Es sind Worte, die einen ungläubig und fassungslos zurücklassen. Hat er das wirklich gerade gesagt? Meint er das wirklich ernst? Wie kaltherzig kann man sein? Und: Wie jenseits aller Forschungsergebnisse und wie fern der jüdischen Lebensrealität in Deutschland?
Die Rede ist von Wolfgang Benz, Professor a. D. und seines Zeichens Antisemitismusforscher sowie langjähriger Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung. Angesichts der zahlreichen Judenhass-Vorfälle in der Linkspartei hat der Doyen der deutschen Antisemitismusforschung nun dem Berliner »Tagesspiegel« ein bemerkenswertes Interview gegeben.
Darin bezeichnet Benz die dramatischen Antisemitismusfallzahlen in der Hauptstadt im ersten Schritt zwar als »schlimm«, nur um dann gleich klarzustellen: »Dass Juden Angst haben, sagen sie seit 50 Jahren. Schon früher hieß es: Wir sitzen auf gepackten Koffern. Das gehört zur Selbstrechtfertigung jüdischen Lebens in Deutschland.«
Die Tagesspiegel-Redakteure hakten ungläubig nach, ob er der jüdischen Gemeinschaft nicht glaube. Die Antwort: Er glaube den Juden, dass sie Angst haben. »Aber ich weiß auch, dass sie unter Rechtfertigungsdruck stehen, weil sie im Land der Täter leben. Außerdem wird keine Minderheit so gut durch die Polizei gesichert.«
Sprich: Gefühle sind ja subjektiv. Empirie ist etwas anderes. Oder genauer: Habt euch mal nicht so!
Zur Ehrenrettung des deutschen Wissenschaftlers sei gesagt: Wolfgang Benz hat Recht. Wir Juden sind sehr sicher hinter Panzerglas, Stacheldraht und bewaffneten Polizisten. Jedes Mal, wenn wir unsere Kinder im Berliner Grunewald in die jüdische Kita bringen, überkommt uns dieses warme Gefühl der Sicherheit, wenn wir schon von Weitem die Sicherheitsschleuse, die Polizisten und die von der Kita zusätzlich selbst organisierte Security aus Israel sehen.
Dasselbe heimelige Gefühl der Geborgenheit hatten sicher auch viele Beter vor dem Jom-Kippur-Gottesdienst in Halle 2019, als ein Rechtsextremer Attentäter sich anschickte, alle Besucher zu erschießen. Oder vor einigen Tagen die Jüdische Gemeinde in Wuppertal, wo nur wenige Stunden zuvor ein afghanischer Flüchtling versucht hatte, die Synagoge in Brand zu setzen. Oder der junge jüdische Lehramtsstudent Lahav Shapira, als er nach dem 7. Oktober 2023 in Berlin-Mitte von einem arabischstämmigen Kommilitonen mit Knochenbrüchen im Kopf und einer Hirnschwellung fast zu Tode geprügelt wurde. Oder die Beter der Kahal-Gemeinde in Berlin-Mitte an der Grenze zu Wedding, die nicht äußerlich als Jude erkennbar auf die Straße gehen können, ohne eher früher als später verbal oder körperlich attackiert zu werden.
Gut gesichert: Wir Juden sind halt privilegiert!
Manche Wortäußerungen können nur noch mit Galgenhumor begegnet werden, um nicht an dieser neuen alten deutschen Schamlosigkeit der Relativierung eliminatorischen Judenhasses zu verzweifeln. In einer Paarbeziehung würde man bei Benz’ Einschätzung der Lage wohl von Gaslighting sprechen. Das bildest du dir nur ein! Alles halb so wild!
Nun sind die Worte von Wolfgang Benz kein Ausreißer. Man möchte meinen, dass diese Form der Antisemitismus-Relativierung zur Paradedisziplin des sogenannten Zentrums für Antisemitismusforschung gehört. Wann immer es eine große Debatte über lupenreinen Judenhass aus dem linken politischen Spektrum oder aus der muslimischen Community gibt, ist die Berliner Forschungseinrichtung verlässlich zur Stelle mit irritierenden Erklärungen.
