Frau Reuveny, Sie leben seit 20 Jahren in Berlin und haben mehrere Filme über Ihre deutsch-israelische Familiengeschichte gedreht wie »Schnee von gestern« (2014) und »Kinder der Hoffnung« (2021). Wie würden Sie die Beziehungen zwischen deutschen Juden und Israelis in Deutschland beschreiben?
Wir Israelis sind sehr überheblich. Wenn wir Juden treffen, die keine Israelis sind, treten wir mit einem Übermaß an Selbstbewusstsein auf. So war ich jedenfalls, als ich mit 25 nach Berlin kam. Als ob ich als Israelin einen Koscherstempel hätte, den ich anderen aufdrücken kann, als ob ich die Türwächterin eines authentischen Judentums wäre. Aber dieses Bild beschreibt nur die Oberfläche der Beziehungen.
Was liegt darunter?
Wir sind Barbaren. Wir sind euch ein bisschen peinlich, wie der Onkel aus dem Kibbuz, der in Europa unterwegs ist, der immer zu laut redet und keine besonderen Manieren hat. Und das stresst Diaspora-Juden. Trotzdem habe ich von Juden in Deutschland sehr oft als ersten Satz gehört: »Ich habe mal versucht, Hebräisch zu lernen.« Man betrachtet uns manchmal, als seien wir das Original, und man fühlt sich uns gegenüber schuldig. Israelis gelten als die kämpfenden, toughen, »neuen« Juden, während Juden in Deutschland die »alten« sind – neurotisch, still, die, die immer gleich Sonnenbrand kriegen und nicht zur Armee gehen. In Deutschland jüdisch zu sein, ist eine Art Eiertanz, und man braucht als Israeli eine ganze Weile, um das zu verstehen. Aber in den vergangenen drei Jahren ist vieles, was vorher verborgen war, ans Tageslicht gekommen.
Wegen des 7. Oktober 2023 …
… und wegen allem, was danach passiert ist. Das Gespräch mit jüdischen Deutschen, jedenfalls in meinem Freundeskreis, hat sich verändert. Plötzlich höre ich den Vorwurf, dass Israel an der Zunahme des Antisemitismus schuld sei.
Das sagen Ihnen jüdische oder nichtjüdische Deutsche?
In meinem sozialen Umfeld kann man von beiden Seiten mitunter hören, dass »wir« Israelis »euch« Probleme machen: »Warum könnt ihr euch nicht besser benehmen?« Und sehr oft muss ich daran erinnern, dass es nur eine Quelle des Antisemitismus gibt: Antisemiten. Wer Antisemit ist, hat nicht darauf gewartet, dass Israel in Gaza wütet, sondern er war immer schon Antisemit. Aber viele israelische und nicht-israelische Juden sind jetzt in einer Situation, in der sie etwas repräsentieren oder sich für etwas entschuldigen oder verteidigen, was sie gar nicht verteidigen wollen.
Wie geht es Ihnen damit?
Ich fühle mich gespalten: Einerseits gibt es die israelische Yael, die zu den Wahlen nach Israel fliegt und auf Demonstrationen gehen will. Ich bin sehr wütend auf die Regierung, auf alles. Das Land ist hässlich und korrupt geworden, und gleichzeitig ist es mein Zuhause – das tut sehr weh. Und auf der anderen Seite wollen hier in Deutschland alle mit uns über Israel und Palästina und Gaza sprechen. Und wir alle, Juden aus Israel und aus der Diaspora, werden für eine »Hasbara« (»Öffentlichkeitsarbeit«, Anm. d. Red.) rekrutiert, von der wir eigentlich kein Teil sein wollen.
