwicklung«
»Hier muss die Politik gründlich aufpassen, dass das nicht passiert«, sagte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ein Bündnis unter Führung beziehungsweise Beteiligung der Linken wäre ihrer Ansicht nach eine gravierende Entwicklung: »Denn das wäre eine große Katastrophe, nicht nur für die Juden in Berlin, sondern für alle Berliner, wenn solche Leute Politik in Berlin durchführen.«
Auch die AfD war Thema des Gesprächs. Knobloch hält deren wachsende Stärke für eine ernste Entwicklung und widersprach zugleich der Frage, ob die Politik der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel für den Aufstieg der Partei verantwortlich gemacht werden könne. »Da sehe ich keinen Zusammenhang«, sagte sie. Die heutige Politik reagiere allerdings »ein bisschen zu langsam«.
Knobloch verwies auf die zunehmende Stärke der AfD und machte deutlich, dass sie sich einen politischen Rückgang der Partei wünsche. Im Gespräch über mögliche Parallelen zwischen den heutigen politischen Entwicklungen und der späten Weimarer Republik fand sie deutliche Worte: »Ich empfinde es als Katastrophe, dass wir uns heute über die Vergangenheit so unterhalten müssen und die Wähler bitten müssen, sie sollen von einer Wahl der AfD Abstand nehmen.«
»Ich habe mich geirrt«
Die 93-Jährige sprach auch darüber, wie sehr sich ihr persönliches Sicherheitsgefühl in Deutschland verändert habe. Noch vor zwei Jahrzehnten habe man hoffen können, dass bestimmte Erfahrungen der Vergangenheit nicht wieder eine derart große Bedeutung erlangen würden. Heute sei die Situation für jüdische Menschen wieder mit Angst verbunden, insbesondere mit Blick auf die Zukunft.
Sollte es der AfD gelingen, ihren Einfluss weiter auszubauen, werde aus der gegenwärtigen Sorge eine Realität, warnte Knobloch. Zugleich wolle sie die Hoffnung nicht aufgeben. »Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam in der Lage sind, auch dieses Problem langsam zu lösen.«
Dafür müssten die Vorsitzenden der Parteien miteinander sprechen und sich intensiv mit der Entwicklung auseinandersetzen. Knobloch nannte dabei auch einen persönlichen Grund für ihr Engagement: Sie wolle verhindern, dass ihre Kinder, Enkel und Urenkel jemals Ähnliches erleben müssten wie sie selbst während der NS-Zeit.
Erinnerung an die Großmutter
Ihre eigene Geschichte schilderte Knobloch in der Sendung ebenfalls. Als Kind erlebte sie, wie jüdische Kinder zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wurden. Erst durch einen scheinbar beiläufigen Moment beim Spielen mit anderen Kindern begriff sie, was es bedeutete, als »Jude« bezeichnet zu werden. »Das hat mich auch in den weiteren Jahren mitgenommen bis zum heutigen Tag«, sagte sie.
Besonders bewegend berichtete Knobloch über ihre Großmutter Albertine Neuland. Im Juli 1942 wurde diese nach Theresienstadt deportiert. Knobloch war damals neun Jahre alt. Die Großmutter habe dem Kind erklärt, sie fahre zu einer Kur.
»Da habe ich geweint und sie hat geweint. Sie wusste, dass sie nicht mehr zurückkommt – und ich wusste es auch«, erinnerte sich Knobloch. Besonders deutlich sei ihr das Bild geblieben, wie ihre Großmutter mit einem hellbraunen Koffer durch das Hoftor ging. Albertine Neuland starb am 19. Januar 1944 im Ghetto.
Unterbringung bei Hausangestellter
Knobloch selbst überlebte die nationalsozialistische Verfolgung, weil ihr Vater 1942 ihre Unterbringung bei einer ehemaligen Hausangestellten organisieren konnte. Die Frau gab das Mädchen als ihr eigenes uneheliches Kind aus. Damit war Knobloch gezwungen, dauerhaft unter einer falschen Identität zu leben.
»Die Gefahr war mir bewusst«, sagte sie. Ihr Überleben sei ein ständiges »Tag-und-Nacht-Spiel« gewesen. Auch die Nachrichten aus dem Radio habe sie damals verstanden. »Da wusste ich auch, was mit mir geschieht. Es ist Gott sei Dank anders gekommen, Deutschland hat den Krieg verloren und wir haben überlebt.« ja