Anfang dieser Woche meldete sich Stefanie Schüler-Springorum, die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung, zu Wort, um klarzustellen, dass sie die heftige Debatte über Antisemitismus in der Linkspartei nach deren Wahlsieg in Berlin für nicht angemessen hält.
»Antisemitismus gibt es in allen Parteien«, betonte die 64-Jährige. »Ich sehe hier eine überzogene Diskussion, bei der es offensichtlich auch darum geht, die Regierungsbildung in Berlin zu beeinflussen.« Cui bono also, alles nur eine Schmierenkampagne der CDU.
»Antisemitismus gibt es in allen Parteien«: Würde die Forscherin das auch bei der AfD sagen und als Lappalie abtun?
Wer mag bei offener Verbrüderung der Linkspartei mit Hamas-Unterstützern, Sommerfesten mit PFLP-Aktivisten, Aufrufen zu einer neuen Intifada gegen Israel (zur Erinnerung: über 1000 unschuldige Zivilisten haben palästinensische Terroristen während der beiden Intifadas ermordet), Auslöschungsphantasien Israels und die Verleumdung des jüdischen Staates als »genozidal«, die Neuauflage der alten antisemitischen Ritualmord-Legende, schon von Judenhass reden?
Nicht minder vielsagend und laut war das öffentliche Schweigen des Zentrums nach dem versuchten Genozid der Hamas am 7. Oktober 2023: Damals stellte der Chef des AJC Berlin, Remko Leemhuis, in einem viel beachteten Meinungsbeitrag für diese Zeitung fest: »Seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel hat das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin nichts, aber auch gar nichts Relevantes zur öffentlichen Diskussion beigetragen. Man sollte meinen, dass eine solche Institution dafür prädestiniert ist, wissenschaftliche Erkenntnisse über den antisemitischen Massenmord der islamistischen Einsatzgruppen zur öffentlichen Debatte beizusteuern.«
Und weiter: »Wer sich jedoch näher mit der Forschung des Instituts beschäftigt, stößt unweigerlich darauf, dass der islamische Judenhass in der wissenschaftlichen Arbeit am ZfA seit Jahrzehnten konsequent ignoriert oder relativiert wird und es somit keine Überraschung ist, dass man dort nichts zu diesem Thema zu sagen hat. Ganz im Gegenteil äußerte Uffa Jensen, stellvertretender Direktor und Professor am Institut, Ende des vergangenen Jahres auf die Frage der Verbreitung des Antisemitismus unter Muslimen hierzulande, dass dies ›noch nicht detailliert erforscht‹ sei.«
Selbiger Uffa Jensen machte kurz darauf mit einem anderen Thema bundesweit von sich reden. Zuerst wurde er trotz massiver Proteste aus der jüdischen Gemeinschaft Antisemitismusbeauftragter der TU Berlin (O-Ton Zentralrat der Juden: »Jensens Ernennung grenzt an Ignoranz gegenüber den jüdischen Studenten«). Wenig später stellte er seiner Chefin Geraldine Rauch ein Koscher-Zertifikat aus, der Präsidentin der TU Berlin, die im Internet antisemitische Beiträge geliked hatte.
Warum erkennt das Zentrum für Antisemitismusforschung Judenhass von rechts, nicht aber, wenn er von links oder aus der muslimischen Gemeinschaft kommt? Müsste streng logisch und wissenschaftlich für die Linkspartei nicht dasselbe gelten wie etwa für die AfD? Und für fanatische arabische Judenhasser dasselbe wie für Springerstiefel-Neonazis aus Dortmund-Dorstfeld?
Vielleicht sollte das Land Berlin und die Universitätsleitung sich endlich einmal Gedanken darüber machen, ob ein solches Zentrum wirklich noch eine Daseinsberechtigung hat. Aufgabe von Forschung ist es, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen - und diese nicht aus ideologischen Gründen zu verschleiern.
Zumindest sollte sich das Zentrum für Antisemitismusforschung der Ehrlichkeit halber einen neuen Namen geben: Als Arbeitstitel wäre Zentrum für Antisemitismusleugnung schon mal sicher nicht der schlechteste Vorschlag.
engel@juedische-allgemeine.de