»Ich habe mal versucht, Hebräisch zu lernen« ist auch der Titel Ihres neuen Filmprojekts …
Ja, denn in diesem Satz spiegeln sich die ganze Geschichte, die ganze Komplexität und die ganzen Komplexe. Es geht um dieses ungeschriebene Abkommen zwischen Israel und der Diaspora – was Israel für Juden bedeutet, die nicht dort leben. Ich suche nach Filmmaterial, nach privaten Home-Videos, die Juden aus Deutschland gefilmt haben, wenn sie Israel besuchten. In einer Aufnahme für meine Videoarbeit »Mesubin« in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin sagte mir der mittlerweile verstorbene Gerhard Baader: »Ich denke, ich hätte nicht weiter in Westeuropa leben können, wenn es Israel nicht gegeben hätte.« Es geht also nicht nur um einen sicheren Zufluchtsort, sondern um etwas Tieferes.
Aus welcher Epoche suchen Sie Videos?
Handy-Videos interessieren mich nicht. Ich suche Home-Videos ab der Staatsgründung Israels 1948 bis etwa zum Jahr 2000, als Menschen anfingen, mit Telefonen zu filmen. Deshalb möchte ich Jüdinnen und Juden aus Deutschland bitten, mir ihre Filme zu bringen. Wenn ich meine Freunde danach frage, sagen erst immer alle, sie hätten keine, und dann heißt es, aber vielleicht auf dem Dachboden meines Vaters gibt es eine Kiste … Viele haben solche Kisten und wissen gar nicht, was darin ist, welche interessanten Schätze dort schlummern. Wenn also jemand Ihrer Leser so etwas besitzen sollte – wir bieten an, das Material zu digitalisieren und zusammen zu schauen, was dabei herauskommt. Bitte melden Sie sich!
Was ist, wenn Sie zehn Home-Videos von Barmizwa-Feiern an der Kotel bekommen?
Ich bin sicher, dass ich genug Filme finden werde. Es gibt die Themenbereiche Tourismus, Familie und »special interest«. Viele Menschen haben in Israel Bäume gepflanzt, auch davon gibt es Aufnahmen. Aber ich bin für alles bereit. Für eine Frau, die auf einem Kamel reitet, für eine Barmizwa an der Kotel, für eine Hochzeit im »Hilton« am Meer … Ich nehme alles.
Wie entstand die Idee für den Film?
Der Film ist Teil des DFG-Forschungsprojekts »Jüdisches Filmerbe zwischen kultureller Praxis und Gedächtnisinstitutionen« in Potsdam, unter anderem an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Lea Wohl von Haselberg hat mich darauf angesprochen, was ich dazu beitragen will, und es war meine Idee, Filme aus Privatarchiven zu erforschen. Ich habe Filme aus den 60er-Jahren gesichtet: Juden, die in Europa sehr viel durchgemacht hatten, haben sich eine Kamera gekauft und Israel besucht. Und man sieht ihnen an, dass dieser Ort für sie ein Wunder ist. Man sieht das Staunen durch die Kamera: jüdische Kinder auf der Straße! Mit Sandalen, ohne Strümpfe! Ein hebräischer Bus! Eine hebräische Konservendose! Hebräisches Klopapier! Schehechiyanu, ein jüdischer Staat!
Sie wollen also einen historischen Film machen, keinen aktuellen …
Der Film ist aktuell, aber die Perspektive ist historisch. Ich will die Filme ansehen zusammen mit den Menschen, die sie gedreht haben, und mit ihnen oder ihren Kindern oder Enkeln darüber sprechen.
Wird es ein Fernseh- oder ein Kinofilm?
Es kommt darauf an, wie viel Material ich finde. Ich hoffe, es wird ein Film für Festivals in einer Länge von etwa 30 Minuten. Wenn ich genug finde, wären 90 Minuten natürlich ein Traum.
Zurück zum Anfang: Sie leben seit 20 Jahren hier. Haben Sie das Gefühl, allmählich eine deutsche Jüdin zu werden?
Wenn Sie meine Familie und meine Freunde in Israel fragen würden, würden sie sagen, dass ich sehr deutsch geworden bin. Vielleicht passt mein Charakter auch ein bisschen zu Deutschland. Ich selbst würde sagen, ich bin sehr israelisch. Aber bei vielen Israelis, die seit dem 7. Oktober gekommen sind, merke ich: Das ist eine ganz andere Migration als damals bei mir. Ich bin nach Deutschland gekommen, weil ich Lust darauf hatte. Jetzt bin ich bin hier so etwas wie das Empfangskomitee. Jede Woche bekomme ich eine Mail: »Hey, erinnerst du dich an mich? Wir haben uns einmal getroffen. Wie findet man eine Wohnung? Wo gibt es einen Kindergarten? Wo finde ich Arbeit? In welchem Viertel lebt man am besten? Gibt es Antisemitismus? Kann man die Kinder in Kreuzberg in die Schule schicken?«
Wird Ihnen das manchmal zu viel?
Ich versuche zu helfen, so viel ich kann. Ich finde es sehr traurig. Ich denke auch, dass die meisten nicht bleiben werden. Manche von ihnen sind aus Israel weggegangen, weil sie den Krieg nicht mehr aushalten konnten, weil sie nicht mit den Kindern im Bunker sitzen wollten. Viele meiner Filmemacherkollegen in Israel haben Probleme wegen der dortigen Regierung, die die Filmindustrie als ihren Feind ansieht, und außerhalb Israels werden sie boykottiert.
Ein Problem, das Sie nicht hatten …
Ich habe hier als junge Frau tolle Karrierechancen gehabt. Vor 20 Jahren waren Israelis in Berlin sehr beliebt. Die Leute, die jetzt kommen, sind 50 und haben Kinder. Sie werden selbst kein Deutsch mehr lernen, und die deutsche Filmindustrie wartet nicht auf sie. Übrigens denke ich, dass ich auch deshalb in Berlin mit offenen Armen empfangen wurde, weil ich für viele nichtjüdische Deutsche eine viel bequemere Jüdin bin als jüdische Deutsche.
Inwiefern?
Weil die Existenz jüdischer Deutscher oder deutscher Juden viel komplexer für die Mehrheitsgesellschaft ist. Am einfachsten ist es, sich mit toten Juden zu beschäftigen. Oder mit israelischen oder angelsächsischen oder amerikanischen Juden. Ich bin exotisch genug, damit sich Deutsche in meiner Gegenwart wohlfühlen. Aber warum sollen Israelis in Berlin interessanter sein als Juden in Frankfurt? Das ist der Ausgangspunkt für mein Filmprojekt: Ich möchte hören, was sie zu sagen haben.
Und wenn einige von ihnen sagen, dass sie innerlich auf Abstand zu Israel gehen?
Das kann ich auf eine Weise verstehen, aber dann komme ich nicht umhin, mich verlassen zu fühlen. Israel ist meine Heimat, und ich kann es nicht einfach aufgeben zu versuchen, dieses Land zu einem besseren zu machen. Wenn wir das nicht tun, wird es für uns alle sehr bitter enden. Genau an diesem Punkt sind wir Israelis in unserer Beziehung zu den Juden in der Diaspora: Werdet ihr uns helfen, Israel zu »reparieren«? Ich fühle mich übrigens auch verraten von Juden, die Israel mit geschlossenen Augen gegen alle Kritik verteidigen. Denn wir müssen gegen äußere, aber im Moment vor allem gegen starke innere Widerstände kämpfen. Aber was ich in mir entdecke, welche auch immer meine politischen Ansichten sein mögen: Ich möchte keine Jüdin sein in einer Welt, in der es kein Israel gibt. Bei aller Kritik: Auf Israel zu verzichten, ist unmöglich.
Mit der Regisseurin sprach Ayala Goldmann. Wer Filmaufnahmen zu dem Projekt beitragen will, kann sich per E-Mail an yael@yaelreuveny.com wenden.